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Knopfaugen sind nicht für jeden!

19. November 2012

Neil Gaiman ist immer für eine spannende Story gut. Dass Hollywood das bis jetzt noch nicht so richtig gemerkt hat, verwundert mich fast ein wenig. Und dabei haben sie doch mit „Der Sternenwanderer“ sogar eine echt gute Gaiman-Verfilmung vorgelegt. Warum kommt da also – in Zeiten von Literaturverfilmungen – nicht mehr? Da wäre wenigstens noch ein paar neue, wunderbar schräge Ideen dabei, die nur darauf warten, auf die Leinwand gebracht zu werden. Aber was lange währt, wird endlich gut. Gaiman ist großes Kino, und auch wenn jetzt die Verächter von Literaturverfilmungen wieder stöhnen: Ich glaube, dass gerade Gaiman sich perfekt fürs Kino eignet.

Drei Jahre nach „Der Sternenwanderer“ kam eine weitere Gaiman-Geschichte in die Kinos… dieses Mal aber in animierter Form: „Coraline“ ist die Geschichte eines jungen Mädchens, das von seinen Eltern kaum Beachtung findet. Die Erwachsenen sind immer wieder mit irgendwas furchtbar beschäftigt und Coraline muss alleine sehen, wie sie zurecht kommt. In dem neuen Haus, in dem sie wohnt, stößt sie ebenfalls nur auf taube Ohren: Der russische Akrobat Mr. Bobinsky ist zu sehr mit seinem Springmauszirkus beschäftigt, während die alten Varietekünstlerinnen Miss Spink und Miss Forcible zu sehr ihrer Vergangenheit und ihren Hunden nachweinen. Selbst Nachbarsjunge Wybie ist ein komischer Vogel, der Coraline nicht zuhört. Eines Tages entdeckt Coraline bei ihren Streifzügen durch das Haus eine kleine Tür im Wohnzimmer. Ein langer Tunnel führt sie… direkt zurück in ihr Wohnzimmer. Doch halt! Mutter und Vater sind auf einmal ganz anders. Sie kümmern sich um Coraline. Selbst die Nachbarn bemühen sich, immer für Coraline da zu sein. Dass hier alle Knöpfe statt Augen haben stört Coraline kaum – es ist einfach nur schön, wirklich geliebt zu werden. Zu schön… wie Coraline bald feststellen muss.

„Coraline“ kann man wohl am besten als Gaimans „Alice im Wunderland“ bezeichnen – mit der großen Ausnahme, dass man hier nicht besonders tief graben muss, um all die versteckten Metaphern einer unglücklichen Kindheit zu entdecken. Coralines Faszination mit der anderen Welt, mit der anderen Mutter liegt einfach in dem Bedürfnis, beachtet zu werden. Coraline ist da genau wie jedes Kind. Sie verlangt nicht viel. Gaimans Buch als auch der Film zeigen gleichzeitig auch, wie groß die Verlockung sein kann, sich etwas anderes zu suchen. In diesem Fall ist es nur die andere Mutter – die Flucht in eine andere Welt. Eine Flucht, die man noch sehr viel tiefenpsychologischer auslegen könnte, wenn man denn wollte.

Aber das würde den Spaß an „Coraline“ verderben, denn in erster Linie ist Henry Selicks Film einfach nur großartig. Neben der spannenden Story begeistern die vielen verschiedenen Figuren. Mein persönlicher Favorit – neben Coraline – ist der verrückte Mr. Bobinsky. Der sieht mit seinen langen Beinen und dem dicken Kugelbauch einfach nur herrlich komisch aus.

Was einem an „Coraline“ sofort auffällt, sind Ähnlichkeiten zu „A Nightmare Before Christmas“. Gerade an dem Figuren-Design wird das deutlich… und das ist auch kein Wunder, war doch Henry Selick selbst verantwortlich für die Verfilmung von Tim Burtons Geschichte. Mit „Coraline“ verbindet Selick dabei das ohnehin schon verdammt gut aussehende Stop-Motion mit Computeranimationen, was – einfach ausgedrückt – absolut geil aussieht. Der Film ist unheimlich fantasievoll in Szene gesetzt, überzeugt in jeder einzelnen Filmminute durch tolle Animationen.

Neben der tollen Optik und der spannenden Story sollte vielleicht eine kleine Sache erwähnt werden: Der Film hat teilweise sehr düstere Passagen. Wenn dann zum Ende hin die andere Mutter auch noch ihr wahres Gesicht zeigt, wird deutlich, dass kleine Kinder sich bei diesem Film höchstwahrscheinlich unter der Bettdecke verstecken werden. Für alle tapferen (großen) Kinder ist „Coraline“ aber ein absolutes Highlight, das zu fesseln weiß.

Wertung: 10 von 10 Punkten (Gaiman liefert wieder einmal eine grandiose Geschichte, die besser nicht hätte umgesetzt werden können)

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11 Kommentare leave one →
  1. 19. November 2012 11:01

    Kann ich nur zustimmen, ein herrlich düster-bedrückend-melancholisch ohne nie wirklich furcheinflössen zu sein. Und wenn es um Stop-Motion geht ist Selick sowieso einer der grössten unserer Zeit.

    • donpozuelo permalink*
      19. November 2012 12:34

      Auf jeden Fall!!! Ich bin ja sowieso ein großer Fan von Stop-Motion. Und die Vermischung mit Computer-Animation sieht hier einfach nur verdammt gut aus.

  2. 19. November 2012 12:51

    Eines der wenigen Beispiele dafür, dass die Adaption eines Buches tatsächlich besser ausfällt als die Vorlage selbst. Denn Selick hat sogar so viel Platz im Film, dass er noch eine weitere Figur hinzudichten kann (der kleine Nachbarsjunge), der die Geschichte zwar nicht grundlegend ändert, aber doch bereichert.
    Ein wunderbarer Film, der aber eigentlich gar nicht für die „Kleinen“ geeignet ist.

    • donpozuelo permalink*
      19. November 2012 16:11

      Ja, da hast du Recht. Aber Gaimans Vorlage ist ja auch wirklich sehr kurz. Da sind die zugedichteten Sachen wirklich nett. Zumal sie die Geschichte an sich nicht zerstören, sondern sie filmisch sogar noch besser untermalen.

      Für die Kleinen, das habe ich ja geschrieben, ist der Film wirklich noch nichts. Genauso wenig wie das Buch… 😉

  3. 19. November 2012 13:44

    Hach! Gaiman! Der hat bei mir ja sowieso Narrenfreiheit (und als einziger Autor sein eigenes Label bei der „Axt“). Den Film habe ich gar nicht soooo toll gefunden, was daran liegen mag, dass ich das Buch davor schon etwa eine Million Mal gelesen und mit jedem Mal tiefer ins Herz geschlossen hatte.

    Aber schön umgesetzt isses, da kann ich nicht meckern.

    • donpozuelo permalink*
      19. November 2012 16:13

      Ich liebe Gaiman auch. Bei dem kaufe ich auch sofort, sobald was Neues da ist. Ohne groß zu überlegen.

      Ich habe „Coraline“ auch gelesen. Da muss ich mich DosCorazones anschließen: Die Verfilmung ist der Vorlage absolut ebenbürtig. Ich finde den Film einfach nur großartig. Wirklich sehr liebevoll gemacht.

  4. 25. November 2012 15:20

    Ja genau, ist ein wundervollen großartiger Film, wobei ich das Buch auch sehr sehr mag.

    • donpozuelo permalink*
      25. November 2012 15:48

      Das Buch ist wirklich toll!!!

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