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Fernglas-Girl und Khaki-Boy

6. Juni 2012

Das ist die Zeit der Liebe/ die Zeit der Freunde/ und des Abenteuers/ Wenn diese Zeit geht und kommt/ da denkt man an nichts/ trotz seiner Schrammen“ So beginnt „Le Temps De L’Amour“ der französischen Sängerin Françoise Hardy. Ein Song, in dem es, wie der Titel ja schon verrät um die Liebe. Aber es ist zum Glück kein Herz-Schmerz-Song, sondern ein ermutigender Song: „Denn die Zeit der Liebe/ sie bringt ins Herz/ soviel Wärme/ und Glück“. Es könnte kein passenderer Titel sein, den sich ein junges Mädchen als ihr Lieblingslied auserwählt hat… und es hätte wohl kein passenderer Titel sein können, der Wes Andersons „Moonrise Kingdom“ in nur zweieinhalb Minuten perfekt zusammenfasst.

Schließlich geht es in „Moonrise Kingdom“ genau um diese Zeit der Liebe… eine Liebe, die Sam (Jared Gilman) und Suzy (Kara Hayward) zu einem großen Abenteuer aufbrechen lässt. Beide fühlen sich in ihrer Umgebung unwohl… Sam bei seiner Pfadfinder-Truppe und Suzy in ihrer Familie. Und so nehmen die beiden Reißaus, um sich ihr eigenes Leben aufzubauen. Doch blöd ist nur, dass die beiden erst 12 sind. So beginnen die Pfadfinder und Suzys Eltern die Suche nach den beiden.

Wer Wes Anderson kennt, der weiß, dass dieser Mann ein goldenes Händchen hat. Seine Filme haben etwas Besonderes an sich, das sich schwer für mich in Worte fassen lässt. Es sind Wohlfühl-Filme, die einfach unheimlich viel Spaß machen. Es sind witzige Filme mit sympathischen Figuren: Ob nun die verschrobene Familie Tenenbaums, der patente Mr. Fox oder die Tiefseetaucher-Familie Zissou – Wes Anderson gelingt es wirklich in jedem seiner Filme ein unglaubliche Leichtigkeit zu erzeugen. Das ist dann fast ein wenig so, als hätte man ein paar Happy-Pillen eingeworfen.

Ich gestehe aber auch, dass ich mich dennoch ein wenig zögerlich an „Moonrise Kingdom“ gewagt habe. Aber wirklich nur ein klein wenig: Anderson macht seit jeher diese leicht skurril-schrillen Komödien. Das ist ja sowas wie sein Markenzeichen. Meine Sorge bestand nun darin, dass Anderson anfangen könnte zu schwächeln. Vielleicht ist die Kreativität eingerostet, wenn man sich auf schräge Familien einlässt. Ich weiß es nicht genau… auf jeden Fall gab es da diese kleine Stimme in meinem Kopf, die mir weismachen wollte, Wes Anderson könnte auch mal versagen. Doch diese kleine, leise Stimme musste ziemlich schnell ihre Fresse halten. Allein bei der Anfangssequenz, in der man Suzys Haus als eine Art Puppenhaus zieht, bei dem die Kamera mühelos von Raum zu Raum gleitet, wo alle Räume wie für ein Foto perfekt hergerichtet sind, da war es schon um mich geschehen.

„Moonrise Kingdom“ ist der Beweis, dass Wes Anderson einfach genau weiß, was er da tut. Er wählt die richtige Location (eine kleine Insel mit Pfadfindern drauf) und nutzt da jedes Detail aus, um seine Geschichte zu erzählen. Gemeinsam mit Sam und Suzy erkunden wir diese kleine Idylle und wünschen uns schon fast, in unserer Kindheit selbst mal da langgelaufen zu sein. Alles auf dieser Insel sieht aus wie von einer Postkarte geklaut – der Leuchtturm mit seinen klaren Farben, das Pfadfinder-Lager mit seiner militärisch anmutenden Ordnung, die „Wildnis“ mit kleinen Bächen, Hügeln, Klippen und einem hübschen Strand.

Doch unter dieser Bilderbuch-Idylle schlummert noch viel mehr – die bezaubernde Geschichte von Sam und Suzy. Für die Schauspieler Jared Gilman und Kara Hayward ist es die erste Rolle in einem Film, aber Gilman spielt diesen bebrillten Nerd mit leiser Nuschelstimme mit einer liebenswerten Hingabe. In Kara Hayward kann man sich als Suzy nur verlieben – dieser verheißungsvolle Blick, diese nonchalante Art mit der sie in ihrem Sonntagskleid durch die Wildnis wandert, all das ist einfach nur großartig. Hier muss man aber auch Anderson wirklich loben – nicht nur, ist er der einzige, der eine Liebesgeschichte zwischen 12-Jährigen so wundervoll inszenieren kann, er besetzt sie auch noch großartig mit zwei äußerst sympathischen Darstellern. Da ist es fast schon ein wenig schade, dass eigentlich nur mit den großen Namen geworben wird.. Doch auch die müssen sein.

Was wäre ein Anderson-Film schließlich ohne einen Bill Murray, der hier mal eben mit Weinflasche und freiem Oberkörper irgendeinen Baum fällen geht? Oder ein Edward Norton, der am frühen Morgen mit Zigarette im Mund seine Pfadfinder genauestens unter die Lupe nimmt. In „Moonrise Kingdom“ müssen Edward Norton, Bruce Willis, Bill Murray, Tilda Swinton, Harvey Keitel, Frances McDormand oder Jason Schwartzman in nur kurzer Zeit beweisen, dass sie witzig und ausgesprochen gut in ihre Rollen passen. Doch am Ende sind es doch die beiden jungen Hauptdarsteller, die „Moonrise Kingdom“ zu einem absolut perfekten Wes-Anderson-Film machen.

Wie gesagt, man schwebt förmlich durch diesen Film – getragen von der fabelhaften Musik gleitet man von Bild zu Bild durch eine bezaubernde Geschichte, in der die Kinder erwachsener und reifer sind als die Erwachsenen. Anderson lässt uns noch einmal jung und unbeschwert sein und nimmt uns mit auf ein großes Abenteuer voller Komik und Liebe – typisch Anderson halt.

Mit „Moonrise Kingdom“ beweist Wes Anderson, dass er nach wie vor zu den kreativsten Köpfen aus Hollywood zählt. Die Stimme in meinem Kopf ist für immer still – naja, obwohl… beschwert hat sie sich am Ende dann doch noch. Aber nur weil dieser wirklich wunderbare Film dann plötzlich doch ein Ende fand. Aber wie sang die zauberhafte Françoise Hardy: „Denn die Zeit der Liebe/ mal ist sie lang und mal kurz/ Das gibt es immer wieder/ man erinnert sich dran.“ Und an diesen Film erinnert man sich auf jeden Fall!!!

Wertung: 10 von 10 Punkten (Wes Anderson did it again – perfektes Wohlfühl-Kino)

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15 Kommentare leave one →
  1. therudi permalink
    6. Juni 2012 09:01

    Und an diesen Film erinnert man sich auf jeden Fall!!!

    Ich hab ihn schon fast vergessen und dabei vor 3 Wochen erst gesehen!!! 🙂

    Aber schön, dass er auch bei dir enormen Anklang gefunden hat.

    • donpozuelo permalink*
      6. Juni 2012 09:06

      Oh ja, da oute ich mich gerne. Hat er dir also nicht sooo gut gefallen, wenn ich das jetzt richtig verstehe? 😉

      • therudi permalink
        6. Juni 2012 10:35

        Doch, er war ganz nett, aber eben auch nur das, was Anderson immer abspult. Er entwickelt sich da nicht sonderlich weiter. Fand das zwar eine Steigerung zu „Mr. Fox“, aber doch auch klar schwächer im Vergleich zu „Darjeeling“, „Zissou“, „Tenenbaums“ und „Rushmore“. Selbst „Bottle Rocket“ fand ich stärker. Von daher zumindest für mich kein sonderlich erinnerungswürdiger Anderson.

        • donpozuelo permalink*
          6. Juni 2012 11:47

          Das waren ja auch genau meine Bedenken! Aber ich fand’s halt witzig, dass er diese Geschichte aus der Sicht der beiden Kinder erzählt. War teilweise schon sehr ulkig.

  2. 6. Juni 2012 10:59

    Wenn man im Actionkino sooft von Achterbahnfahrten spricht, lässt sich Moonrise Kingdom wohl am besten als ein bewegtes Bilderbuch beschreiben. So schön, so banal auf den ersten Blick und mit einer einfachen, aber witzigen Geschichte gespickt – die nicht viele Worte braucht. Meine Komödie des bisherigen Kinojahres.

    • donpozuelo permalink*
      6. Juni 2012 11:49

      Wirklich bis jetzt DIE Komödie des Jahres. Bilderbuch, Postkarten… allein die Machart ist schon sehr „kindlich“. Wirklich ein traumhafter Film.

      • 6. Juni 2012 15:37

        HAB ICHS DOCH GESAGT. ABER HAT MIR NATÜRLICH WIEDER KEINER GEGLAUBT. TÜÜÜPISCH. 🙂

        • donpozuelo permalink*
          6. Juni 2012 16:57

          Ja, haste gesagt! Haste wieder mal Recht gehabt! Wir verneigen uns vor dem großen Owley!!! 😉

  3. 6. Juni 2012 18:22

    Wuhuuu du hast ihn gesehen…und ich habs zwar auch gesagt aber ohne den eulischen Grössenwahn 😛

    • donpozuelo permalink*
      6. Juni 2012 18:58

      Wuhuuu, jap. Ich hab ihn gesehen. Da bin ich ja froh, dass der eulische Größenwahn auf eine Person beschränkt bleibt 😉

  4. 6. Juni 2012 22:27

    Na siehste, hat er Dir auch so gut gefallen 😀
    Ist einer der wenigen Filme, an die ich ewig mit warmen Herzen zurückdenken werde.

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