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Gefangener 24601

20. Februar 2013

Musicals sind wirklich nicht mein Fall. Ins Theater gehe ich dafür schon gar nicht und auch nur selten gibt es einen Musical-Film, der mich wirklich begeistern kann. Ja, die Klassiker wie „West Side Story“ oder „Grease“ find ich schon toll. Und ja, ich mag sogar Baz Luhrmanns „Moulin Rouge“. Aber im Endeffekt war’s das auch schon. Beim Musical sag ich dann doch lieber „Nein, danke“. Daher dürfte es jetzt wahrscheinlich schon verwundert, dass ich ausgerechnet über Tom Hoopers Filmfassung von „Les Misérables“ schreibe. A) ein Musical und b) auch noch ein Film von Tom Hooper, dessen „The King’s Speech“ ich ja nach wie vor für vollkommen überbewertet halte (nicht schlecht, aber überbewertet). Aber diese „Les Misérables“-Verfilmung ist ja ganz großes Kino – wenn man bedenkt, dass es die erste richtige Verfilmung des Musicals ist. Das mal so nebenbei eines der erfolgreichsten überhaupt ist.

Les Misérables“ basiert auf den Roman „Die Elenden“ von Victor Hugo. Der Gefangene 24601, später besser bekannt als Jean Valjean (Hugh Jackman), wird nach gut 20 Jahren aus dem Zuchthaus entlassen (das kommt davon, wenn man im Frankreich zur Zeit der Französischen Revolution Brot stiehlt). Doch seine Vergangenheit als Häftling hindert Valjean daran, ein neues Leben anzufangen. Und so entscheidet er sich dafür, seine Papiere zu zerreißen, um neu anfangen zu können. Ein paar Jahre später: Valjean ist tatsächlich ein neuer Mensch, besitzt eine Fabrik und ist sogar Bürgermeister. Doch seine Existenz ist in Gefahr, als der Polizeiinspektor Javert (Russell Crowe) ihn erkennt. Auf seiner Flucht vor Javert nimmt Valjean die junge Cosette (Amanda Seyfried) auf – aus Mitleid, weil er ihre Mutter Fantine (Anne Hathaway) nicht retten konnte.

Das war jetzt eine wirklich sehr dürftige Inhaltsangabe. Tom Hoopers „Les Misérables“ ist ein Fast-Drei-Stunden-Epos, in dem es um Liebe und Schmerz geht, um den Kampf der Franzosen für ihre Freiheit und Kampf Valjeans für seinen Frieden. „Les Misérables“ spielt über mehrere Jahre, eine Tatsache, die Hooper ganz gut überwindet. Er hat das richtige Gespür, wann er dem Zuschauer die nächste Epoche in diesem großen Drama präsentiert. Die Geschichte bleibt dank großartiger Schauspieler spannend, auch wenn man schnell merkt, dass Hooper scheinbar einiges aus dem Original kürzen musste. So muss man sich als Unwissender in Sachen „Les Misérables“ schon fragen, warum Inspektor Javert so einen unbändigen Hass auf Valjean hat. In keinster Weise rechtfertigt der Film die Aktionen des Inspektors… wir Unwissende müssen das einfach so hinnehmen. Gleiches gilt für die Liebesgeschichte zwischen Valjeans Ziehtochter Cosette und dem Studenten Marius. Der sieht sie einmal kurz – und BUMM!!! Es ist um die beiden geschehen. Liebe auf den ersten Blick und mit beidseitigem Einverständnis ist mir so schnell noch nicht untergekommen.

Aber gut, angesichts der Tatsache, dass Tom Hooper hier wirklich ein opulentes Meisterwerk auf die Leinwand bringt, will ich mal nicht so sein. Schließlich stockt einem schon bei der ersten Szene der Atem, wenn die unzähligen Gefangenen in der Werft wie Sklaven ein riesiges Schlachtschiff an Land ziehen. Und Hooper hat einige solcher Szenen, die immer wieder tolle optische Höhepunkte liefern… auch wenn das absolute Highlight des Films eine 5-minütige Nahaufnahme von Hathaways Gesicht ist, während sie Fantines „I Dreamed A Dream“ weint.

Womit wir dann wohl beim Wichtigsten wären: Die Musik, die Lieder und die Sänger. Fangen wir mit dem Guten an. Verdammt noch eins, Russell Crowe hat ein fürwahr klangvolles Stimmchen. Was für fast alle in diesem Film zutrifft… nur Amanda Seyfrieds Stimme wollte sich in meinen Ohren einfach nicht schön anhören.

Musical heißt, es wird viel gesungen. Für Tom Hooper bedeutet das, es wird durchgehend gesungen. Womit „Les Misérables“ eigentlich nicht Musical, sondern Oper genannt werden sollte. Und hier musste ich mich schon sehr zusammenreißen, um nicht zu lachen. Die Musical-Songs sind super, keine Frage. Aber die gesungenen Dialoge – gerade „Streitgespräche“ zwischen Jackman und Crowe – wirken an vielen Stellen unmusikalisch und albern. Ich weiß, ich weiß… ich bin da vielleicht ein bisschen engstirnig, doch gesprochene Dialoge wären mir an dieser Stelle einfach lieber gewesen.

Im Gegensatz zu „The King’s Speech“ kann ich aber bei „Les Misérables“ schon verstehen, wenn da ein bisschen mehr Wind drum gemacht wird. Es ist – bis auf die gesungenen Dialoge, die mich echt genervt haben – ein toller Film. Hooper lässt seine Schauspieler während der Dreharbeiten live (nicht Playback!!!) singen, was man den Songs anmerkt. Gerade die dramatischen Sterbe- oder Liebessongs werden extrem emotional. „Les Misérables“ ist für alle Fans des Musicals wohl jetzt schon ein Muss, aber auch Musical-Verächter wie ich können dem Film das ein oder andere noch abgewinnen… auch wenn mir ein bisschen weniger Singen gut getan hätte. Ich sag’s ja nur…

Wertung: 7 von 10 Punkten (mal sehr emotional, mal einfach nur nervig ist diese Musical-Oper vor allem was für wahre Musical-Fans)

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16 Kommentare leave one →
  1. 20. Februar 2013 13:15

    Hier gilt das gleich wie bei Owley. Die Wertung ist registriert und die genaue Lektüre folgt dann nach dem heutigen Kinobesuch.
    Da ich allerdings Musicals (im Kino) mag, freue ich mich sehr darauf!

    • donpozuelo permalink*
      20. Februar 2013 14:32

      Oh… das ist dann schon eine bessere Voraussetzung als bei mir. Trotzdem glaube ich, dass auch dir einige Story-Ungereimtheiten sauer aufstoßen werden. Aber da warten wir einfach mal ab 😉

      • 21. Februar 2013 14:42

        So kam es dann auch. Als Musicals durchaus wohlgesinntem Zuschauer, hatte ich an dem Film wahnsinnig viel Spaß – und mein Rücken musste sich erstmal von der Gänsehaut erholen.
        Allerdings ist der prächtig ausgestattete Film einfach zu lang. Hooper hat sicher viel gekürzt, aber das reichte nicht, um den Film auf ein wirklich angemessenes Maß an Länge zu kürzen.
        Aber verdammt noch mal. Ich kann dem Film nicht mal wirklich wegen seiner Überlänge böse sein, weil mich die Songs einfach umgehauen haben.

        • donpozuelo permalink*
          21. Februar 2013 15:06

          Aber hat dich dieses ständige Singen nicht gestört??? Bei den klassischen Musical-Songs hatte ich auch Gänsehaut. Die waren wirklich toll. Aber der Rest… hätte man auch als normale Dialoge verpacken können.

          Und dass trotz Überlänge so wichtige Sachen nicht geklärt werden wie: Warum jagt Javert Valjean so unerbittlich??? Und warum ist da auf einmal dieses Liebesdreieck??? Das waren so ein paar Kleinigkeiten, die mir zu wenig bedacht wurden. Trotz eigentlicher Überlänge 😉

        • 21. Februar 2013 15:34

          Ich denke, man hätte auch durchaus mehr gesprochene Dialoge einbauen können – die hätten aber im Endeffekt auch nicht viel Zeit gespart – mich hat es beim Singen jedenfalls nicht gestört. Außerdem hätte mehr gesprochener Dialog mehr Synchronisation bedeutet (die im Film so hirnrissig ist…), deswegen bin ich schon aus diesem Grunde glücklich 😀

          Und ok, die Motivation von Javert wird nicht wirklich ersichtlich. Ich kenne keine der Vorlagen, habe aber das Gefühl, dass er es als Verletzung seiner Ehre sieht, dass einer seiner Gefangenen einfach entkommen kann. Bei dem dargestellten Charakter zu der Zeit, in der der Film spielt, reicht mir das auch als plausible Erklärung aus.

        • donpozuelo permalink*
          21. Februar 2013 15:37

          Ja, so habe ich es mir bei Javert dann auch zusammengereimt. Aber gerade bei den drastischen Maßnahmen, die Javert ergreift, wenn er Valjean nicht fassen kann, hätte ich mir da schon etwas mehr gewünscht. So wirkt Javert letzter Schritt schon etwas… sehr krass.

          Ich hab den Film ja zum Glück im Original geschaut, habe aber auch von der „Synchronisation“ gehört 😉 Warum sie nun die einzigen fünf Sätze im ganzen Film auch synchronisieren müssen, verstehe ich echt nicht!

        • 21. Februar 2013 15:40

          Schon, aber ich fand seinen endgültigen Schritt sehr gut umgesetzt (auch wenn es im Publikum Lacher gab).

        • donpozuelo permalink*
          21. Februar 2013 15:42

          Umgesetzt war es auf jeden Fall super. Sowieso… bildtechnisch hat Hooper da echt tolle Arbeit geleistet. Hat mir insgesamt auf jeden Fall besser gefallen als „The King’s Speech“. Bin mal gespannt, wie der Film so bei den Oscars abschneiden wird.

  2. 22. Februar 2013 13:18

    Ich kann dem Film irgendwie so gar nichts abgewinnen…vielleicht hätte man mich in der schule auch zu diesem Zeug zwingen müssen, aber so wart ich mal auf die Fernsehausstrahlung^^

    • donpozuelo permalink*
      22. Februar 2013 13:31

      Ich kann sowas eigentlich auch nur sehr wenig abgewinnen – außer den oben genannten Ausnahmen 😉 Aber ich denke mal, der Film richtet sich auch sehr viel eher an diejenigen, die das Musical bereits kennen und lieben.

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