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Der Fluch der Liebe

10. Dezember 2012

Alte russische Literatur war mir immer etwas zu schwer. Wenn man bedenkt, dass dabei auch viele 1000-Seiten-Wälzer darunter sind, dann bekommt diese Aussage sogar eine zweite Bedeutung. Als ich so etwa 13 Jahre alt war, fing mein Vater an, mir aus Dostojewskis „Die Gebrüder Karamasow“ vorzulesen. Schwerer Stoff halt – ein großes Werk der Weltliteratur. Ich fand’s schrecklich… und das einzige, was mir wirklich hängen geblieben ist, ist das berühmte fünfte Kapitel des fünften Buches, in dem ein Großinquisitor den wieder auf die Erde zurückgekehrten Jesus gefangen nimmt und ihm erklärt, warum die Welt ihn eigentlich nicht mehr braucht. Schwer Stoff, aber interessant.

Doch damit war es das eigentlich für mich mit den großen russischen Schriftstellern. Habe mich dann mal noch mal an Gogol und Puschkin gewagt und es dann sein gelassen. Aber damit bin ich scheinbar eine große Ausnahme. Denn der Film kann nicht von den großen Russen lassen und kehrt immer und immer wieder gerne zu ihnen zurück. Daher dürfte es auch nicht verwundern, dass bereits die elfte Verfilmung von Tolstois „Anna Karenina“ dieser Tage ihre Aufwartung macht… dieses Mal in einer Adaption von Joe Wright. Ja, der Mann, der Keira Knightley scheinbar zu seiner persönlichen Muse erwählt hat und ihr deswegen bereits zum dritten Mal die Hauptrolle in einem seiner Filme schenkte.

Elf Mal Anna und die Story ist nach wie vor die gleiche: Anna (Keira Kneightley) ist eigentlich mit dem Beamten Alexei (Jude Law) verheiratet. Im beschaulichen Sankt Petersburg lebt sie das Leben einer edlen Dame und einer liebenden Mutter. Doch das ändert sich, als ihr Bruder Oblonski (Matthew Macfadyen) sie nach Moskau bittet. Er hat seine Frau Dolly nämlich mit einem Dienstmädchen betrogen und Anna soll für ihn die Wogen glätten. Gleichzeitig befindet sich auch Oblonskis Freund Levin (Domhnall Gleeson) in der Stadt, der Dollys Schwester Kitty seine Liebe gestehen will. Doch Kitty ist verliebt in den eleganten Offizier Vronski (Aaron Taylor-Johnson), der wiederum ein Auge auf Anna geworfen hat. Anna lässt sich von ihm verführen und ahnt nicht, welche Folgen das für sie haben wird.

Man muss sich schon ein wenig fragen, warum wir diese Story um Ehe und Moral in der russischen Elite noch einmal brauchen. Zumal die Moral: „Wenn Männer fremdgehen, ist das okay. Wenn Frauen fremdgehen, sollten wir sie lynchen!“ irgendwie so gar nicht mehr in unsere heutige Zeit passt. Warum also sollte man sich „Anna Karenina“ anschauen? Genau beantworten kann man das nicht… vielleicht wollte Joe Wright nach „Hanna“ einfach mal wieder was mit Keira machen und uns so große Literatur näher bringen. Wer weiß?

Immerhin gelingt es Wright dem angestaubten Stoff einen wunderbaren neuen Anstrich zu verschaffen. Denn der gesamte Film spielt auf einer Bühne. Mit schwungvollen und langen Kamerafahrten kreist Wright über die Bühne seiner Bühne, während sich dort das Leben der Elite als Ränkespiel der Reichen und Gelangweilten offenbart. Optisch fühlt man sich sehr an Baz Luhrmanns „Moulin Rouge“ erinnert und ein, zwei Mal hat man die Befürchtung, die Schauspieler würden anfangen zu singen. Wright verpackt Annas Leben in ein ansehnliches Mischmasch aus Theater, Tanz und Musik und inszeniert das Ganze mit einer luftig leichten Art, sodass man sich an den Bildern gar nicht genug satt sehen kann. Das Geschehen rauscht nur so an einem vorbei.

Und da hätten wir dann leider auch das Problem des Films: Wir werden in der ersten Hälfte von wunderbaren Bildern so sehr verzaubert, das man alles andere fast vergessen könnte. Nur leider hört dieser Bilderrausch irgendwann auf. Irgendwann muss Wright Annas Geschichte erzählen und dann wird es unschön…

Vielleicht liegt es daran, dass die Story einfach nicht mehr zeitgemäß ist: Ob nun ein Mann oder eine Frau eine Affäre hat, ist unserer Gesellschaft doch so ziemlich egal. Bei „Anna Karenina“ ist das was anderes: Anna wird gemobbt ohne Ende. Leider kommt dieser Teil der Geschichte bei Wright sehr oberflächlich daher. Nach dem sorgsam konstruierten Anfang haut Wright in der letzten Stunde alles in einander und der ganze Film verliert seine Anziehungskraft. Da hilft auch die Nebengeschichte mit Levin und Kitty nicht wirklich weiter – ist aber immerhin ganz niedlich.

Was ich Wright aber dennoch groß anrechnen muss, ist die Tatsache, dass er mir als Keira Knightley-Hasser nichts zu meckern gibt. Nach „A Dangerous Method“ ist „Anna Karenina“ nun schon der zweite Film, in dem mich Keira Knightley doch überzeugen konnte.

Alles in allem würde ich Wrights „Anna Karenina“ mal als „Fifty-Fifty-Film“ bezeichnen: die erste Hälfte ist wirklich großartiges Kino, in dem Wright tolle Bilder erzeugt, die zweite Hälfte wird etwas gehetzter, fast so als müsste Wright nach dem tollen Anfang schnell noch den Rest erzählen und lässt uns dabei nur an der Oberfläche kratzen. Hier verballert Wright einfach zu viel von der anfänglichen Anziehungskraft des Films, wodurch all die tollen Innovation fast schon wieder hinfällig werden.

Loben muss man wirklich den Stil, kritisiern das Erzählen der ganzen Geschichte. Wenn Wright beides in Einklang bekommen hätte, wäre die elfte Filmfassung von „Anna Karenina“ wirklich ein großartiger Film geworden.

Wertung: 6 von 10 Punkten (der frische Anstrich tut gut, nur fehlt der letzte Schliff)

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16 Kommentare leave one →
  1. 10. Dezember 2012 08:56

    Oha, hatte eher mit sowas wie 9 von 10 Punkten gerechnet 😀

    • donpozuelo permalink*
      10. Dezember 2012 09:18

      Und ich habe gewusst, dass der erste Kommentar zu diesem Film von dir kommen wird 😉

      Und ganz ehrlich, wenn der Film nach der ersten Hälfte aufhören würde, würden auch wieder 9 Punkte drunter stehen 😛

  2. 10. Dezember 2012 11:05

    Ich habe hiervon nur die letzten fünf Minuten gesehen. Sah langweilig aus.

    • donpozuelo permalink*
      10. Dezember 2012 12:05

      Ich sag ja… wären es die ersten fünf Minuten gewesen, hättest du vielleicht eine andere Meinung. Nur zum Schluss wird „Anna Karenina“ dem Wahnsinnsanfang leider überhaupt nicht mehr gerecht.

      • 11. Dezember 2012 11:37

        Die ersten fünf Minuten habe ich, jetzt wo dus sagst, auch gesehen, aber ohne Ton. Insofern kann ich das schlecht beurteilen. Irgendwas mit einem Theater und so. Ich mag Keira „ich presse meine Zähne wie gestört aneinander“ Knightley überhaupt nicht, und bisher waren auch alle ihre Filme doof, Pirates mal ausgenommen (aber auch da war sie ein Störfaktor). 😉

        Btw.: Hast du in der Einleitung absichtlich zweimal den (plusminus) selben Satz gebracht? Dass das Ganze „Schwer Stoff halt, aber interessant. Große Weltliteratur.“ sei.

        • 11. Dezember 2012 11:37

          Im Übrigen nervt sie mich effektiv, anders als bei dir, nach ADM schon zum zweiten Mal. 😛

        • donpozuelo permalink*
          11. Dezember 2012 12:05

          Das mit dem Satz ist mir gar nicht aufgefallen, aber jetzt, wo du es sagst… ist bestimmt gewollt gewesen 😉

          Aber zurück zum Thema: Keira Knightley hat mich, wenn ich ehrlich sein soll, noch nie interessiert. Dieser Hungerhaken mit dem großen Schädel hatte mich nie richtig überzeugen können (das gilt auch und gerade für die Pirates-Filme!!!). Mittlerweile sehe ich das schon ein bisschen anders, tue mich aber trotzdem schwer mit ihr.

  3. 10. Dezember 2012 13:44

    Ich mag die Knightley auch nicht und dass sie so ikonische literarische Figuren spielen darf, ärgert mich. Trotzdem bin ich auf den Film gespannt. Ich kann mir allerdings auch nicht so recht vorstellen, dass dieses visuelle Prinzip allein den ganzen Film trägt. Mal sehen.

    • donpozuelo permalink*
      10. Dezember 2012 16:36

      Tja, der gute Joe Wright hat die Knightley ja scheinbar zum Fressen gern. Ist ja nicht das erste Mal, dass er sie solche Sachen machen lässt 😉

      Das visuelle Prinzip wird ja, soweit es der Film an sich auch ermöglicht, durchgezogen. Nur leider leidet die Story irgendwann ein wenig unter pllötzlicher Hektik. Wright schwelgt anfangs einfach zu sehr in seinen Bildern.

  4. 11. Dezember 2012 07:22

    Bin immer wieder erstaunt, wie schnell du alle Filme sehen kannst!
    Deshalb beschränkt sich mein Kommentar, wie so oft, nur auf meine Erwartung zum Film hin. Und die ist eigentlich ganz groß. Vielleicht stören mich deine Kritikpunkte an dem Film nicht in dem Maße und er wird zum großen Hit des Jahres. Man kann nur hoffen. Ich bin leider noch weniger bewandert in der russischen Literatur (ein wenig Schuld und ein wenig Sühne, aber sonst…;) )

    • donpozuelo permalink*
      11. Dezember 2012 09:18

      Russische Literatur ist jetzt auch nicht sooo mein Ding. „Schuld und Sühne“ habe ich tatsächlich auch irgendwann mal angefangen, aber schnell wieder beiseite gelegt. Vielleicht ist das auch so ein Altersding… und man kann die Romane im hohen Alter besser lesen/ verstehen/ was auch immer.

      Das mit den Filmen verdanke ich ja auch ein bisschen meinem Job, wodurch ich den ein oder anderen Film in einer Pressevorführung lange vor allen anderen sehen kann. Mehr steckt da nicht hinter 😉

      • 11. Dezember 2012 15:44

        Ja, Pressevorführungen…hätte auch gern wieder welche. Schreibst du nebenbei für andere Seiten? Oder durch welchen Job bekommt man das noch? ^^

        • donpozuelo permalink*
          12. Dezember 2012 00:53

          Ich schreibe nur hier für euch 😉 Alles andere kommt durch das Berichten von Premieren, etc. Da darf man hier und da auch mal einen Film vor allen anderen sehen!

        • 12. Dezember 2012 00:59

          Und wie ich kürzlich feststellen durfte, auch als Kinomitarbeiter. Da darf man nämlich auch immer an die PVs. 🙂

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