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Normalität hinter der Ledermaske

6. Juli 2012

Ich habe mich ja letztens erst beschwert, dass ich zu wenige Drehbuchautoren kenne, obwohl man denen doch mehr Respekt zollen sollte (oder sie vernichtend kritisieren sollte, wenn mal was nicht funktioniert). Charlie Kaufman war so das Paradebeispiel… und ist ja wohl möglicherweise auch so ein bisschen der „American Dream“ eines jeden Drehbuchautoren. Ein großes Drehbuch, das zu einem Erfolg wird, dann ein zweites, das einem gleich mal noch den Drehbuch-Oscar einbringt und man ist ein gemachter Mann. Nur kennt dich halt keine Sau… du hast Ruhm und Ehre ohne den Paparazzi-Irrsinn.

Jetzt kann ich mir einen zweiten Namen auf die Kappe schreiben, den ich mir merken werde: Andrew Kevin Walker. Insgesamt sechs Drehbücher gehen auf sein Konto – Aufsehen erregt hat dabei wohl sein Skript zu David Finchers „Se7en“. Da hat er sich ja einen wirklich konsequenten Thriller ausgedacht, der dank Fincher zu einem großartigen Film geworden ist. Einen Film später versuchte sich Walker noch einmal damit, in die dunklen Abgründe des Menschen einzutauchen. Passenderweise wählte er auch hierfür ein krasses Thriller-Thema:

In „8mm“ bekommt es Privatdetektiv Tom Welles (Nicolas Cage) mit einem heiklen Fall zu tun: Eine reiche Witwe hat im Safe ihres Mannes einen sogenannten Snuff-Film gefunden. Darin wird ein junges Mädchen von einem Mann in Ledermaske gefoltert und anschließend umgebracht – alles vor laufender Kamera. Um ihr Gewissen zu beruhigen (und vielleicht auch den Glauben in ihren verstorbenen Ehemann zurück zu erlangen) beauftragt sie Welles damit, die Echtheit des Films zu überprüfen. Bei seinen Ermittlungen in der bizarren Porno-Welt von SM und Bondage hilft ihm der junge Max California (Joaquin Phoenix). Durch ihn stößt Welles nach langer Zeit auf eine heiße Spur…

Meine Erwartungen waren groß… im Hintergrund schwebte immer so ein wenig die Hoffnung mit, es könnte eine ähnlich spannende Schnitzeljagd wie bei „Se7en“ werden. Aber natürlich ist das großer Schwachsinn. Die beiden Filme miteinander vergleichen zu wollen, wäre so, als würde man Äpfel mit Tomaten vergleichen – nur weil beide irgendwie rot sein können. „8mm“ ist ein klassischer Detektiv-Film – nur das die Dame, die ins Büro kommt, kein heißer Feger mit eigener geheimer Agenda ist, sondern eine alte Dame, die ihren Namen reinhalten will. Nicolas Cage trägt zwar keinen Trench-Coat, macht aber als Detektiv alles so, wie man es erwartet: nachfragen hier, spionieren da, sich als Bundesbeamter ausgeben, heimlich in Büros einbrechen und Telefone verwanzen. Da ist alles ganz beschaulich und brav nach Schema F. Hier liegt dann meiner Ansicht nach auch die einzige Schwäche von Joel Schumachers Film: Ein bisschen hier was machen, ein bisschen da was machen… aber keinen Plan haben und am Ende hilft dann das Schicksal: Unserer Detektiv kauft sich ein paar Pornoheftchen (zur Recherche natürlich), sieht im Laden eine Ledermaske wie die im Film und schwupps… endlich nimmt der Film so richtig Fahrt auf.

Man könnte Walker jetzt unterstellen, dass er einfach nicht weiter wusste und sich dann auf die Schicksalsgöttin verlassen hat. Das ist nicht unbedingt der schönste Drehbuch-Plot, aber es ist zu verschmerzen. Zumal dadurch auch die wohl schillerndste Figur des Films eingeführt werden kann: Joaquin Phoenix als Max California. Er führt uns und Welles in eine bizarre, abartige Porno-Welt ein – fernab von Hochglanz, Wasserstoff-Blond und Silikon.

„8mm“ wird zu einer Mini-Studie zum Thema Sado-Maso-Filmen, immer sehr süffisant kommentiert von Joaquin Phoenix. Je dichter Welles den Tätern auf die Spur kommt, desto abartiger wird das Ganze. Der Mythos Snuff wird plötzlich zur knallharten Realität.

An manchen Stellen hätte „8mm“ tatsächlich etwas düsterer sein können, gerade was die Haupt-Antagonisten angeht. Die werden hier schon zu merkwürdigen Witzfiguren, obwohl sie doch eigentlich eiskalte Killer sind. Zum Ende hin versucht Schumacher dem Film ein wenig mehr Action und Blut einzuflößen, doch macht er sich dadurch seine Hauptfigur kaputt – Cage wird vom Schnüffler zum Selbstjustiz-Vollstrecker. Eine Wandlung, die einerseits zeigen soll, dass er mit der „Normalität hinter der Ledermaske“ überhaupt nicht klar kommt, die andererseits nicht wirklich zu diesem vorsichtigen Typen passt.

„8mm“ ist aber trotz allem ein sehenswerter Film: Nic Cage spielt überzeugend, Joaquin Phoenix ist eh immer gut und das Thema passt gut zu einem Thriller. Wie gesagt, hier und da gibt es ein paar Lücken im Skript, aber die kann man verschmerzen.

Wertung: 7 von 10 Punkten (Nic Cage im Abgrund der Porno-Industrie)

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14 Kommentare leave one →
  1. 6. Juli 2012 11:19

    Zu lange her, dass ich den gesehen hab. Aber ich glaube, dass ich ihn auch nicht soooo schlecht fand. Ich glaube auch, dass mich zum Ende hin etwas gestört hat. Da war doch irgendetwas mit einer Hütte, das dann relativ lang dauerte… oder so oder irgendwie.

    • donpozuelo permalink*
      6. Juli 2012 11:42

      Genau, genau… die Hütte, in der alles passierte. Eigentlich schade, dass Schumacher da nicht bei seiner Figur bleibt, sondern das macht, von dem eh alle wussten, dass er da hin geht. Da wird aus seinem braven Detektiv dann doch ein „Rächer“. Passte nicht so ganz zum Film, aber gut… er ist wirklich nicht soooo schlecht. 😉

  2. 6. Juli 2012 13:39

    Bei Schumacher muss ich eben doch immer an die unsäglichen Batman-Fortsetzungen in den 90ern denken. Sicherlich hat der Typ nicht nur schlechte Filme gedreht. Nic Cage und Joaquin Phoenix im Cast zu haben ist jedenfalls förderlich auf meiner Merkliste.

    • donpozuelo permalink*
      6. Juli 2012 15:13

      Ja, die Erinnerung, daran, dass der gute Schumacher fast Batman getötet hätte, wiegt schwer. Aber in diesem Fall darf man das missachten. 😉

  3. 6. Juli 2012 14:10

    8mm war noch ein Film, indem man Cage die Rolle abnehmen konnte. Heute spielt er genauso vielschichtig und dynamisch wie eine Schaufensterpuppe.

    • 6. Juli 2012 14:25

      Und die ist besser gekleidet…

      • donpozuelo permalink*
        6. Juli 2012 15:14

        Für die Kleidung kann er ja – zumindest in seinen Filmen – nichts…

      • 6. Juli 2012 15:16

        Willst du drauf wetten? 😉

        • donpozuelo permalink*
          6. Juli 2012 15:57

          Ähhh, lieber nicht 😉

    • donpozuelo permalink*
      6. Juli 2012 15:14

      😀 Ich glaube, jede Schaufensterpuppe hat mittlerweile mehr Dynamik als ein Nic Cage. Was echt schade ist, weil ich ihn eigentlich immer sehr mochte.

      • 6. Juli 2012 15:37

        Stadt der Engel und Lord Of War sind meine Favoriten. Dort kann er spielen.

        • donpozuelo permalink*
          6. Juli 2012 15:58

          Das stimmt, aber gerade seine alten Filme sind auch noch richtig sehenswert. So zu den Zeiten, als er seinen Oscar verdient hat und sich noch Action-Held schimpfen durfte.

  4. 6. Juli 2012 16:35

    Den hab ich damals sogar noch im Kino gesehen und fand ihn recht gut. Danach noch ein paar Mal auf Video und würde ihn wohl auch so bei 7 Punkten sehen. War damals für mich schon teils ziemlich harter Tobak.

    • donpozuelo permalink*
      6. Juli 2012 16:56

      Es ist auch nach wie vor harter Tobak, wie ich finde. Allein das Thema und teilweise auch die sehr drastischen Darstellungen… nur halt zum Ende hin wird es etwas „normaler“, was dann nicht mehr so ganz in den Film passt.

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