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Die große Katze und das Meer

28. Dezember 2012

„Unverfilmbar“ ist kein Prädikat mehr, vor dem man in Hollywood zurückschreckt. „Unverfilmbar“ heißt nur, dass sich der Richtige noch nicht gefunden hat, um das Experiment zu wagen. Beispiele wie unverfilmbar auf einmal doch verfilmbar wird, gibt es genügend, die ich an dieser Stelle wohl nicht alle aufzählen muss. Und so, finde ich, sollten wir die Vokabel „Unverfilmbar“ aus unserem Sprachgebrauch streichen. Das neueste Beispiel für „Unverfilmbar geht doch“ liefert Meister Ang Lee mit seiner Verfilmung von Yann Martels sehr zu empfehlenden Roman „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“. Dabei muss man sich schon ein bisschen fragen, was daran jetzt genau der unverfilmbare Teil war. Immerhin gibt es „Schiffbruch“-Filme wie… ja, wie Sand am Meer. Tom Hanks redete mit Volleyballen, Robinson mit Freitag, was sollte also so schwer sein an einem Jungen, der mit einem Tiger Schiffbruch erleidet?

Aber eins nach dem anderen: Zum Inhalt muss man ja eigentlich nicht mehr viel sagen. Der deutsche Zusatztitel sagt da eigentlich schon alles wichtige. Der junge Pi (Schauspiel-Neuling Suraj Sharma) wächst in Indien auf, wo seine Familie einen Zoo betreibt. Irgendwann versickern die staatlichen Förderungen und die gesamte Familie zieht um… nach Kanada. Die Tiere werden kurzerhand auf einen Frachter geladen (schließlich können die immer noch gut verkauft werden) und los geht’s. Bei einem Sturm direkt über dem Mariannengraben sinkt das Schiff. Als einziger menschlicher Überlebender rettet sich Pi auf ein Rettungsboot – das er sich aber mit dem Tiger Richard Parker teilen muss.

Schwierigkeit Nummer 1 an „Life of Pi“ dürfte wohl der Tiger sein. Ang Lee „verbrauchte“ vier reale Tiger für Mr. Parker, der dann auf dem kleinen Kahn fauchen und knurren durfte. Sobald sich aber Tiger und Pi in einer Szene wirklich nah an die Pelle gehen, wurde Richard Parker von einem Computer-Double gespielt – eine Tatsache, die man dem Katzentier nun wirklich kein einziges Mal anmerkt. Es ist schon erstaunlich, wie Ang Lee Tiger Parker auf die Leinwand bringt. Die gefährliche Bestie ist eine Bedrohung, die den Schiffbruch schon fast vergessen lässt. Richard Parker knurrt immer irgendwo im Hintergrund. Man sollte dabei aber nicht denken, dass der Tiger hier zum Monster wird – im Gegenteil, er wird die Aufgabe, die es zu bewältigen gilt. Dabei gewährt Ang Lee dem Tiger durchaus auch seine komödiantischen Momente, beispielsweise wenn der hungrige Bursche den Fischen im großen weiten Meer hinterherjagt.

Schwierigkeit Nummer 2 bewältigt nicht Ang Lee, sondern Suraj Sharma. Ich muss immer noch schmunzeln, wenn ich daran denke, dass der Gute nur seinen Bruder zum Casting begleitete. Darauf gefragt, ob er gerade nichts zu tun hätte, verneinte er und sprach einfach mal für die Rolle vor. Für einen Laien, der vorher weder schauspielern noch schwimmen (!!!) konnte, ist Sharma einfach nur großartig. Der schmächtige Junge hat eine unglaubliche Leinwandpräsenz, die „Life of Pi“ zum einen Highlight macht. Als einzige menschliche Bezugsperson in diesem Film leiden wir durch ihn, freuen uns mit ihm über seine Erfolge und hoffen mit ihm auf Erlösung.

Doch das waren bis jetzt ja mehr Peanuts. Bis hierhin ist „Life of Pi“ doch noch sehr verfilmbar… Computer-Tiger waren auch schon früher möglich, und Schiffbrüchige sowieso. Kompliziert wird es bei „Life of Pi“ wohl eher bei der Tatsache, dass der ganze Film nur auf einem kleinen Boot spielt. Da gibt’s nur Meer, Meer und noch mehr Meer drumherum. Aber wenn uns Filme wie „Buried“ oder „127 Hours“ eins gelehrt haben, dann dass auch Mini-Settings spannend inszeniert werden können. Und im Gegensatz zu den beiden genannten Filmen haben wir bei „Life of Pi“ das unendliche, unendliche Meer (bzw. ein riesiges Wellenbad und jede Menge Green-Screen, was am Ende dann aber doch nur wie das unendliche, unendliche Meer aussieht).

Hier holt Ang Lee dann auch so richtig aus und überwältigt seine Zuschauer mit grandiosen Bildern. Das Meer selbst wird hier Hauptdarsteller Nummer 3. Da sich Ang Lee scheinbar bestens mit seinem 3D auseinander gesetzt hat, möchte man fast sagen, die ersten drei Reihen könnten ein wenig nass werden… aber Spaß beiseite: „Life of Pi“ sieht wirklich spektakulär aus – ob nun Sturm oder Flaute oder fliegende Fische oder was auch immer. Wohl nur Meeresliebhaber James Cameron hätte das noch besser hinbekommen.

Bei all dem Lob gibt es auch nur eine winzig kleine Kleinigkeit, die mich störte: Es gibt kein so richtiges Happy End. Das verschluddert Ang Lee und haut es so in den letzten paar Minuten so wahrlos hin. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich bei dieser Art „Katastrophen-Film“ gerne ein Happy End habe… ich weiß es nicht, aber da fehlte mir am Ende doch etwas.

Trotzdem, Yann Martel kann zufrieden sein, Ang Lee und wir auch. Selbst den religiösen Unterton der Geschichte verpackt Lee für Gläubige und Heiden gleich schmackhaft ohne mit der Gott-Keule zu kommen… und so darf man am Ende doch noch ein bisschen darüber nachdenken, was wäre wenn.

Somit bleibt mir noch, mich zu wiederholen: „Life of Pi“ ist ein wunderschöner Film, der einmal mehr auch deutlich macht, dass wirklich nur Könner auf dem Regiestuhl in 3D drehen sollten.

Wertung: 9,5 von 10 Punkten (wenn ich noch mein kitschiges Happy End bekommen hätte, dann hätte ich auch bestimmt geweint 😉 )

P.S.: Zum Thema „Unverfilmbar“ fällt mir dann am Schluss noch ein Buch ein, dass diesen Titel möglicherweise tatsächlich zu Recht tragen würde: Mark Z. Danielewskis „House of Leaves“ – ein unglaubliches Buch, sehr zu empfehlen und definitiv NICHT zu verfilmen bzw. würde jeder Versuch kläglich scheitern!!!

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7 Kommentare leave one →
  1. 29. Dezember 2012 23:59

    Ich weiss ehrlich gesagt noch nicht was ich vom Film halten soll, vor allem das Ende liess mich etwas verwirrt zurück…naja vielleicht brauch ich ne 2. Sichtung

    • donpozuelo permalink*
      30. Dezember 2012 10:24

      Ich sag ja, das Ende ist wirklich ein bisschen merkwürdig. Ist aber leider Buchgetreu und soll halt zum Nachdenken anregen. Nur leider wird dieser letzte Teil so schnell dahingerotzt, dass man als Zuschauer plötzlich gar nicht mehr weiß, was denn jetzt eigentlich los ist. Das zieht einen so bisschen raus. Da wäre mir ein klassisches Happy-End halt wesentlich lieber gewesen.

  2. 13. Januar 2013 09:12

    klar ein filmisches highlight der letzten wochen. erzählerisch top und selten habe ich seit avatar einen so schönen film gesehen (auch optisch)

    • donpozuelo permalink*
      13. Januar 2013 22:18

      Willkommen!!!

      Ja, gerade optisch ein absolut grandioser Film. Selten so tolles 3D gesehen.

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