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Der verbotene Raum

15. August 2012

Beim Namen Kurosawa leuchten meine Augen. Kurosawa ist großartig, er hat nicht nur einfach großartige Filme gemacht, sondern auch noch mal eben halb Hollywood mit seinen Filmen beeinflusst. Er war es, der mit seinem „Yojimbo“ eine Grundlage für den Italo-Western geschaffen hat. In „Rashomon“ experimentierte er mit der Vermischung verschiedener Handlungsebenen. Seine „Verborgene Festung“ steht maßgeblich als die Inspirationsquelle für unseren Krieg der Sterne. Man kann sich einen Kurosawa-Film anschauen und dabei einfach nichts falsch machen. Kurosawa war einer der Besten.

Doch wir reden hier von Akira Kurosawa. Und dann plötzlich stoße ich auf den Namen Kiyoshi Kurosawa… erste Alarm-Glocken läuten. Nach dem Vater-Sohn-Fiasko in der Familie Miyazaki weiß ich, dass nicht jeder Sprößling zwangsläufig das Talent der Familie weiterführt. Ein klein wenig Erleichterung kommt auf, als sich heraus stellt, dass Akira und Kiyoshi sich zwar den Namen Kurosawa teilen, mehr aber auch nicht.

Kiyoshi Kurosawa kommt seinem Namensvettern Akira aber ziemlich nah, auch wenn er sich in einem Genre bewegt, dass Altmeister Kurosawa nicht zu seinem Repertoire zählte. Kiyoshi Kurosawa glänzt mit Horrorstreifen. Horror, der ohne viel Blut auskommt und dennoch für Gänsehaut sorgt.

Kawashima Ryosuke (Haruhiko Kato) kann mit Computer eigentlich gar nicht umgehen, doch das Internet wird in letzter Zeit zum totalen Hit und Kawashima will da natürlich mitmachen. Doch kaum hat Kawashima alles installiert, stößt er auf eine Seite, die merkwürdige Bilder zeigt… und eine Stimme fragt ihn, ob er echte Geister sehen möchte. Verstört reißt Kawashima alle Kabel aus den Steckdosen, doch die Seite taucht wieder auf. Bei seinen Nachforschungen stößt er auf die junge Informatikerin Harue (Koyuki). In ihrem Freundeskreis kursiert die Seite auch… deren Besuch den Tod zur Folge hat.

 

Einwände, „Pulse“ höre sich sehr stark nach einem Abklatsch von „The Ring“ an, sind natürlich angebracht, sollten aber ignoriert werden. Was Kiyoshi Kurosawa mit „Pulse“ zeigt, ist grandioses Gänsehaut-Kino. Die erste halbe Stunde habe ich mir ein paar Mal echt ordentlich in die Hose gemacht. Was vor allem daran liegt, dass Kurosawa lockt und schockt. Er wirft einige sehr spannende Fragen auf: Was hat es damit auf sich, dass immer mehr Menschen ganze Räume mit rotem Klebeband absperren? Was passiert mit denen, die mit diesen Geistern aus dem Internet in Verbindung kommen? Was sind die merkwürdigen Schatten an der Wand?

Kurosawa baut Stück für Stück ein Gerüst aus Rätseln und Fragen auf. Mit jeder Szene fesselt er so den Zuschauer, der in gieriger Erwartung auf neue Hinweise hofft. Und sich – wie in meinem Fall – das ein oder andere Mal auch etwas hinter dem Sofakissen zu verstecken hat. Gerade zu Beginn des Films gibt es eine Szene, die zeigt, mit welch simplen Mitteln Kurosawa schocken kann: Ein Junge steht in einem dunklen Raum und betrachtet einen merkwürdigen Schriftzug an der Wand. Die Kamera zeigt den Jungen von vorne und hinter ihm sehen wir in den Schatten die Andeutung einer Figur. Eine Figur, die sich langsam nähert. Der Junge bemerkt sie, doch er kann nicht fliehen. Langsam, mit unnatürlichen Bewegungen kommt diese Figur näher und immer näher. Die Kamera bleibt dabei fast statisch… Kurosawa verlässt sich auf sein Setting, auf die Menschen (und Wesen) darin. Und Kurosawa beherrscht sein Setting. Diese eine Szene ist unglaublich gut. Unglaublich gruselig. Gänsehaut pur.

„Pulse“ ist langsam erzählter Film, dessen Spannung gerade auch durch diese Langsamkeit entsteht. Kurosawa hetzt nicht, er braucht kein Spektakel. Er braucht das langsam kriechende Grauen. War da hinten etwas? Doch, ich habe da was gesehen. Geh gucken!!! Mach schon!!! Doch jeder in dieser Situation würde nicht gleich loslaufen, er würde zögern, sich vorsichtig herantasten, beten, dass da doch nichts war. Und genau so ist „Pulse“.

Seit langem hat mich kein Horrorfilm mehr so gebannt auf den Bildschirm starren lassen wie „Pulse“. Man fiebert mit, man zittert mit… Wenn dazu noch dieser Soundtrack ertönt, der klingt wie das Zurren und Fiepen eines alten Modems, dann wird das Internet zur wirklichen Gefahr. Und Kurosawas Film richtig zeitkritisch: Wer allein vor dem Rechner hockt, der ist verloren. Nur die, die zusammen bleiben, können sich retten.

Man mag Kurosawa aufgrund seiner Inszenierung den ein oder anderen Storytwist verzeihen, der nach genauerem Überlegen doch albern klingt. Aber zum Nachdenken bleibt bei „Pulse“ eh keine Zeit… viel mehr bleibt die Angst, sich an seinen Computer zu setzen, um darüber zu schreiben. War da gerade was? Wo ist mein rotes Klebeband? Ich will nicht so sterben…

Wertung: 9 von 10 Punkten (wieder mal ein grandioser Horroschocker aus Japan – wundert es da jemanden, dass Hollywood schon ein Remake und dazu zwei Fortsetzungen raus gebracht hat??? Und ich bin mir sicher, dass sie selbst in drei Filmen nicht einmal ansatzweise an Kurosawas Größe herangekommen sind!!!)

7 Kommentare leave one →
  1. 15. August 2012 06:57

    Oh man, ich habe doch keine Sofakissen zum Festhalten und Dahinterspringen. Ich glaube, diesen Film gucke ich mal lieber nicht zur Nacht.

    • donpozuelo permalink*
      15. August 2012 07:06

      Ja, davon würde ich dann auch abraten 😉

  2. 15. August 2012 07:02

    Horror und Terror vom feinsten http://www.youtube.com/watch?v=T2VEC0Pbnyw

    • donpozuelo permalink*
      15. August 2012 07:06

      Du Monster!!! Wie soll ich jetzt jemals wieder einschlafen können? 😉

      • 15. August 2012 21:18

        Nie wieder!!! TEHEHEHEHE Du weißt erst, dass Du wieder schläfst, wenn Du von einem Entenbraten träumst 😀

  3. 15. August 2012 19:56

    Welche Horror-Japan Thriller Slasher hast du eigentlich noch nicht gesehen? 😀

    • donpozuelo permalink*
      15. August 2012 20:47

      So einige noch nicht. Aber ich liebe die einfach. Irgendwas machen die Japaner (fast) immer richtig. Das sind halt noch Filme, bei denen man sich tatsächlich noch ein wenig gruseln kann… weil die sich halt auch für keine abstruse Idee zu Schade sind. Ich meine, Geister aus dem Internet klingt schon ziemlich albern. Doch es funktioniert. Verdammt noch eins, es funktioniert. Und es funktioniert halt so oft bei den Japanern.

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