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Radio Zombie

3. Oktober 2012

Orson Welles hat 1938 gezeigt, welche Macht das Radio doch hat. Allein, weil einige Zuhörer glaubten, seine Hörspiel-Variante von H.G. Wells‘ „Krieg der Welten“ sei real, brach Panik aus. Man muss also nicht zwangsläufig sehen, um Angst zu bekommen. Nirgends funktioniert sowas besser als beim Radio. Schließlich muss der Moderator/ der Erzähler kompensieren, dass der Zuhörer nichts sieht. So braucht es viele genaue Beschreibungen, damit das Kopfkino im Zuhörer einsetzt.

Kopfkino wollte auch Bruce McDonald und erschuf einen Film, der wie kein anderer Horrorfilm das Kopfkino zelebriert: In dem kleinen Örtchen Pontypool wütet ein Blizzard. Doch eigentlich stört das Grant Mazzy (Stephen McHattie) nicht weiter, der Radiomoderator sitzt in seinem Studio gemeinsam mit Aufnahmeleiterin Sydney (Lisa Houle) und Assistentin Laurel-Ann (Georgina Reilly). Es könnte eine entspannte Sendung werden, bis Außenreporter Ken auf einmal Berichte von merkwürdigen Vorgängen in der Kleinstadt berichtet. Menschen sind scheinbar am Durchdrehen, versammeln sich und fallen über einander her. Bald wird von einer Epidemie gesprochen, die Menschen sollen in ihren Häusern bleiben. Niemand soll nach draußen. Dennoch will Mazzy weiter berichten… und hofft fleißig auf die Erkenntnisse von Ken, dem Außenreporter. Nur werden die immer absurder, bis die Gefahr von draußen selbst vor der Radio-Crew nicht mehr Halt macht.

Ein guter Freund hat mir „Pontypool“ wärmstens empfohlen und eigentlich hätte ich spätestens nach der Erwähnung des Regisseurs Feuer und Flamme sein müssen. Nur war mir zu dem Zeitpunkt entfallen, dass Bruce McDonald auch für das großartige Filmexperiment „The Tracey Fragments“ verantwortlich war. Denn bereits hier hatte McDonald bewiesen, dass er nur zu gerne bereit ist, das Sehverhalten seines Publikums auf den Kopf zu stellen. Während „The Tracey Fragments“ eigentlich nur aus zahlreichen Bildfetzen, Bild-im-Bild und Split-Screens bestand, wird „Pontypool“ der wohl erste Horror-Film, der wirklich aufs Kopfkino setzt.

McDonald liebt es klaustrophobisch und so verlassen wir den Keller, in dem sich der Radiosender befindet, nie. Für einen Horrofilm sind kleine, spärlich beleuchtete Räume ja eigentlich was Gutes – wenn man hin und wieder mal in ihnen gefangen ist. In „Pontypool“ müssen wir uns mit dem Keller begnügen. Wir bleiben Beobachter von Mazzie und seiner kleinen Crew. Wir werden nur Zuhörer des Horrors… denn immer wieder gelingt es Mazzie Kontakt nach draußen herzustellen. Sei es Ken oder jemand anderes, die Berichte von draußen sorgen dann wirklich für den Horror im Kopf. Starke Störungen in der Verbindung und panische Anrufer erfordern es zudem extrem genau hinzuhören, um sich unter dem Gebrüll, dem Schnaufen und dem Stottern die ganze Story zusammen zu reimen. Dabei bleibt die Kamera auf den entsetzten Gesichtern von Mazzy, Sydney oder Laurel-Ann… und würde sie weiter auf uns gehen, wären unsere Gesichter genauso schockiert.

McDonald schafft es so, ganz großes Kopfkino mit minimalen Mitteln zu erzeugen. „Pontypool“ bleibt von der ersten bis zur letzten Minute ein spannender Horror-Film, der fast ohne Blutfontänen auskommt. Einzig und allein die Auflösung lässt einen dann doch etwas stirnrunzelnd zurück. Die Ursache der Zombie-Plage ist… nun ja, nennen wir es vorsichtig mal, was ganz Neues. Ein definitiv sehr interessanter Ansatz, der aber viel Fantasie benötigt. Vielleicht wird das Ganze bei Schriftsteller Tony Burgess etwas besser erklärt, schließlich basiert der Film auf seinen Roman. Aber selbst die etwas hanebüchene Erklärung tut dem Film nicht weh.

Dank großartiger Schauspieler und einem wirklich gut durchdachten Konzept (etwas, dass McDonald sehr gut kann – siehe „Tracey Fragments“) ist „Pontypool“ ein Horrorfilm, den sich selbst Horror-Filmverweigerer anschauen sollten. Denn im Endeffekt ist McDonald es geglückt, einen wirklich krassen Gruselschocker zu drehen.

Wertung: 9 von 10 Punkten (wahres Kopfkino von einem der experimentierfreudigsten Regisseure überhaupt)

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14 Kommentare leave one →
  1. 3. Oktober 2012 12:56

    Wow, das klingt ja mal nach langer Zeit wieder nach einem richtig interessanten Horror-Film (wenn ich mal Cabin in the Woods nicht beachte…). Und McDonalds „Tracey Fragments“ habe ich ja damals sehr gemocht und gelobt. Damit wächst die Liste, der noch zu sehenden Filme, um einen weiteren.

    • donpozuelo permalink*
      3. Oktober 2012 15:29

      😀 Ja, „Cabin in the Woods“ mal außer Acht gelassen… definitiv die Art von Horrorfilm, die sich jeder mal anschauen sollte. Und wenn man „Tracey FRagments“ im Gedächtnis hat, dann weiß man, das man was Gutes bekommt.

  2. 3. Oktober 2012 15:48

    Gefällt mir auch sehr gut – beizeiten werden ich den Streifen auch mal mit einem Review würdigen – die kleine und wirklich gut gespielte hat’s echt verdient, bekannter zu werden.

    • donpozuelo permalink*
      4. Oktober 2012 09:29

      Willkommen!!! 😀

      Ja, solche Filme sollten viel öfter mal gelobt werden, sind sie doch teilweise um Welten besser als der ganze Mainstream-Schrott.

  3. 4. Oktober 2012 17:04

    Kann ich den Film auch alleine gucken oder werde ich mich dann nie wieder von der Couch trauen?

    • donpozuelo permalink*
      4. Oktober 2012 20:59

      Tja, das kommt ganz darauf an, wie sehr dein Kopfkino das Gehörte ausschmückt 😀 Aber ich denke, der Film sollte auch allein „schaubar“ sein.

  4. luzifel permalink
    4. Oktober 2012 23:27

    Ich fand den Film durchaus interessant.. Eher bizarr und gerade am Ende voll mit WTF!? aber sehr gut und liebevoll gemacht.. Also danke für den unterhaltsamen Tip!

    • donpozuelo permalink*
      5. Oktober 2012 07:21

      Das Ende war wirklich sehr schräg. Hast du den Abspann auch noch abgewartet??? Da wird’s ja auch noch einmal so richtig schräg. Freut mich aber, dass es dir auch gefallen hat.

  5. 5. Oktober 2012 08:03

    Hmm…der liegt schon seit geraum Zeit bei mir als UK-BluRay rum…finde aber keinen in Englisch genug bewanderten Anschau-Partner. Demnach aber schaue ich ihn halt mal alleine. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      5. Oktober 2012 08:05

      Pech für alle anderen, würde ich da mal sagen 😉

  6. 5. Oktober 2012 20:49

    Ich liebe diesen Streifen. Die Idee fand ich einfach genial und Stephen McHatties Stimme ist so cool 😀

    • donpozuelo permalink*
      6. Oktober 2012 14:47

      McHattie ist verdammt cool. Nicht nur seine Stimme 😉

  7. 25. Oktober 2012 01:07

    Dann freu dich schon mal auf die Fortsetzung! 😀

    • donpozuelo permalink*
      25. Oktober 2012 08:51

      Es gibt ne Fortsetzung???

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