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Der Tunnel-Song

12. Dezember 2012

Wie lange ist das eigentlich schon her, dass man eine Frau mit einem Mixed Tape beeindrucken konnte? Und ich meine wirklich beeindrucken!!! Ich kann mich noch an mein selbst kreiertes erstes Mixed Tape erinnern – da gingen schon mal ein paar Wochen für drauf. Man musste rechtzeitig auf Record drücken und beten, dass der Moderator nicht dazwischen quatscht oder den Song wegen irgendwelcher Verkehrsmeldungen unterbricht. So ein Mixed Tape war dann aber am Ende auch ein ernsthafter Liebesbeweis, ein Zeichen von tiefster Anerkennung. Heutzutage wurden wir diesem Mittel zum Liebesbekenntnis beraubt. Wie will man schon ein Mixed Tape machen, wenn kein Schwein mehr Tapes hat. Selbst die Mixed CD würde wohl kaum noch vom Hocker reißen, denn da steckt nicht annähernd so viel Arbeit drin.

Ja, ja… die guten alten Zeiten. Gerade bei Filmen, in denen es ums Erwachsen-Werden geht, neige ich dazu, selbst in Erinnerungen zu schwelgen. Deswegen halt die Schwärmerei vom Mixed Tape. Das spielt nämlich auch in „The Perks of Being A Wallflower“ eine wichtige Rolle (ich wehre mich hier jetzt offiziell gegen den furchtbaren deutschen Titel „Vielleicht lieber morgen“ und werde ich hier nicht wieder benutzen – so ein blöder Misttitel.)

Der junge Charlie (Logan Lerman) hat eine schwere Zeit hinter sich. Er versucht mit dem Selbstmord eines Freundes klarzukommen, indem er in Briefen an einen unbekannten Freund über sein Leben schreibt. An der High School hat der introvertierte Junge anfangs keine Freunde, doch dann lernt er Patrick (Ezra Miller) und dessen Stiefschwester Sam (Emma Watson) kennen. Die holen Charlie aus seinem stillen Kämmerlein, eröffnen ihm eine ganz neue Welt – und obwohl Charlie sich in dieses neue Leben und vor allem in Sam verliebt, kann er ein Geheimnis von sich nicht loslassen.

Ich liebe es, wenn Filme so viel mehr sind als ich vom Trailer her erwartet hatte. Der Trailer (und wohl auch die sehr grobe Inhaltsangabe) kann täuschen. „The Perks of Being A Wallflower“ lässt vermuten, es handele sich bei dem Film von Stephen Chbosky um einen weiteren Loser-Film, in dem der brave Streber erst gar keine Freunde hat und dann am Ende ganz viele. Aber so einfach kann man den Chboskys Film nicht in eine Schublade packen. Natürlich trifft man auf das ein oder andere Klischee. Charlie entdeckt die Musik, Drogen, Mädchen und all das für sich, wovor er sich versteckt hielt. Doch „The Perks…“ ist so viel mehr als nur Musik, Drogen und Mädchen. Und zwar vorwiegend deswegen, weil Chbosky jeder Figur ihr kleines Geheimnis lässt, das man als Zuschauer erst einmal offenbaren muss. Keine dieser Personen ist von vornherein zu durchschauen, sie haben alle ihre Ecken und Kanten, aber gerade das macht sie allesamt so verdammt liebenswert.

Damit diese einzelnen Figuren auch wirklich so verdammt liebenswert sind, braucht es gute Schauspieler, die jede einzelne Facette des Menschen auch darstellen können. „The Perks…“ ist einer dieser Filme, der nur durch gute Schauspieler funktionieren kann. Und da hatte ich anfangs meine Zweifel. Die Hauptrolle, Logan Lerman, kannte ich bisher nur von diesem untragbaren „Percy Jackson“-Film. Da war Lerman furchtbar. Aber scheinbar hat der Junge eine ganze Menge dazugelernt, denn hier ist er einfach nur umwerfend. Sein Charlie wirkt immer so ein bisschen wie eine Art nerdiger „Rainman“ – einer, der in der High School wahrscheinlich wirklich arg zu kämpfen hätte. Neben Lerman glänzt Ezra Miller als schillernder Paradiesvogel gefangen in einem Käfig, der definitiv nicht aus Gold ist. Dass Miller großartig ist, weiß der ein oder andere, der ihn in „We need to talk about Kevin“ gesehen hat. Dieses Mal darf er aber mehr sein als nur das böse und grimmig dreinblickende Kind von Tilda Swinton. Er ist der Kleber, der diese ganze kleine Gruppe zusammenhält – liebenswert verrückt und abgedreht. So ein wenig die Art von Freund, die man tatsächlich gerne hätte.

Und dann hätten wir da noch die Dame in diesem wunderbar leichtfüßigen Film: Emma Watson. Zum Glück bin ich nicht durch ihre Darstellung der Hermine in den „Harry Potter“-Filmen vorbelastet. Dies ist wirklich das erste Mal, dass Watson mir „über den Weg läuft“. Was soll ich sagen? Ich fand sie zauberhaft. Dieser Frau hätte ich auch sofort mehrere Stunden für ein Mixed Tape investiert.

Stephen Chbosky hat alles richtig gemacht, indem er seinen eigenen Roman einfach selbst verfilmt hat. „The Perks of Being A Wallflower“ ist ein bewegender Film geworden, ganz ohne Kitsch, dafür aber mit viel Herz, Witz und Liebe.

Wertung: 10 von 10 Punkten (ich verlange mehr Mixed Tapes!!! )

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22 Kommentare leave one →
  1. 12. Dezember 2012 07:50

    Jep, bester Film 2012 bisher (mal sehen, ob der Hobbit da nachher noch was entgegen zu setzen hat).
    Bei Lerman hatte ich auch tierisch Zweifel, der war nicht nur in „Percy Jackson“ schlecht, sondern auch in „Gamer“ schrecklich. Aber, oh Wunder: da steckt ja doch Talent drin, wenn’s mal nicht nur so ’ne olle Kiddie-Scheiße zu spielen gibt 😉
    Und Miss Watson… traumhaft hier. Die wird sich ganz schnell von der ganzen Potter-Mania freispielen.

    • donpozuelo permalink*
      12. Dezember 2012 09:08

      Stimmt, jetzt wo du es sagst… in „Gamer“ war der Gute ja auch. Naja, so richtig ins Hirn gebrannt, hat er sich jetzt erst durch diesen Film. Und Miss Watson… hach, einfach nur traumhaft. Wie gesagt, für sie würde ich auch sofort ein Mixed Tape erstellen 😉

  2. 12. Dezember 2012 08:57

    Na also, wieder in altbekannten Gefilden 🙂

    • donpozuelo permalink*
      12. Dezember 2012 09:05

      Och Manno, Florian. Kannst du auch mal was anderes schreiben, außer dich immer über meine Zahlen auszulassen? Ich habe schon jedes Mal Angstschweiß auf der Stirn! 😉

      Außerdem geht’s doch nur oberflächlich um diese blöde Zahl am Ende des Films. Die Review ist doch das, was zählt. Oder liest die da jemand etwa nicht???

      • 12. Dezember 2012 10:09

        Doch doch, wobei ich jetzt nicht rausgelesen habe, warum der hier so toll sein soll, außer dass es Mixtapes gibt und du die Idee toll findest und die Schauspieler in Ordnung. Vielleicht hat das ja mit Spoiler-Gründen zu tun, aber inzwischen ist es durchaus so, dass ich bei jedem neuen Review hier – und die kommen ja alle 2-3 Tage – auf die Wertung schau, primär weil es bis auf Anna Karenina seit Oktober oder so nichts mehr unter einer 9 gab. Das ist eher amüsiertes Spiel, kein wirklicher Vorwurf. Ist ja toll, wie neulich gesagt, wenn man derart viele tolle Filmerlebnisse hintereinander hat 🙂

        • donpozuelo permalink*
          12. Dezember 2012 10:33

          Es gibt viele Dinge, die an „The Perks of Being A Wallflower“ toll sind, die man aber besser unerwähnt lassen sollte. Spoiler-Gefahr besteht hier durchaus. Da will man nicht zu viel kaputt machen. Ist halt einfach ein wirklich großartiger Film.

          Und ja, was soll ich zu den Wertungen sagen??? Scheinbar habe ich in letzter Zeit einfach ein glückliches Filmhändchen 😉

        • 12. Dezember 2012 15:31

          Ach, poste doch einfach mal zwischendurch eine Review zu einem Schrottfilm, wahlweise Twilight oder Mirror, Mirror, und dann gibt der Kerl auch Ruhe. 😉

          Stimme dir ansonsten ja total zu. Grad bei so Indie-Zeug sind wir ja fast immer einer Meinung 🙂

        • donpozuelo permalink*
          12. Dezember 2012 16:57

          😀 Ja, das Indie-Zeug sehen wir fast immer gleich stimmt.

          Was die Schrott-Rezension angeht… da kommt bestimmt mal wieder ein Film daher, der wirklich mies ist.

  3. 12. Dezember 2012 12:24

    Logan Lerman kennst du sicherlich auch als „kleine“ Version von Ashton Kutscher in „Butterfly Effect“, wo er deutlich mehr Können gezeigt hat, als etwa in einem „Percy Jackson“.
    Dieser Film steht auf meiner To-See-Liste sehr weit oben. Wann kommt der denn endlich auf Blu-ray raus? 😉

    • donpozuelo permalink*
      12. Dezember 2012 12:59

      Verdammt!!! Wo der Wicht schon alles war… Aber trotzdem, „Wallflower“ wird ab jetzt der Film sein, an dem Lerman gemessen wird.

      Und die Blu-ray kommt, glaub ich, März 2013.

  4. 13. Dezember 2012 12:17

    Jap kann ich alles so nur unterstreichen (aber über Mae „katara, Roxy Rchiter“ whitman verlierst du kein Wort…schäm dich. Und was deutsche Titel angeht die werden mit jedem Jahr dämlicher ich meine „Ralph reichts“? Wieso kann man die meisten nicht einfach so lassen?

    • donpozuelo permalink*
      14. Dezember 2012 13:35

      Naja, bei Kinderfilmen versteh ich es irgendwie noch, dass die den Titel ändern… auch wenn man sicherlich einen schöneren als beispielsweise „Ralph reichts“ hätte finden können. Bei „Erwachsenenfilmen“ sollten sie es echt bleiben lassen… oder mit einem Untertitel arbeiten.

      Und zum Thema „Katara“… da muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich das einfach nicht wusste.

      • 14. Dezember 2012 14:07

        Ich weiss nicht, was ihr habt – das IST ja der Untertitel. Der Film heisst „The Perks of Being a Wallflower – vielleicht lieber morgen“.

        • donpozuelo permalink*
          14. Dezember 2012 14:48

          Also hier bei uns nicht!!! Hier muss der Film nur mit „Vielleicht lieber morgen“ klar kommen. Nix mit „Perks“ und nix mit „Wallflower“. Nur der Verweis auf morgen. 😉

  5. 19. Dezember 2012 11:50

    Naaaaja. Ich weiß nicht, ob es schon an meinem Alter liegt( was nun nicht allzu alt ist )aber irgendwie habe ich den Film so gesehen, dass er am Besten für Jugendliche funktioniert. Nicht, dass ich auch selbst währenddessen etwas in die Vergangenheit gereist bin, aber der Film kann nicht vollends auf einer erwachsenen Stufe stehen, dafür ist er zu zugeschnitten auf eine bestimmte Gruppe, finde ich.
    Emma Watson empfand ich zwar als nett, aber nicht bezaubernd oder so. Es liegt wohl auch viel an der Buchvorlage, dass mir das alles nicht so zusagte.
    Witzig fand ich Ezra, der überraschend positiv aufgefallen ist nach KEVIN. Ich verstehe nur nicht warum er in einem Käfig gefangen sein soll – das bezieht sich dann nur auf seine Beziehung oder? Sonst ist er doch frei wie ein Vogel und interessiert sich nicht was andere denken. 😉
    Bin emotional leider nicht mitgerissen worden, daher auf keinen Fall ein 10/10-Film für mich ^^

    • donpozuelo permalink*
      19. Dezember 2012 11:55

      Mmh… als Jugendlichen würde ich mich jetzt auch nicht mehr sehen 😉 Aber mir hat der Film trotzdem echt gut gefallen. Wer weiß, vielleicht spreche ich auf sowas mehr an. Bei mir war’s halt hauptsächlich dieser persönliche Flashback, der Spaß gemacht hat.

      Watson fand ich super!!! Und Ezra sowieso (und ja, das mit der Beziehung sehe ich als den Käfig, der ihn doch sehr hindert noch freier zu sein).

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