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Katzen sind böse!

15. Juni 2012

Ich habe mich ja schon dazu bekannt, ein neugieriger Filmegucker zu sein. Wenn irgendwer ganz besonders auf einem Film herumhackt oder ihn hoch lobt, dann kann man sich ziemlich sicher sein, dass dieser Film zumindest schon mal auf meiner Liste landet. Nun wird diese Liste immer länger und länger, aber manchmal habe ich auch das Glück, einen Titel davon zu streichen. Dieses Mal war es ein hochgelobter Film, ein mit Preisen überhäufter Film, ein in Cannes erprobter und sogar Oscar nominierter Film. Spricht ja alles irgendwie sehr stark für den Film. Doch finde ich es dann komisch, wenn ich nicht sofort in die Euphorie mit einsteigen kann und erst einmal verwirrt vor dem Fernseher sitze und gar nicht weiß, was ich von dem Film halten soll.

So ist es mir dann auch bei dem griechischen Film „Dogtooth“ von Yorgos Lanthimos. Lanthimos erzählt eine recht eigenwillige Geschichte: Ein Ehepaar (Christos Stergioglou und Michelle Valley) lebt sehr abgeschieden auf einem riesigen Anwesen – mit großer Wiese, großem Pool und großem, hohen Zaun rund herum. Mit dem Ehepaar leben noch ihre drei erwachsenen Kinder (Aggeliki Papoulia, Mary Tsoni und Christos Passalis) auf dem Anwesen. Es scheint also eine friedliche Idylle zu sein. Doch der Schein trügt – massiv. Denn die Kinder haben dieses Anwesen noch nie verlassen. Hinter dem Zaun droht Gefahr, auf die die Eltern ihre Kinder erst vorbereiten wollen. Nur leider bringen sie ihren Kindern nur Schwachsinn bei: Da ist das Meer ein Stuhl, die Katze ist das böseste und gefährlichste Tier der Welt und das elterliche Heim darf man erst verlassen, wenn einem der Dogtooth ausfällt.

„Dogtooth“ ist ein schwer zu fassender Film – irgendwie schwer einzuordnen. Was ich auf jeden Fall sagen kann, ist, dass ich vorher noch keinen Film wie „Dogtooth“ gesehen habe. Regisseur Lanthimos erzählt keine Geschichte, er beobachtet nur Geschehnisse. Dabei wirken die ruhigen Bilder, bei denen sich die Kamera kaum bewegt und Musik so gut wie nie eingespielt wird, fast so, als würde man sich Familienporträts anschauen. Eine heile, bunte Welt – eine erstrebenswerte Welt. Doch je länger man hinschaut, desto wirrer wird es.

Die Eltern erziehen ihre Kinder zu absoluten Sozialkrüppeln, die in der normalen Welt nicht mal annäherungsweise lebensfähig wären. Den Schauspielern muss man da ein großes Lob aussprechen, denn sie spielen diese Kindserwachsenen mit einer sehr glaubhaften Naivität. Sie sammeln Sticker, sie planschen im Pool – ihr Leben erscheint ihnen glücklich, fröhlich, unbeschwert. Das wirkliche Ausmaß erkennt man erst, wenn jemand von der Außenwelt dazu kommt. Aus irgendeinem Grund lädt der Vater eine junge Frau nach Hause ein und bezahlt sie, damit sie Sex mit seinem Sohn hat. Durch diese Frau bekommt die Welt der Kinder ihre ersten Risse, durch sie lernt die älteste Tochter von einer anderen Welt und versucht auszubrechen.

Es ist eine unabwendbare Entwicklung. Vielleicht möchte uns Lanthimos damit deutlich machen, dass wirklich gar nichts, die Drang des Menschen nach Erkenntnis stoppen kann. Solange die Kinder noch jung sind, kann man sie mit Horror-Katzen in Schach halten. Aber irgendwann siegt die Neugier. So auch hier… egal, was die Eltern auch versuchen, kaum ist dieser fremde Faktor – die junge Frau – in die sonst so stark behütete Welt eingedrungen, ist sie wie ein Virus. Unaufhaltbar.

„Dogtooth“ ist teilweise ein recht schleppend erzählter Film, der sich auch nicht darum kümmert, aus welchen Gründen die Eltern ihre Kinder auf diese Weise erziehen. Wir als Zuschauer müssen das einfach hinnehmen. Nur es fällt so extrem schwer, sich diesen Film ruhig anzuschauen. Anfangs ist „Dogtooth“ sogar noch ein wenig lustig, nur je mehr sich das Virus Neugier ausbreitet, desto absurder wird das alles. Der Vater wird gewalttätiger, versucht den Virus zu entfernen, doch es ist alles schon zu spät. In einer aberwitzigen Aktion, die nur dafür stehen kann, dass der Wille stärker als die Angst ist, versucht die Älteste zu fliehen.

Regisseur Lanthimos versucht aber zum Glück nicht zu sehr auf die Schock-Tour zu fahren. Doch gerade der Gegensatz zwischen diesen ruhigen, idyllischen Bildern und den verrückten Taten, die sie uns zeigen, erzeugt Lanthimos eine Schockwirkung, die noch lange nachwirkt.

„Dogtooth“ ist – und ich sage es gerne noch einmal – ein äußerst merkwürdiger Film. In mir bekannte Kategorien kann ich ihn nicht einordnen. Ihn mir noch einmal anschauen, um es dann doch vielleicht zu versuchen, möchte ich auch nicht. „Dogtooth“ ist auf jeden Fall ein Film, der einem noch einige Zeit nach dem Abspann quer im Magen liegt.

Wertung: 7 von 10 Punkten (absurdes Familiendrama, das mit ruhigen Bildern schockt)

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10 Kommentare leave one →
  1. 15. Juni 2012 10:57

    Mit ruhigen Bildern schocken? Familiendrama? Eltern, die ihre Kinder behüten wollen? Oha, dieser Film erinnert im groben Umriss sehr an einen Film, den ich gesehen habe und danach recherchieren musste, ob er nun erdacht ist oder auf Tatsachen beruht. Ich kann Dir diesen Film nur empfehlen: 1999 – Virgin Suicides http://www.imdb.com/title/tt0159097. Da er aber von Sofia Coppola ist, habe ich den leisen Verdacht, dass Du ihn bereits kennst?

    • donpozuelo permalink*
      15. Juni 2012 11:38

      Dein Gespür trügt nicht. Ich kenne „The Virgin Suicides„. Aber „Dogtooth“ ist da noch eine ganz andere Nummer. Dagegen ist „The Virgin Suicides“ Kindergeburtstag. Allerdings muss man auch bei „Dogtooth“ nicht weit denken, um erschreckende reale Beispiele für diesen Film zu finden. Und das macht den Film dann noch umso gruseliger.

  2. therudi permalink
    15. Juni 2012 14:45

    Einer der 10 besten Filme von 2011. Dagegen ist der schnarchige „Virgin Suicides“ der talentfreien Coppola-Tochter tatsächlich Kindergeburtstag. Und zwar ein ziemlich langweiliger Kindergeburtstag 😀

    • donpozuelo permalink*
      15. Juni 2012 15:35

      Ja, im direkten Vergleich stinkt Coppola wirklich ab! Ich hatte damals das Buch dazu gelesen und war begeistert, so richtig überzeugen konnte mich der Film dann aber doch nicht. Da ist „Dogtooth“ in seiner Einfachheit tausendmal besser.

  3. 17. Juni 2012 09:29

    wieder mal ein Film von dem ich vorher noch nie etwas gehört hatte, aber ich mir jetztz sehr gern zu Gemüte führen möchte 😀

    • donpozuelo permalink*
      17. Juni 2012 13:25

      Meine Arbeit hier ist wieder einmal getan 😉

  4. 19. Juni 2012 18:43

    Wieder einmal eine sehr gute! Ich habe ihn mir auch gleich notiert.

    • donpozuelo permalink*
      19. Juni 2012 23:19

      So ist’s recht!!! Ich kann dir den bei Gelegenheit auch mal ausleihen… das war jetzt mal eben der Wink mit dem Zaunpfahl.

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