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Ein trauriger, trauriger Clown

11. Juli 2012

Stephen King hat Clowns für mich unerträglich gemacht. Seit ich damals mit 14 seinen Roman „ES“ gelesen habe, war mir klar, man kann diesen angemalten, fröhlichen Typen in bunten Ballonhosen und roter Nase einfach nicht trauen. Kings Pennywise ist für mich seit jeher ein Zeichen dafür, dass auch fröhliche Clowns nichts Gutes im Schilde führen.

Auch Regisseur Álex de la Iglesia scheint keine allzu guten Erfahrungen mit Clowns gemacht zu haben. Ansonsten hätte er mit Sicherheit keinen Film wie „Mad Circus“ gemacht. Nein, sicher nicht… denn den fröhlichen Clown, der Kinder zum Lachen bringt und dafür sorgt, dass diese für ein paar Minuten alles um sich herum vergessen, bekommt man in diesem Film nur für ein paar Augenblicke zu Gesicht.

Aber von vorne: „Mad Circus“ erzählt die Geschichte von Javier (Carlos Areces). 1936, während des Spanischen Bürgerkriegs, wird Javiers Vater – ein lustiger Clown im Zirkus – dazu gezwungen, im Krieg zu kämpfen. Später landet er im Gefängnis. Javiers Versuch ihn zu befreien, geht nach hinten los – sein Vater stirbt. Cut, knapp vierzig Jahre später: Javier ist zu einem bebrillten, dicken Mann herangewachsen, der die Tradition seiner Familie vorsetzen will. Doch weil er so viel Schmerz und Leid in seiner Kindheit ertragen musste, tritt er als trauriger Clown auf. In dem neuen Zirkus, in dem Javier seine Arbeit beginnt, trifft er auf Sergio (Antonio de la Torre) und dessen geliebte Natalia (Carolina Bang). Eigentlich ist Sergio der lustige Clown, doch sobald die Schminke ab ist, wird er ein Säufer und brutaler Schläger. Auch wenn sie oft das Opfer seiner Attacken ist, fühlt sich Natalia gerade deswegen zu Sergio hingezogen. Mit Javier beginnt Natalia ein gefährliches Spiel… Javier verliebt sich in sie, was Natalia schamlos ausnutzt, um beide Männer gegen einander aufzuspielen. Bis es, zu einer Katastrophe kommt.

Die etwas längere Inhaltsangabe musste sein, um überhaupt erst einmal zu verstehen, um was es bei „Mad Circus“ wirklich geht. Man könnte natürlich vermuten, dass Regisseur Álex de la Iglesia mit seiner Zirkus-Geschichte eine Verarbeitung spanischer Geschichte vornehmen möchte. Wer jetzt aber Gleichnisse zwischen der Franco-Diktatur und dem Zirkusleben erwartet, den muss ich enttäuschen. Franco und sein Regime dienen nur als Ausgangspunkt… eine gute Erklärung dafür, warum Javiers Kindheit so schlimm war und er zum traurigen, statt wie in seiner Familie sonst üblich lustigen, Clown wird.

„Mad Circus“ ist viel mehr… aus Ermangelung an Worten, um diesen Film richtig zu beschreiben möchte ich mal behaupten, dass „Mad Circus“ irgendwo zwischen total genial und total verrückt anzusiedeln ist. Álex de la Iglesias Film lässt sich nicht eindeutig eingliedern in die uns bekannten Genres. Stattdessen bekommen wir einen Film, der überrascht, der nicht vorhersehbar ist, der so unglaublich skurril, brutal und gleichzeitig wunderschön ist. Ich möchte sogar meinen, dass „Mad Circus“ einer der besten Filme ist, die das Thema der Dreiecksbeziehung zum Schwerpunkt haben. Mit Carolina Bang haben wir eine bezaubernde Dame, deren Schönheit nur noch getoppt wird von den Wirrungen in ihrem Kopf. Denn: Was in diesem Film auch passiert, sie ist Schuld. Sie ist der bildschöne Engel des Wahnsinns, der zwei Clowns den Kopf verdreht. Sie allein ist der Grund, warum Sergio und Javier sich einen absurden Kampf um die Liebe liefern. Sie ist die Sirene, die beide Männer in den Abgrund lockt.

Doch bis uns das vollständig klar wird, müssen wir den ganzen Wahnsinn erst einmal selber durchleben. Und dem Wahnsinn gibt Iglesias gleich zwei unheimliche Gesichter: Sergio wird durch einen manischen Übergriff von Javier zu einem dauergrinsenden Narbengesicht. Javier wird danach fast wahnsinnig und transformiert auf krasseste Art und Weise zu einem wirklich traurigen Clown. Das alles sind Bilder, die im Kopf stecken bleiben. Danach wird der Wahnsinn zum Selbstläufer.

„Mad Circus“ bleibt seinem Namen durchweg treu: Hier haust der Wahnsinn an jeder Ecke. Und in so gut wie jeder Einstellung. Iglesias Film ist herrlich absurd – ob nun ein Kampf auf einem riesigen Kreuz, ein als Rambo verkleideter Clown oder ein Verrückter, der General Franco wie ein tollwütiger Hund in die Hand beißt. Doch bei all dem Wahnwitz, der „Mad Circus“ innewohnt, verliert Regisseur Iglesias seine Figuren nie aus dem Auge. Neben der schon erwähnten zauberhaften Carolina Bang glänzen vor allem Carlos Areces als Javier und Antonio de la Torre als sein Gegenspieler Sergio. Areces kauft man den traurigen Clown genauso gut ab wie den vor Liebe Wahnsinnigen. De la Torre liefert dazu das perfekte Pendant – ein Riesenarschloch, das man gerne hasst. Doch wie gesagt… beide sind nur Marionetten. Fliegen in Carolina Bangs Spinnennetz. Seine Hauptdarsteller sind es schließlich die Iglesias Film das letzte i-Tüpfelchen geben.

Eine Ballade von Liebe und Tod – so der deutsche Untertitel. Äußerst passend… und verdammt sehenswert, auch wenn sich dadurch mein Bild vom Clown nicht wirklich bessert.

Wertung: 9,5 von 10 Punkten (die wohl krasseste Ménage à trois, die ich je gesehen habe… verrückte Clowns, eine hübsche Sirene und jede Menge Wahnsinn)

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7 Kommentare leave one →
  1. 11. Juli 2012 08:45

    Clowns sind Projektionswände vertypter Erwartungen und Wünsche. Ein Wesen, dass mit Charme, Witz, Selbstironie nur das Bestreben kennt, den Zuschauer zum Lächeln zu bringen und mit ihren vermeintlichen und demonstrativ zur Schau gestellten Schwächen doch nur einer unter vielen, dem Zuschauer trotz seiner Fertigkeiten gleichgestellt ist. Diese Kombination an projezierten Erwartungen schafft kein Kittel-, Anzug-, Talar oder sonstiger Berufskleidungsträger. Kein Wunder, dass die Umkehrung der Erwartungen eine Spannungslage schafft, die schockiert und Träume zerstört. Diese Filme zerstören unwiederbringlich diese Projektionswand. Aber ist es die Unterhaltung wert gewesen? Es ist einer der Art Filme, bei denen man hinterher für sich persönlich weniger zu haben scheint als vorher. Für mich ein Grund, warum alle „Böser-Grus’liger-Clown-Filme“ FSK 18 sein sollten 😉

    • donpozuelo permalink*
      11. Juli 2012 09:05

      Der Herr Professor hat gesprochen 😉

      Und keine Sorge, dieser Clown-Film hat FSK 18, ist aber trotzdem empfehlenswert!!!

      • 11. Juli 2012 09:56

        Danke Don. Dein Consilieri darf Deinen Leistungen doch noch zu weit entfernt sein 🙂

  2. 11. Juli 2012 11:01

    Wirklich empfehlenswerter Film. Hatte ihn mir spontan angesehen ohne wirklich Ahnung zu haben, worum es genau geht. Wusste nur: es geht um Clowns. Brutale Clowns. Umso überraschter war ich, dass es letzendlich eine Dreicksbeziehungsgeschichte ist. Aber toll umgesetzt mit großartigen Bildern und Figuren, die einem im Gedächtnis bleiben.

    • donpozuelo permalink*
      11. Juli 2012 11:54

      Auf jeden Fall. Ich hatte den eigentlich auch nur gekauft, weil allein das DVD-Cover so unheimlich cool aussah. Und nach dem riesigen FSK 18 Aufkleber zu urteilen, konnten das dann letzen Endes keine allzu fröhlichen Clowns sein 😉

  3. 11. Juli 2012 22:54

    Lustig „Es“ war für mich nur die endgültige Bestätigung, dass alle Clowns des Teufels sind. Ich habe sie schon immer gehasst :-))
    Ja hört sich gut an. De la Iglesia hat mich eigentlich noch nie richtig enttäuscht.

    • donpozuelo permalink*
      12. Juli 2012 11:00

      „Es“ war meine erste Begegnung mit einem fiesen Clown 😉

      De la Iglesia kommt definitiv auf die „Zu-Beachten-Liste“!!!

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