Skip to content

Mein Sohn, das Monster

29. August 2012

Ein kleines Baby schreit und schreit. Die sichtlich genervte Mutter ist allein und weiß nicht, was sie tun soll. Selbst als sie mit dem Kind im Wagen spazieren geht, hört das Schreien nicht auf. Für die junge Mutter wird der Spaziergang zu einem peinlichen Spießrutenlauf aus bösen Blicken – doch wen bestrafen sie? Die Mutter oder das Kind? Szenenwechsel… Das Gesicht der Mutter sieht entspannt aus. Das Kreischen des Babys ist nicht mehr zu hören. Die Mutter ist glücklich… auch wenn sie direkt neben einem Bauarbeiter mit Presslufthammer steht, das Schreien des Kindes erreicht sie jetzt nicht mehr. Szenenwechsel… Der Vater kommt nach Hause, nimmt das Kind auf den Arm… es bleibt ruhig!

Eine frustrierende kleine Sequenz aus einem Film, der sich mit einer Frage beschäftigt, die man sowohl psychologisch als auch philosophisch diskutieren könnte: Werden einige Menschen böse geboren? Verzichten einige Babys auf die tabula rasa und orientieren sich von Anfang an, darauf den Menschen in ihrer Umgebung die Hölle heiß zu machen. Die oben beschriebene Sequenz lässt das vermuten. Denn Kevin ist wirklich ein Satansbraten. Als kleiner Junge bereits macht er seiner Mutter Eva (Tilda Swinton) das Leben schwer. Das Schreien als Baby ist nur eines von vielen Beispielen, die mit zunehmendem Alter schlimmer werden. Nur bei Vater Franklin (John C. Reilly) ist Kevin (Ezra Miller als Teenie, Jasper Newell als kleiner Junge) ein echter Sonnenschein. Doch dieser Schein trügt (!), auch wenn nur Mama Eva das weiß: Kevin würde Kinder wie Damien oder Alessa blass aussehen lassen. Denn Kevin ist wirklich böse und stürzt seine kleine Familie und gleich eine ganze Kleinstadt ins Chaos.

Wer jetzt denkt, das klingt nach einem langweiligen Horrorstreifen, den darf ich beruhigen. Weder der Teufel noch irgendwelche übersinnlichen Kräfte sind hier im Spiel. Im Film „We need to talk about Kevin“ geht es viel mehr darum, wie eine Mutter damit klar kommt, dass ihr Sohn ein Massenmörder ist. Regisseurin Lynne Ramsay versucht nach dem gleichnamigen Buch von Lionel Shriver der Frage nachzugehen, was in dem Kopf der Mutter vorgeht. Dabei beginnt sie mit der verwahrlost lebenden Mutter nach der Tat ihres Sohnes. Wir begegnen einer Frau, die nichts mehr hat… außer dem Hass ihrer Mitmenschen.

Ramsays „We need to talk about Kevin“ verläuft zwar größtenteils chronologisch, springt aber immer wieder in den Zeiten hin und her. Die eigentliche Bluttat wird erst zum Ende angedeutet, viel wichtiger ist die Darstellung, wie Kevin mehr und mehr zu einem Psychopathen wird. Obwohl der Film ja eigentlich andeutet, dass er schon so auf die Welt gekommen ist. Was diese Definitionen von Böse angeht, da hinkt der Film etwas: Gerade in der Charakterzeichnung von Kevin bleibt das Drehbuch sehr eindimensional. Er tötet das Meerschwein seiner Schwester, er übt mit Pfeil und Bogen, er ist ein Einsiedler. Irgendwie hätte nur noch gefehlt, dass in seinem Zimmer eine CD von Marylin Manson steht… Kevin an sich wirkt daher eher wie das Sammelsurium verschiedenster Vorurteile. Außerdem erstaunt es schon irgendwie den ganzen Film über, dass sich aber auch wirklich niemand an den Titel des Films hält und einfach mal über Kevin redet. Die Mutter leidet tapfer, der Vater ignoriert fröhlich alles, was die heile Welt zerstören könnte und ein Psychologe oder ähnliches wird gar nicht erst kontaktiert.

Mama muss allein mit ihrem Satansbraten fertig werden. Und für die Rolle der Mama hat sich Lynne Ramsay die großartige Tilda Swinton ausgesucht. Ob nun als abgebrannte Mutter nach der Tat oder als überforderte Mutter davor – Swinton überzeugt. Doch ist das am Ende gar nicht Swintons Verdienst. Swinton kommt nur so überzeugend rüber, weil der Zuschauer automatisch Mitleid mit ihr hat. Mitleid wegen diesem missratenen Kind. Jasper Newell als kleiner Kevin ist schon der Wahnsinn. Newell sieht lieb und nett aus und doch ist er ein hinterlistiger Kerl. Die großen Knopfaugen täuschen perfekt darüber hinweg, dass dahinter ein gemeines Gehirn am Werk ist. Ein Gehirn, das immer böser und böser wird und mit Ezra Miller seinen Höhepunkt erreicht. Miller gibt Swinton das passende schauspielerische Gegengewicht. Er spielt so gut diesen undurchsichtigen Jungen, dass alle anderen um ihn herum einfach nur gut sein können. Einzig und allein der arme John C. Reilly muss leiden, bekommt er doch viel zu wenig Zeit, um seine Vaterfigur richtig zu entfalten. Aber schließlich geht es hier ja auch mehr um Mutter und Sohn.

„We need to talk about Kevin“ ist trotz einiger Story-Löcher und dank großartiger Darsteller ein sehenswerter Film. Lynne Ramsay enthüllt die ganze Story langsam und Stück für Stück… durch kleine Andeutungen hier und da entwickelt der Film eine unglaubliche Sogkraft, die einen wie gebannt auf die Leinwand starren lässt. Ramsay versteht ihr Handwerk und kann neben ihren starken Darstellern auch durch ihre Bilder beeindrucken. „We need to talk about Kevin“ verdankt dem sehr viel. Es ist ein spannender Blick auf eine Mutter, die verzweifelt versucht, damit klar zu werden, dass ihr Sohn ein Monster ist. Soll sie ihn weiterhin lieben oder hassen??? Die Antwort darauf müssen wir selber finden.

Wertung: 8,5 von 10 Punkten (die Mutter eines Monsters muss nicht unbedingt selbst ein Monster sein – starkes Porträt!)

Advertisements
11 Kommentare leave one →
  1. therudi permalink
    29. August 2012 08:45

    Ich bin ja der Ansicht, der Film fokussiert sich mehr darauf, ob Eva das Kind zum Monster gemacht hat. Daher auch die Rekapitulation, die weniger für das Publikum ist als für sich selbst. Sicherlich ist Eva die Empfängnis bis zur Gegenwart mehrfach durchgegangen und fragt sich, ob sie das Monster geschaffen hat. Nichtsdestotrotz ist der Film natürlich, wie du schreibst, nicht ganz rund, aber Bildkomposition und Darstellerensemble kaschieren das zur Genüge. Traurig, das Swinton dafür nicht mal für den Oscar nominiert wurde.

    • donpozuelo permalink*
      29. August 2012 09:05

      Ja, für Tilda gab’s nur ne Golden Globe Nominierung… schade, sehr schade.

      Gut, die Frage, ob Eva das Monster erschaffen hat, wird auch thematisiert. Gerade die Sache mit der Robin Hood-Geschichte…

  2. 29. August 2012 13:46

    Gefällt mir, Deine Rezension. Ich werd mir den Film auf jeden Fall anschauen. Zumal mich das Thema sehr interessiert. Siri Hustvedt hat dazu einen tollen Roman geschrieben: „Was ich liebte“. Kann ich wärmstens empfehlen, das Buch. Sehr unheimlich, auch spannend.

    Der Film wurde auch von irgendwem auf heise.de besprochen und kam vernichtend schlecht weg. Dabei ist aber auch die Rezension selbst bestürzend einseitig und affig ausgefallen. Der Typ, der die geschrieben hat, sonnt sich offenbar gern in seinem elaborierten Wortschatz.

    Grüßle
    die Axt

    • donpozuelo permalink*
      29. August 2012 17:20

      😀 Danke schön!!!

      Ich glaube, es gibt verschiedene Bücher zu dem Thema… ein sehr krasses Buch ist auch von Carol Topolski „Monster Love“. Die Frage, böse geboren oder nicht, ist auch sehr interessant und kann gut beschrieben werden. Der Film ist auf jeden Fall eine Sichtung wert und der gute Mann von heise.de hat wahrscheinlich keine Ahnung 😉

  3. 29. August 2012 15:14

    Tilda Swinton kann manchmal echt creepy aussehen :O

    • donpozuelo permalink*
      29. August 2012 16:29

      Oh ja, das ist wohl wahr!!! Aber hier passt das echt gut in den Film.

  4. 7. September 2012 07:55

    Ganz starker Film! Lief Anfang des Jahres schon auf den Fantasy Filmfest Nights und in der letzten halben Stunde war es mucksmäuschenstill im Kino. Während des Schauens hätte ich ihm auch so 8 Punkte gegeben, aber er bleibt unheimlich lange im Kopf.

    • donpozuelo permalink*
      7. September 2012 09:04

      Uh, so war’s bei mir nicht, da eh kaum Leute im Kino waren. Aber ein wirklich starker Film, der – wie schon so viele vor ihm – im laufenden Kinojahr eher untergehen wird. Was verdammt schade ist.

Trackbacks

  1. Der Tunnel-Song « Going To The Movies
  2. 2012 « Going To The Movies
  3. Blogparade: My 100 greatest films of the 21st century… so far | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: