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Long live the new flesh!

22. Juni 2012

Gewalt im Fernsehen ist schlecht! Wer sich gewalttätige Filme ansieht, stumpft ab und ist gewaltbereiter. Es sind Aussagen wie diese, die früher immer wieder mal ganz gerne gebracht wurden. Gleiches galt dann auch für Heavy Metal oder die berühmt-berüchtigten Killer-Spiele. Alles war böse und der Mensch, der sich gewalttätige Filme ansah oder Ego-Shooter spielte und dabei am besten noch schlimme Musik hörte, musste zwangsläufig ebenfalls gewalttätig werden.

So alt wie die Beschuldigungen sind, so alt sind wahrscheinlich auch ihre Befürworter. Und trotzdem ist es eine interessante Frage. Oliver Stone hatte sich ja in „Natural Born Killers“ damit beschäftigt, wie Medien und Gewalt schön brav Hand in Hand gehen. Doch das ist ein alter Hut und ja nicht wirklich das Thema. Es geht ja darum, wie uns gewalttätiges Fernsehen beeinflusst… und das ist eine Frage, mit der sich „Videodrome“ von David Cronenberg auf sehr morbide Art und Weise beschäftigt.

Max Renn (James Woods) betreibt den kleinen Privatsender „Civic TV“. „Civic TV“ ist aber kein gewöhnlicher Sender, Renn will all das zeigen, was an die Nerven geht – reißerisches Zeug halt. Gewalt und Sex und Blut… Da kommt es Renn sehr gelegen, dass einer seiner Mitarbeiter das Signal eines Piratensenders namens „Videodrome“ hackt: Dort findet Renn nämlich alles in einem – Gewalt, Sex und Mord. Dieses Snuff-Programm hat es Renn angetan, sogar seine Freundin, die masochistisch veranlagte Radiomoderatorin Niki (Deborah Harry) will sich bei „Videodrome“ bewerben. Schließlich gehen alle davon aus, dass „Videodrome“ nur gestellt ist. Doch mit seiner Begeisterung für den Sender erfährt Renn auch mehr und mehr über „Videodrome“… angeblich ist nichts gestellt und angeblich verfolgen die Macher von „Videodrome“ eine ganz bestimmte Agenda: den Prozess der inneren Verrottung Amerikas aufhalten. Mit allen möglichen Mitteln.

Ich wusste ja schon, dass David Cronenberg ein verrückter Hund ist, nur so richtig verrückt habe ich ihn noch nie erlebt. Filme wie „Eastern Promises“ oder „A Dangerous Method“ zeigen, dass der Altmeister gut gealtert ist, aber nicht mehr all zu viel Wert auf Horror und Gore setzt. Lieber etwas realistischer, aber nicht unbedingt weniger gewalttätig. Aber das ist ja nicht das, weswegen Cronenberg bekannt geworden ist. Filme wie „Videodrome“ sprechen da eher von dem, was Cronenberg mal war: ein Filmemacher, der schocken wollte und dabei auch gerne mal sehr bildlich wurde, um sein Anliegen deutlich zu machen.

Was möchte uns Cronenberg also mit „Videodrome“ sagen: Gewalttätiges Fernsehen lässt Menschen verrückt werden. Sie fangen an zu halluzinieren, sie werden mehr und mehr zu dem, was sie dort sehen. Sie verwandeln, transfomieren förmlich. Gut, das Ganze ist am Ende nur ein Experiment, aber schlimm ist es trotzdem. Und vor allem ziemlich eklig anzuschauen… ob nun die merkwürdige „Vagina am Bauch“, in die Max dann Videokassetten und eine Waffe versteckt oder der stöhnende Fernseher, der Max langsam in sich einsaugen will. Cronenberg trumpft mit schönen Ekel-Effekten.

Doch was von dem, was wir da sehen, ist nun wirklich real und was nur Halluzination verursacht durch „Videodrome“? Cronenberg lässt uns darüber lange im Unklaren und das macht dann den eigentlichen Reiz des Films aus. Genau wie Max selbst ist man sich nie so hundertprozentig sicher, wo die „Videodrome“-Visionen aufhören und die Wirklichkeit wieder anfängt. Eigentlich ist Renn in seinem persönlichen Paradies angekommen: Er erlebt selbst, dass, was er seinen Zuschauern bieten möchte – Gewalt und Sex am laufenden Band. Nur nach und nach wird diese gelebte Sensationsgeilheit zu einem absoluten Alptraum. Cronenberg entwickelt hier etwas, dass ich sonst nur von Lynch kenne: diese vollkommene Ahnungslosigkeit des Zuschauers, die durch die verrückten Ideen des Regisseurs nur noch gesteigert wird.

„Videodrome“ ist ein grotesker Film, der auf Konventionen pfeift und seinen Zuschauer sowie seinen Hauptdarsteller in komplette Verwirrung stürzt. Auch wenn Cronenberg in einigen Szenen sehr plastisch wird, kommt doch seine Botschaft von der „Transformation durch Gewalt im Fernsehen“ wird dadurch nur noch wirkungsvoller verbreitet. Der Kampf um die Willenskraft des Menschen wird über das Fernsehen geführt. Wer könnte uns das schöner zeigen als David Cronenberg. Vielleicht ist das Ganze etwas sehr gewöhnungsbedürftig, aber doch sehenswert.

Wertung: 8 von 10 Punkten (wie könnte man Gewalt im Fernsehen besser anprangern als durch einen gewalttätigen Sci-Fi-Horrorstreifen?)

5 Kommentare leave one →
  1. 22. Juni 2012 12:21

    Schmählicherweise habe ich den Film noch nicht gesehen, aber deine Beschreibung klingt so, als würde sich Cronenberg genau der Mittel und Darstellungen bedienen, die er anprangern will – ein Anfängerfehler. Oder ist es doch doppelbödiger? Ich kann mir eine solch fehlende Ein- und Weitsicht bei Cronenberg gar nicht vorstellen.

    • donpozuelo permalink*
      22. Juni 2012 13:15

      Kein Anfängerfehler, definitiv nicht. Cronenberg macht das schon alles mit einem Hintergedanken. Da sind mehr doppelte Böden als man denken mag. 😉 Es ist auf jeden Fall mal ein sehr sehenswerter Film zum diesem Thema.

      • 22. Juni 2012 13:28

        Ach so, dann ist ja gut 🙂 Geguckt wird er jedenfalls so oder so mal.

        • donpozuelo permalink*
          22. Juni 2012 13:34

          Mach das, aber wie gesagt: Es wird eklig!!!

Trackbacks

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