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Royale Wunderkinder

26. Oktober 2012

Jeder Regisseur entwickelt mit der Zeit seinen ganz eigenen Stil. Zumindest sollte er das tun. Oder er denkt sich kleine Feinheiten aus, die einen gewissen Wiedererkennungswert haben. Eine Art filmische Signatur, wenn man es mal hochtrabend ausdrücken möchte. John Woo hatte da ja immer seine in Zeitlupe durch die Luft flatternden Tauben, Tarantino seine ausschweifenden Dialoge, Filmzitate und alte Soundtracks… doch bislang habe ich nur einen einzigen Regisseur, bei dem sich diese Signatur durch den ganzen Film zieht. Wes Anderson würde man von der Machart seiner Filme sofort erkennen, egal zu welcher Zeit man einschaltet. Anderson ist unverkennbar. Unverkennbar gut.

Da er ja in diesem Jahr schon mit „Moonrise Kingdom“ punkten konnte, war es mal wieder an der Zeit, sich einen alten Anderson zu gönnen. Und was gibt es da besseres als einen Besuch bei den „Royal Tenenbaums“? Eine Familie von Hochbegabten – der junge Chas ist ein Finanz-Genie, Adoptivtochter Margot eine herausragende Theaterschriftstellerin und Richie ein wahres Tennis-Ass. Doch irgendwann verlässt Papa Tenenbaum (Gene Hackman) die Familie und überlässt sie ihrem eigenen Schicksal. So wird aus Chas (Ben Stiller) ein überfürsorglicher Vater, der nach dem Flugzeugabsturz seiner Frau die beiden Söhne unter Verschluss hält; Margot (Gwyneth Paltrow) ist unglücklich mit dem Psychiater Rayleigh (Bill Murray) verheiratet und steckt in einer Schaffenskrise, während der unglücklich in seine Adoptivschwester verliebte Richie (Luke Wilson) seine Karriere aufgibt und das Weite sucht. Als Vater Tenenbaum aus seinem Hotel geschmissen wird und unter dem Vorwand einer Krebserkrankung wieder nach Hause zurückkehrt, wirbelt der alte Mann die Leben seiner Familie ordentlich auf.

Was kann man zu Wes Anderson eigentlich noch sagen? Ich finde den Mann großartig. Seine Filme sind immer ein bisschen wie Theater. Die Kamera bewegt sich nur in seltenen Fällen, meisten bleibt eine längere Einstellung. Dadurch sind natürlich die Schauspieler gefragt, die Szene mit Leben zu füllen. Dank einem grandiosen Drehbuch von Anderson und Owen Wilson hat die bunte Truppe um Gene Hackman aber auch genug Material um zu glänzen.

Dabei wirkt „The Royal Tenenbaums“ wie eine Aneinanderreihung von Momenten – bizarre, witzige Geschichten aus einer Familie voller Genies und Chaoten. Jeder einzelnen Figur schenkt Anderson dabei seine Aufmerksamkeit, jeder darf seine eigene Geschichte erzählen, damit sie anschließend ins große Familienbuch der Tenenbaums aufgenommen wird. Damit wären wir wieder bei der Theater-Metapher: Akt für Akt, Szene für Szene arbeitet sich Anderson durch das Leben seiner Figuren – ohne dabei je den roten Faden zu verlieren. Und dieser rote Faden heißt in diesem Fall Gene Hackman.

Ich muss dazu sagen, dass mir Gene Hackman zwar ein Begriff ist – French Connection und so – aber als Schauspieler ist er mir nie so sonderlich aufgefallen. Das änderte sich mit diesem Film drastisch. Dieser großartige, komische Hackman ist der Kleber, der all das zusammenhält. Klar, Stiller zeigt seine ernste Seite (lange vor „Greenberg“) und ja, die Paltrow ist toll, Danny Glover herrlich und Anjelica Huston eine wahrhaft tolle Leinwand-Lady… aber neben all diesen tollen Schauspielern kommt keiner an Hackman ran. Hackman spielt den schrägen Vater mit einer solchen Leichtigkeit, als wenn er sie schon sein ganzes Leben spielen würde. Aber das scheint wohl ein weiteres Markenzeichen von Anderson zu sein: Er holt aus seinen Schauspielern immer das Beste heraus.

Und so ist auch der Besuch bei den „Royal Tenenbaums“ ein Fest und einmal mehr auch der Beweis, dass Genie und Wahnsinn eng bei einander liegen. Aber so amüsant wie Wes Anderson hätte wohl kaum einer diesen Blick hinter die Familienfassade hinbekommen.

Wertung: 10 von 10 Punkten (ein toller Ensemble-Film, der sich mit viel Liebe um jede einzelne Figur kümmert, ohne dabei etwa langatmig oder langweilig zu werden)

9 Kommentare leave one →
  1. 26. Oktober 2012 06:51

    Ernsthaft: ich dachte immer, das wäre so ein alberner Ben Stiller-Quatsch-Film. Ist es wohl nicht…

    • donpozuelo permalink*
      26. Oktober 2012 08:52

      Ging mir früher auch so. Aber Ben Stiller ist hier nur einer von vielen. Gut, aber nur einer von vielen!!! 😉

  2. 26. Oktober 2012 09:11

    Braver Junger! Wes anderson ist einfach grossartig und hat wirklich im VVergleich zu meinen anderen Lieblingsregisseuren wie Burton oder Tarsem Singh noch nie ein wirkliche enttäuschung abgeliefert. Seine Filme haben genau die richtige Mischung von Surrealismus und Berträumtheit gepaart mit guten Stories die es einfach immer wieder schaffen mich zu verzaubern. Hast du Darjeeling auch schon gesehen?

    • donpozuelo permalink*
      26. Oktober 2012 09:14

      Das stimmt. Bis jetzt hat der gute Mann wirklich noch nie enttäuscht. „Darjeeling“ habe ich damals im Kino gesehen. Muss ich aber mal wieder für den Blog nachholen.

  3. 26. Oktober 2012 11:38

    Ich habe Wes Anderson ja erst mit Moonrise Kingdom kennen gelernt und habe seither erst einen weiteren Film von ihm nachgeholt. Dabei gefällt mir sein Stil sehr gut. Und außerdem hat er ganz offensichtlich einen guten Draht zu seinen Lieblingsschauspielern, die ja für jedes Werk gerne und voller Spielfreude zu ihm zurückkehren.

    Um Gene Hackman wirklich in seiner ganzen Klasse einschätzen zu können, schlage ich mal Francis Ford Coppolas „The Conversation“ vor. Da spielt er einfach überirdisch gut.

    • donpozuelo permalink*
      26. Oktober 2012 14:29

      Wes Anderson ist wirklich großartig!!! Dessen Filme gucke ich echt gerne. Das Schöne ist ja auch, dass man sich die Filme nach kurzer Zeit noch einmal anschauen kann, weil ja auch so viele kleine, nette Details versteckt sind.

      „The Conversation“ werde ich mir mal merken, obwohl ich halt auch zu gerne mal „French Connection“ sehen möchte.

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