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Die Rache Gottes

13. Juni 2012

Jeder Thriller, der was auf sich hält, braucht einen guten Killer! Das Ermittler-Team kann noch so gut oder schlecht sein, solange der Täter ein gemeines Arschloch ist. Doch da besteht dann wohl die größte Aufgabe eines Drehbuchautors: Denn im Endeffekt muss er genauso methodisch seine Figur entwickeln, wie die ihre Morde. Leider fällt man bei Serienmördern doch zu oft auf zwei Klischees zurück: Entweder hat er oder sie irgendein ein unbewältigtes Kindheitsproblem oder Gott hat sich in irgendeiner Art und Weise bei ihnen gemeldet. Beim „Gotteskrieger“ ist es dann ganz einfach: Man nehme seine Bibel aus dem Schrank (sofern man eine im Schrank zu stehen hat), dann suche man sich ein paar extreme Sprüche und lässt seinen Killer diese dann – am besten vollkommen aus dem Kontext gerissen – zitieren. Fertig ist der böse Fiesling. Vielleicht noch ein paar Szenen, in denen der Bösewicht mit einem hellen Licht spricht, um auch deutlich zu zeigen, dass er vollkommen abgehoben ist, und das war’s.

Es gibt eigentlich nichts schlimmeres als das. Die meisten Thriller dieser Art stecken so voller blöder Klischees und albernen Sprüchen, dass sie unerträglich geworden sind. Aber gut, schließlich ist der Gott besessene Serienkiller auch eine viel genutzte Figur. Und dabei kann es in diesem Fall nur einen geben. Ein Mann, der zwar besessen, aber keineswegs verrückt war – Jonathan „John“ Doe in David Finchers „Se7en“.

Nach dem dritten Teil der Alien-Saga stürzt sich Fincher in einen dunklen Alptraum: In einer Stadt, in der es scheinbar nur zu regnen scheint, geht ein Killer um, der seine Morde nach den Sieben Todsünden der Bibel inszeniert. Der junge Detective Mills (Brad Pitt) und der alte Detective Somerset (Morgan Freeman) ermitteln.

In erster Linie ist an „Se7en“ nicht wirklich viel neu: Wir haben ein Ermittler-Duo, dass sich fast schon zu sehr nach „Lethal Weapon“ anhört. Brad Pitt spielt den jungen Heißspund und Morgan Freeman den betagten Fast-Pensioner, der nur noch „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“ sagen müsste, um der Assoziation Murtaugh vollkommen gerecht zu werden. Aber diesem Duo fehlt der Witz. Aber in einer so depressiven, dunklen Umgebung wie dieser wohl regenreichsten Stadt der Welt können auch die besten Ermittler nur selten zum Lachen kommen. Atmosphärisch kann man Fincher wirklich nichts vorwerfen: Zu einem düsteren Thema erschafft er eine düstere Welt, in der selbst die Tage, an denen es nicht regnet, trist aussehen. Alles in diesem Film unterwirft sich der Grausamkeit der Morde.

Und hier liegt dann auch die größte Stärke von „Se7en“. Wie sonst üblich erfahren wir nicht viel über diesen Killer. Wir werden zu stummen Begleitern von Somerset und Mills. Wo normalerweise wenigstens hier und da mal eine Szene mit eingestreut wird, die uns den Killer in Ansätzen zeigt, müssen wir mit seinen vollendeten Taten „vorlieb“ nehmen. Und die inszeniert der Killer auf unangenehme Art und Weise: Ob der dicke Mann, der sich selbst zu Tode fressen muss oder das Faulheitsopfer, dass seit einem Jahr nur auf dem Bett liegt… Fincher verschont uns nicht, um uns zu verdeutlichen, dass dieser Typ wirklich komplett böse ist. Doch das Problem ist nur, man bekommt ihn scheinbar einfach nicht zu fassen. Drehbuchautor Andrew Kevin Walker hat ein durchtriebenes, kalkulierendes Arschloch erschaffen, der zu jedem Zeitpunkt die Zügel fest in der Hand hält.

Das Geheimnis um den Killer in „Se7en“ ist ein sehr gut behütetes (und wer den Film tatsächlich noch nicht gesehen hat, sollte jetzt aufhören weiterzulesen und sich lieber diesen wirklich guten Thriller anschauen).

Es wurde sich bereits im Vorfeld der Veröffentlichung sehr bemüht, den Namen des Schauspielers geheim zu halten, der den Killer in „Se7en“ spielt. So kann man auch im absolut sehenswerten Vorspann des Films lange nach einem Namen suchen. Und dieses Verwirrspiel wird auch gut in dem Film selbst übernommen. Wenn man den Todsünden-Killer mal sieht, dann nur von weitem oder versteckt unter Mantel und Hut. Es gibt nur eine Szene, in denen Fans des Schauspielers schon an der Stimme erkennen, dass Kevin Spacey hinter der Rolle des John Doe steckt.

Spacey bekommt nur wenig Zeit, um seinem John Doe eine Persönlichkeit zu verleihen. Aber Spacey ist ein großartiger Schauspieler und braucht dementsprechend auch nicht sonderlich viel, um zu beweisen, dass er dieses durchtriebene Wesen ganz und gar in sich aufgenommen hat. Mit dieser absolut ruhigen Art schockt Spacey noch mehr, als wenn er jetzt irgendwie wild schreiend durch die Gegend laufen und „Gott hat es mir befohlen“ schreien würde.

Und in dieser Sache ist das Drehbuch dann auch sehr konsequent: Ein Mann wie John Doe hat für alles einen Plan und so darf man in keinster Weise hoffen, hier ein Happy End vorgesetzt zu bekommen. Wenn man das erste Mal dieses Ende sieht, dann geht das runter wie Öl: So was Hartes war man in diesem Genre schon lange nicht mehr gewöhnt. Das „Erfreuliche“, dass Gefühl bleibt bestehen, selbst wenn man den Film schon Dutzende Male gesehen hat.

„Se7en“ rangiert in meiner Liste der Psycho-Thriller ganz, ganz oben. Klasse Darsteller, atmosphärisch dicht und ein konsequenter Killer – perfekt!

Wertung: 10 von 10 Punkten (es ist eine Todsünde, diesen Film nicht gesehen zu haben)

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16 Kommentare leave one →
  1. 13. Juni 2012 08:24

    Jajaja!! Volle Zustimmung! Nur, bei mir hatte der Film (und hat er jedesmal, wenn ich ihn sehe) noch den Nebeneffekt, dass es Fincher gelingt, mir mit seinen Opfern eine Art Spiegel vorzuhalten, ein ungutes Gefühl zu erzeugen hinsichtlich der eigenen Sündhaftigkeit…

    • donpozuelo permalink*
      13. Juni 2012 09:05

      Danke, danke!!! Aber das mit dem Spiegel vorhalten klingt ja ein wenig gruselig. „eigene Sündhaftigkeit“… ich will gar nicht weiter nachfragen 😉

  2. 13. Juni 2012 08:57

    Schön beschrieben. Ich weiß noch genau, wie mich der Film damals bei der Erstsichtung mitgenommen hat. Gruselig und beeindruckend zugleich.

    • donpozuelo permalink*
      13. Juni 2012 09:06

      Ja, die Erstsichtung ist wirklich der Hammer!!! Da weiß man gar nicht, wo einem der Kopf (!!!) steht. Aber auch danach immer noch ein äußerst sehenswerter Film.

  3. 13. Juni 2012 10:59

    Ein Wort, das alles sagt: Fincher! 🙂

    Ein guter Film, den ich allerdings nur 1x (vermutlich zu jung) gesehen habe und (vermutlich deshalb) nicht so grandios fand, wie du es jetzt beschrieben hast.

    Ich werde ihn mir einfach demnächst noch einmal ansehen.

    • donpozuelo permalink*
      13. Juni 2012 12:09

      Das will ich jetzt mal vorsichtig überlesen haben… „nicht so grandios“!!! Das schreit förmlich danach, dass du diesen Film noch mal schaust!!! 😉

  4. 13. Juni 2012 17:23

    Brillianter thriller vom Meister der Thriller…und der Kevin Spacey wird noch nicht mal im Abspann genannt…so cool ist der

    • donpozuelo permalink*
      13. Juni 2012 17:44

      Kevin Spacey durfte auch während der Promotion nicht erwähnt werden. Er durfte keine Interviews geben – gar nichts!!! Der Zuschauer sollte wirklich erst im Kino erfahren, dass er mitspielt. Wirklich konsequente Strategie! 😉

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