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Don Juan und der rosa Brief

12. Oktober 2012

Jim Jarmusch ist einer dieser Regisseure, den man entweder total gut findet oder mit dem man gar nichts anfangen kann. Da gibt es kein Zwischendrin, keinen Mittelweg. Nur ein schlichtes Entweder-Oder. Ich kenne so einige, die mit seiner Art des Filmemachens, diesem Zelebrieren von Langsamkeit, nicht klar kommen. Doch finde ich, ist es gerade das, was Jarmusch so auszeichnet. Er macht seine Filme scheinbar noch nach der ganz alten Schule, als jede zusätzliche Kamera ein absoluter Luxus und jeder Schnitt schon ein großes Wagnis war. Stattdessen erschafft Jarmusch Bilder… Bilder, die etwas erzählen, mit Figuren, die etwas zu berichten haben. Er verlässt sich nicht darauf, durch große technische Spielereien zu punkten, sondern durch Geschichten.

Ja, das klingt jetzt ein wenig sehr arte-Arthouse-Programm… aber es steckt auch viel Wahres dahinter. Jarmusch-Filme beeindrucken und fordern ihre Zuschauer – egal, worum es geht.

„Broken Flowers“ klingt da schon fast wie ein Film, der einer breiteren Masse den Jarmusch-Charme zugänglich machen könnte. Angeblich schrieb Jarmusch in nur zweieinhalb Wochen die Geschichte von Don (Bill Murray), der durch einen anonymen Brief einer längst vergessenen Ex erfährt, dass er Vater ist. Ermutigt durch den unermüdlichen Forscherdrang seines Freundes und Nachbarn Winston (Jeffrey Wright) erstellt Don eine Liste, auf der fünf Frauen stehen. Nach und nach besucht Don diese Frauen, um herauszufinden, wer die Mutter dieses angeblichen Sohnes sein könnte.

Bill Murray ist ja seit „Lost in Translation“ bekannt dafür, dass er hervorragend kleine, stille Rollen ausfüllen kann. Murray ist das auch in diesem Film gelungen. Der Mann muss einfach nur da sein, er muss nicht mal etwas tun und man kann trotzdem tausend Dinge aus ihm lesen. Bill Murray schlurft mit einer fast schon gelangweilt wirkenden Ruhe durch diesen Film. Ein Don Juan, der es eigentlich gar nicht wahrhaben will, dass er wirklich wie dieser Namensvetter ist, dessen Film er sich zu Beginn des Films anschaut. Und doch spiegelt diese eine Szene genau das wieder, wovor Don Angst hat, dies aber nicht zugeben will. Der Film im Film zeigt einen entsetzten Don Juan, der bei seiner fingierten Beerdigung feststellen muss, dass sich niemand um ihn schert. Und genau so ergeht es eigentlich auch Murrays Don. Bis dieser Brief ins Haus kommt. Doch auch das kann den alten Löwen nicht erschrecken. Zum Glück erschafft Jarmusch daher einen Gegenpol: Dons Nachbarn Winston. Auch wenn Don auf ihn ein wenig herabsieht, ist Winston doch der eigentliche Gewinner dieses Films: Er hat Kinder, eine liebende Frau, ein chaotisches Leben voller Action und er liebt es. Er ist auch Dons Gewissen und bringt ihn dazu, sich auf die Reise zu machen.

Mit dieser Reise beginnt der Film so eine Art Episoden-Charakter zu entwickeln, was manchmal durch echt nervige Schwarzblenden dargestellt wird. Ein Stilmittel, das mehr stört und nichts wirklich zum Film beisteuert. Denn das mit jeder Frau ein neues Kapitel in Dons Leben aufgeschlagen wird, merkt man auch so.

Aber das sind Kleinigkeiten… Dons Reise zu den Frauen erinnert an Ebenezer Scrooge in „Die Weihnachtsgeschichte“. Don begegnet den Geistern seiner Vergangenheit und gleichzeitig stellt jede der fünf Frauen dar, welch verschiedene Wege die Liebe gehen kann. Da ist die eine, die glücklich ist, den alten Don wiederzusehen und die, die ihn hasst. Da ist eine, die sich nach Don ihrer Liebe zu Tieren zu wendet und die andere, die sich einfach einen Ersatz-Don geschaffen hat. Jeder Besuch bei einer Ex macht dem Zuschauer ganz klar deutlich, was für eine Beziehung Don mit der Frau geführt hat… einfach nur durch das, was die Frau nach Don geworden ist. Nur ist das eine Erkenntnis, die wohl nur der Zuschauer macht und nicht Don. Auf der einen Seite möchte man fast wütend sein auf dieses Arschloch Mann, auf der anderen Seite möchte man ihn drücken, weil er auf so schmerzliche Weise erkennen muss, dass er kaum jemanden hat. Die Suche nach seinem Sohn wird dadurch immer mehr und mehr zu einer Suche nach Geborgenheit.

Mit Frauen wie Tilda Swinton, Sharon Stone, Jessica Lange oder Frances Conroy hat Jim Jarmusch genau die richtige Mischung getroffen. Sharon Stone spielt überzeugend die ewig Junggebliebene, während eine Tilda Swinton unter ihrer Riesenmähne kaum wieder zu erkennen ist.

Jim Jarmusch schafft es, einen sehr nachdenklichen und anrührenden Film zeigen, in dem es nur in erster Linie darum geht, dass ein alter Macho seine Exen besucht. Vielmehr wird das Ganze zu einer Sinnsuche, bei der dieser Macho erkennen muss, dass er trotz seines Reichtums im Leben nichts erreicht hat… und das er mit so vielen tollen Frauen zusammen war, die er jede auf seine ganz eigene Weise fürs Leben ruiniert hat. In den gewohnten ruhigen Bildern eines Jarmusch entwickelt sich ein spannender Film, der wieder einmal zeigt: Langsam kann auch spannend sein…. so lange man es mit System und Bill Murray macht.

Wertung: 9,5 von 10 Punkten (Bill Murray mal wieder in Höchstform… Jim Jarmusch gewohnt gut)

8 Kommentare leave one →
  1. 12. Oktober 2012 15:41

    Ich habe noch zu wenig von Jarmusch gesehen, um mich als „Fan“ seiner Filme zu outen. Doch ab und zu mag ich ja solche behäbigen Filme (hat jetzt auch kürzlich Das weiße Band gezeigt), wenn es der Filmemacher eben trotz möglicher Längen auf andere Art und Weise den Zuschauer packen kann. Und das gelingt Jarmusch irgendwie – vielleicht in diesem Film besonders durch seinen Hauptdarsteller. Murray ist hier ja noch langsamer als in Lost in Translation, was mich doch ab und an genervt hat. Manche Einstellungen sind mir einfach zu lang und deswegen würde ich von einer so hohen Wertung Abstand nehmen. Aber für Fans von gemächlich erzählten kleinen Geschichten ist es ein klarer Tip.

    • donpozuelo permalink*
      14. Oktober 2012 22:21

      Du darfst jetzt den Film auch nicht zu sehr mit „Lost in Translation“ vergleichen. Das war ja mehr mein Beispiel für Bill Murray. Jarmusch hat da schon seinen ganz eigenen Stil, der wunderbar ist… Jarmusch muss man einfach mal auf sich wirken lassen.

      • Dos Corazones permalink
        14. Oktober 2012 22:37

        Ja, der Vergleich hinkt schon ein wenig – aber ich finde Murrays Rollen sind in deren Ausgangssituationen schon in den beiden Filmen vergleichbar.

        • donpozuelo permalink*
          15. Oktober 2012 07:16

          Das kann man so sagen, ja. Aber trotzdem: Murray macht das großartig.

  2. Sebastian permalink
    14. Oktober 2012 16:36

    Deiner Einleitung kann ich überhaupt nicht zustimmen. Ich mag Jarmuschs Filme auf eine Art (vermutlich würde „Broken Flowers“ so um die sieben Punkte abstauben), bin aber absolut kein Fan, dafür wirkt mir das ganze zu distanziert, spricht mich auf einer emotionalen Ebene kaum an. Gleichzeitig unterhalten sie durchaus, und ich mag es ja gerne mal gemächlich. Es gibt durchaus diesen Mittelweg.

    • donpozuelo permalink*
      14. Oktober 2012 22:23

      Gut. Ich spreche da jetzt auch mehr aus meiner eigenen Erfahrung. Du bist somit der Erste, der bei Jarmusch den Mittelweg geht 😉 Sonst kenne ich nur die Entweder-Ohne-Freunde. Manchmal erscheint es wirklich etwas distanziert, das stimmt. Doch ich glaube, selbst das ist kalkuliert.

  3. luzifel permalink
    20. Oktober 2012 17:39

    Oh Gott.. War der Film öööödeeee!! Keine Auflösung, nur Fragen am Ende – pfui! Sowas entspricht gar nicht meinem Geschmack.. Ich würde dem Film etwa 5 von 10 geben. Handwerklich gut, aber inhaltlich leer ohne sinnvollen Abschluss.. :/

    • donpozuelo permalink*
      21. Oktober 2012 16:42

      Ach Schmarn… natürlich war da ein sinnvoller Abschluss. Wenn man den ganzen Film zusammen nimmt, war jedes Treffen mit einer Ex ein Abschnitt von Dons Liebesleben. „Broken Flowers“ ist halt mehr eine Charakterstudie als eine Geschichte…

      Aber vielen Dank für dein Kommentar. Somit schenkst du meiner Einleitung den passenden Beweis 😉

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