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Countdown zum Weltuntergang

19. September 2012

Der normale Film-Countdown wird in der Regel entweder von einem fiesen Bösewicht oder von einer ziemlich neutralen Digitaluhr runtergezählt. Typischer mit dem klassischen „10, 9, 8…“ bis hin zum finalen Bumm. Oder keinem Bumm, je nachdem, wie schnell der Held/ die Heldin  rote (war es wirklich das rote) Kabel durchtrennt hat. Doch Countdown geht auch anders…

Der merkwürdige Anhalter, den die schwangere Sun-yeoung (Lee Min-ji) in ihr Taxi lässt, beginnt nämlich auch einen Countdown. Fast beiläufig erzählt er, dass es in 275 Sekunden soweit ist. Da beachtet man ihn gar nicht, weder der Fahrer noch Sun-yeoung… was soll in 275 Sekunden schon passieren? Doch dieser Typ ist merkwürdig, er weiß Dinge sowohl über Sun-yeoung als auch über den Taxifahrer, die er nie hätte wissen können. Und dann fängt er wieder mit seinem Countdown an, zählt gemütlich runter. Dann ein weißer Blitz und das war’s. Irgendwann wacht Sun-yeoung allein im Taxi auf, der Taxifahrer schreibt, er wäre zur nächsten Raststätte gegangen und der Anhalter ist spurlos verschwunden. Da macht sich Sun-yeoung selber auf den Weg.

„End of Animal“ ist möglicherweise ein Weltuntergangsfilm, möglicherweise aber auch nicht. So ganz kann man sich da nicht sicher sein. Die Einöde, durch die unsere schwangere Protagonistin wandert, ist so gut wie leer. Nur hin und wieder trifft sie auf ein Lebenszeichen. Doch in den meisten Fällen handelt es sich dabei nur um äußerst unsympathische Gestalten. Eine Frau, die Sun-yeoung ihren Mantel, ihre Schuhe und ihre Tasche nimmt; ein kleiner Junge, der selbst einen Schokoriegel nicht mit der schwangeren Frau teilen will und ein scheinbar verrückter Kerl, der Sun-yeoung vergewaltigen will. Die paar Figuren, die unserer Heldin in dieser Einöde begegnen, sind nicht in der Lage, rücksichtsvoll zu sein. Der vermeintliche Weltuntergang scheint nur noch die Arschlöcher dieser Welt am Leben gelassen zu haben. Kleine Ungeheuer, die es kaum würdig sind, näher zu beleuchten. Wohl deswegen lässt Regisseur Jo Sung-Hee sie immer nur kurz auftauchen. Sie sorgen für Verärgerung (größtenteils beim Zuschauer), behindern die arme Sun-yeoung am Weiterkommen und verschwinden in den meisten Fällen auf unspektakuläre Art und Weise.

Am Ende bleibt nur dieses unscheinbare Wesen Sun-yeoung, von der wir in kurzen Rückblenden nur unzusammenhängend etwas erfahren. Einzig und allein die Tatsache, dass der merkwürdige Anhalter sie immer wieder kontaktiert, deutet an, dass Sun-yeoung etwas Besonderes in dieser Welt ist. Den ganzen Film über kann man aber nicht sagen, was es mit dieser Frau auf sich hat. Ist sie Bestandteil eines größeren Plans? Sind diese Monster in Menschengestalt eine Prüfung?

„End of Animal“ wirft eine Reihe Fragen auf und spielt immer wieder mit den Erwartungen des Zuschauers. Das Weltuntergangsszenario präsentiert sich sehr unterkühlt. Zerstörungen, Rauchschwaden am Himmel, Leichen in den Straßen darf man nicht erwarten. Einzig und allein das Grollen aus der Ferne, das sich ein bisschen sehr böse nach riesigem Monster anhört, könnte ein Anzeichen für das Jüngste Gericht sein. Blöd nur, dass Regisseur Jo Sung-Hee auch das nur als Mittel zur Stimmungsmache verwendet.

Stimmungsmache ist dann auch irgendwie das passende Stichwort. Jo Sung-Hee versteht sein Handwerk und kann auch mit wenigen Mitteln für eine unheimliche Stimmung sorgen. „End of Animal“ wirkt lange nach… vor allem, weil man mit einem dicken Stirnrunzeln den Abspann abwartet, in der Hoffnung auf Erklärung. Vielleicht nur ein kleiner Hinweis. Wer ist der Anhalter? Ist er Gott, der Teufel oder nur ein Botschafter? Was hat Sun-yeoung mit all dem zu tun? Ist sie auserwählt? Die Rettung der Menschheit?

„End of Animal“ ist ein Film, der seine Zuschauer spalten wird. Technisch und erzählerisch hat der Regisseur und Drehbuchautor einen wirklich spannenden Film geschaffen, der dann aber leider am Ende seine Zuschauer vor den Kopf stößt. Es sei denn, man möchte in all das Gesehene wieder was von Zerfall der Gesellschaft oder ähnliches hinein interpretieren.

Wertung: 7 von 10 Punkten (mysteriöser geht’s kaum… verwirrender Weltuntergang, der viel Diskussionsbedarf weckt)

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6 Kommentare leave one →
  1. 19. September 2012 13:04

    Das koreanische Kino muss ich mir mal vornehmen. Abgesehen von Chan-wook Park bin ich in diesem Bereich noch sehr unterbelichtet.
    Der Film scheint ja ebenfalls so eine melancholische Grundstimmung mitschwingen zu lassen, die finde ich ziemlich interessant. Also, ab auf die Watchlist.

    • donpozuelo permalink*
      19. September 2012 14:16

      Koreanisches Kino, japanisches, chinesisches, thailändisches… fast der ganze asiatische Raum hat interessante Filme zu bieten, die unserem Sehverhalten mal schön gegen den Strich gehen. Das ist manchmal echt sehr angenehm. Schöne neue Ansätze, aber auch viel merkwürdiges Zeug. Trotzdem, oder gerade deswegen, bin ich ein großer Asia-Film-Fan.

  2. 19. September 2012 22:58

    Hast du auch „I’m a Cyborg, but that’s ok“ gesehen? Der ist ja auch koreanisch, oder? Der hat mir zum Beispiel gar nicht gefallen und hoffe, dass mir ähnliche Produktionen in die Hände fallen!

    • donpozuelo permalink*
      19. September 2012 23:01

      Japp, habe ich auch gesehen!!! (Hier!!!) Mit Park Chan-wook kann man eigentlich nicht viel verkehrt machen, wie ich finde. Vor allem „Oldboy“ hat das gut bewiesen. Ansonsten… einfach mal rein ins asiatische Kino. 😉

      • 19. September 2012 23:08

        Oldboy fand ich toll, aber ich fand an I’m a cyborg einfach keinen Gefallen :/

        • donpozuelo permalink*
          20. September 2012 09:07

          „I’m A Cyborg..“ fand ich wirklich witzig. Nach der Rachetrilogie war das irgendwie angenehm. Therapiestunde… endlich mal ein bisschen verrückt sein und etwas machen, was keiner vom Regisseur erwartet. Großartig.

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