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Spiegelbilder

29. Juni 2012

Was sehen wir, wenn wir in den Spiegel schauen? Einfach nur ein Abbild der Realität? Oder etwas anderes? Jemand anderen? Jemand, der zwar so aussieht wie wir, aber doch eine ganz andere Person ist? Klingt ziemlich bescheuert, aber wenn man bedenkt, dass Kleinkinder und Tiere nicht unterscheiden können zwischen sich und dem Bild im Spiegel, ist es schon wieder eine interessante Idee. Was sehen wir, wenn wir in den Spiegel schauen???

Jeder begeisterte „Fringe“-Fan kann sich einen Reim darauf bilden, was hinter dem Spiegel wirklich stecken könnte. Dann wäre das Bild auf dem Spiegel nicht einfach nur ein Abbild der Realität, sondern ein Blick in eine andere Welt, mit Menschen, die uns aufs Haar gleichen und doch im Inneren ganz anders sein können.

Spiegel sind halt was Besonderes… nicht umsonst sind so beliebt im Horror-Genre. Spiegel spielen auch eine zentrale Rolle in Sean Ellis‘ „The Broken“: Auf der Geburtstagsfeier der Familie McVey zerbricht – ohne Grund – ein großer Spiegel. Natürlich kümmert sich niemand groß darum. Doch am nächsten Tag sieht Radiologin Gina McVey (Lena Headey) etwas Unfassbares: In einem Auto sitzt eine Frau, die ihr aufs Haar gleicht. Gina verfolgt ihre Doppelgängerin bis in ihre Wohnung. Hier steht dann auch noch ein Bild von ihr und ihrem Vater (Richard Jenkins). Verstört verlässt sie die Wohnung, rast mit ihrem Auto davon und gerät prompt in einen Autounfall. Nach dem Unfall hat Gina nicht nur mit Gedächtnisverlust zu kämpfen, sondern auch mit dem mulmigen Gefühl, dass mit ihrer Familie irgendwas nicht mehr stimmt.

Sean Ellis‘ Film orientiert sich (sehr frei) an einer Kurzgeschichte von Grusel-Meister Edgar Allen Poe, der sich in „William Wilson“ mit dem Thema des Doppelgängers auseinandersetzt. Dafür leitet ein Poe-Zitat auch den Film ein. Doch zum Glück ist das nicht das einzige, was Poe zelebriert. Denn auch sonst ist „The Broken“ ein schaurig-schöner Film. Zum Teil wohlgemerkt.

„The Broken“ lässt uns mit unserer Hauptdarstellerin im Dunkeln tappen. In einer farblosen, grauen Stadt versucht Gina hinter das Rätsel ihrer Doppelgängerin zu kommen. Sean Ellis gelingt es dabei sehr schön, eine unheimliche Grundstimmung zu erschaffen, wirft hier und da ein paar Fragen auf. Zerbrochene Spiegel pflastern den Weg zur Erkenntnis, ohne dass man genau weiß, was es damit wirklich auf sich hat. Der Spiegel wird in „The Broken“ zu einem irreführenden Element. Jedes Mal, wenn Gina vor einen Spiegel tritt und sich ihr Spiegelbild anschaut, erwartet man, dass es daraus hervorspringt. Man hofft auf, zerberstendes Glas. Ellis spielt sehr gekonnt mit dieser Mischung aus Spannung und großem Hoffen. Dazu streut er hier und da ein plötzlichen Perspektivwechsel ein. Im einen Augenblick ist man noch vor dem Spiegel, dann schaut man plötzlich aus dem Spiegel heraus, nur um Sekundenbruchteile später wieder auf der „normalen“ Seite zu stehen. Und nur einmal gewährt uns Ellis auch einen größeren Blick „hinter“ den Spiegel… doch all das sind nur gekonnt gestreute Leckerbissen.

Das wirklich Grandiose an „The Broken“ ist, wie man irgendwann selbst vorm Fernseher sitzt und sich völlig der Story hingibt. Man ist wirklich ständig am Rästeln: Was sollen diese Spiegel, die plötzlich hier und da zerbrechen? Atmosphärisch ist „The Broken“ wirklich toll gemacht. Dazu passt dann auch Frau Headey, der man in diesem Film schon anmerkt, dass sie wirklich die perfekte Wahl für eine Königin namens Cersei war. Die Frau kann so unglaublich gut böse gucken. Vielleicht hätte man ihr am Ende doch etwas mehr Spielraum geben können, um sich richtig zu entfalten.

Dazu jedoch hätte auch die Geschichte irgendwann mal eine andere Wendung nehmen müssen: „The Broken“ baut hervorragend Spannung auf, wirft interessante Fragen auf und ist sicherlich ein Gruselfilm, der auch einem Edgar Allen Poe gefallen hätte. Doch am Ende gelingt Ellis es nicht, einen würdigen Abschluss zu finden: „The Broken“ versinkt beim Kampf der Doppelgänger im Blut und bleibt uns die lang ersehnte Antwort schuldig: Wer sind diese Wesen aus dem Spiegel???

Nach der guten Vorarbeit lässt uns Sean Ellis mit zu vielen Fragezeichen zurück. Der Film fühlt sich unfertig an… man wartet noch gespannt den Abspann ab, in der Hoffnung doch noch etwas mehr zu erlangen, wird aber enttäuscht. Ich glaube kaum, dass ich das schreibe, aber: Ich verlange eine Fortsetzung!!!

Wertung: 6 von 10 Punkten (stimmiger Gruselstreifen, der mehr Fragen aufwirft als er beantwortet – leider)

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7 Kommentare leave one →
  1. 29. Juni 2012 08:39

    Klingt gut. Ich hab mir vor einer Weile mal ein Film angesehen, der auf „Das schwarze Herz“ von Poe basiert. Zwar auch sehr lose aber der Trend, so es denn einer ist, gefällt mir. Man kann sich von wesentlich dümmeren als Poe-Storys inspirieren lassen. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      29. Juni 2012 09:09

      Oh ja, da hast du Recht. Poe hat ja genügend Material abgeliefert, um da noch ein paar Geschichten erzählen zu können.

  2. 30. Juni 2012 22:13

    Huch, den fand ich sogar besser als Du. Seinerzeit hatte ich gerade Spiegelhaut von China Miévilles gelesen, dessen Geschichte natürlich wesentlich besser ist, aber an sich fand ich Broken ganz ordentlich.

    • donpozuelo permalink*
      1. Juli 2012 11:40

      Ich find ihn ja auch ordentlich, nur hat mich gestört, dass der Film am Ende a) zu sehr ins Blutige geht (was vorher gar nicht so im Vordergrund stand) und b) das so gar nicht erklärt wurde, was das jeetzt mit den Spiegelbildern nun eigentlich sollte. Hätte mich persönlich schon ein wenig interessiert.

    • donpozuelo permalink*
      1. Juli 2012 11:42

      Aber vielleicht merke ich mir einfach mal „Spiegelhaut“ von Mièville, dann hab ich was Neues zu lesen 😉

      • 1. Juli 2012 14:03

        Da kann ich Dir die Storysammlung „Andere Himmel“ von 2007 von ihm empfehlen 🙂

        • donpozuelo permalink*
          1. Juli 2012 17:41

          Danke!!! Buchtipps kann ich immer gut gebrauchen 😉

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