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Hinter der Unendlichkeit

4. Juni 2012

Dieser Film braucht keine lange Einleitung. Ich wüsste dieses Mal auch ehrlich gesagt gar nicht, wie ich anfangen sollte. Ich könnte große Töne spucken, dass dieser Film ein Meilenstein der Filmgeschichte ist. Und damit würde ich noch nicht einmal übertreiben. Genauso wenig, wenn ich sagen würde, dass dieser Film eigentlich schon kein Film, sondern eine Erfahrung ist (eine Erfahrung übrigens, die ich zu gerne im Kino gehabt hätte). Und wenn man es ganz genau nimmt, ist Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltall“ nicht nur all das, sondern es ist auch eine großartige Weltraum-Oper in drei Akten.

Akt 1 – Der Monolith

Zu den Klängen von Richard Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ führt uns Kubrick zum Anbeginn der Menschheitsgeschichte, als wir noch Affen waren. Einer kleinen Gruppe erscheint ein mysteriöser schwarzer Monolith. Woher er kommt oder was er tut, ist nicht zu ergründen. Doch nachdem unsere kleine Affengruppe den merkwürdigen Stein berührt hat, passiert etwas außergewöhnliches: Die Affen benutzen zum ersten Mal „Werkzeug“. Der Monolith brachte den ersten Menschen also Wissen, den Fortschritt… den Schubs in die richtige Richtung, um Großes vollbringen zu können. Doch gleichzeitig bringt dieser Monolith den Menschen nicht nur Gutes, er bringt ihnen auch Tod und Verderben – ein unverzichtbares Mittel des neuen Fortschritts?

Wer weiß, vielleicht ist das auch der Grund, dass der Monolith in der Zukunft wieder auftaucht – in der Hoffnung, die Menschen mögen sein Geschenk nun besser einsetzen. Und so reißen wir mit Kubrick in die Zukunft. Eine Zukunft, in der Raumschiffe und Raumstationen im Walzerklang miteinander tanzen.

Sei es nun seine tolle Montage oder das Design seiner Raumschiffe oder die Art und Weise, wie Kubrick seine Kamera im schwerelosen Raum verwendet – bereits in diesem ersten Akt zeigt sich, wie durchdacht „2001: Odyssee im Weltall“ ist. Und sicherlich dürfen auch Autor Arthur C. Clarke danken, dass Kubrick an Sachen wie die Zero-Gravity-Toilette, Videotelefonie oder riesige Weltraumstationen auf dem Mond gedacht hat.

Die Overtüre zur großen Odyssee allein ist schon ein Augenschmaus für Science-Fiction-Freunde, bei der man sich auch heute immer noch bewusst machen muss, dass der Film bereits Ende der 60er Jahre gedreht wurde und nicht erst vor kurzem.

Akt 2 – Die Menschmaschine

Im zweiten Akt müssen wir zum größten Teil auf musikalische Einlagen verzichten. Das liegt zum einen an Kubricks Perfektionismus – im Weltall hört dich halt niemand schreien. Nur das Atmen des Astronauten liefert die Musik zu diesem Teil (und es heißt, dass dieses Atmen von Kubrick selbst kommt). Zum anderen soll uns Musik auch nicht vom Hauptdarsteller des Films ablenken – gut, der Monolith taucht nicht auf, dafür treffen wir auf das, was er uns dieses Mal geschenkt hat: HAL 9000. Dieser Computer, der menschliches Denken imitiert, ist Bestandteil einer Expedition zum Jupiter. Mit an Bord sind auch die beiden Astronauten Dave Bowman (Keir Dullea) und Frank Poole (Gary Lockwood). Die verlassen sich auf ihren perfekten Supercomputer, bis der einen Fehler macht.

Ich habe bis jetzt immer zu denen gehört, die HAL 9000 für einen böse gewordene künstliche Intelligenz halten. Aber in Wirklichkeit ist HAL so menschlich wie die, die er zu imitieren versucht. Dass er Bowman und Poole sabotiert, liegt daran, dass der Gute Gefühle zeigt, egoistisch handelt, weil er Angst hat. Denn der so unfehlbare Roboter ist doch fehlbar. Mit HAL 9000 hat Kubrick eine künstliche Intelligenz für die Ewigkeit geschaffen, die mit dem Terminator und Co. die Reihe der coolen Sci-Fi-Robos anführt.

Nur Bowman überlebt die Sabotage von HAL, und nachdem er ihn ausgeschaltet hat (eine erstaunlich emotionale Szene), führt er die Mission zu Ende und gelangt an den Ursprung des Monolithen.

Akt 3 – Der neue Mensch

Mit dem Abschluss seiner Odyssee liefert Kubrick wohl auch den wirrsten Teil dieses Films ab und auch den, der am meisten Interpretationsbedarf birgt. Zu kreischenden Tönen scheint Bowman durch eine Art Wurmloch zu reisen. Erst sind es nur wilde Farben, irgendwann sieht es dann danach aus, als wäre Bowman zu den Anfängen eines neuen Universums gereist, zum Beginn eines neuen Seins. Ist das das neue Geschenk des Monolithen? Ein neuer Anfang, in dem diese neuen Menschen das Wissen des Monolithen endlich mal für etwas Gutes einsetzen können? Wer weiß… das einzige, was man wohl sicher sagen kann, ist, dass David Lynch mit diesem Akt sicherlich die Inspiration gefunden hat, seine eigenen komplizierten Filme zu drehen. Filme voller geheimnisvoller Bilder, bei denen man um zehn Ecken denken müsste, um sie zu verstehen.

Aber vielleicht sollten wir „2001: Odyssee im Weltall“ nicht verstehen, denn dann wären wir nicht gezwungen, diesen Film immer mal wieder zu schauen – in der Hoffnung, beim nächsten Mal etwas mehr von dem zu verstehen, was Kubrick und Clarke uns wirklich erzählen wollten. Und so berauben wir uns dann auch nicht von dieser Erfahrung.

Kubricks „2001“ ist ein grandioser, bildgewaltiger Film, den man vielleicht nicht hinterfragen, sondern einfach genießen sollte. Wer sich dennoch nicht davon lösen kann und dringend eine vollständige Erklärung braucht, dem empfehle ich die Reflektionen zu „2001“ von Margaret Stackhouse – eine 15-jährige Schülerin aus den USA, deren Ausführungen selbst Kubrick für die besten überhaupt hielt:

„Margaret Stackhouse’s speculations on the film are perhaps the most intelligent that I’ve read anywhere, and I am, of course, including all the reviews and the articles that have appeared on the film and the many hundreds of letters that I have received. What a first-rate intelligence!“

Wer weiß, vielleicht wurde die gute Margaret ja auch von einem Monolithen besucht.

Wertung: 10 von 10 Punkten (ein absolutes Meisterwerk mit verwirrender Story aber tollen Bildern)

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32 Kommentare leave one →
  1. 4. Juni 2012 09:05

    Ja, natürlich großartig, wenngleich man schon stets in der richtigen Stimmung für den Film sein sollte. Habe ich vor ca. 10 Jahren sogar in einer Wiederaufführung im Kino gesehen. War toll!

    • donpozuelo permalink*
      4. Juni 2012 09:08

      Absolut. Man muss schon wollen, aber ich kann mir den Film trotzdem immer mal wieder anschauen. Beim nächsten Mal werde ich mir aber defintiv die Stackhouse-Stichpunkte mal daneben legen 😉

      Und Mann, bin ich neidisch! Den Film würde ich auch gerne mal im Kino sehen. Ich glaube, dass ist noch mal eine ganz andere Wahrnehmung des Films, oder???

      • 4. Juni 2012 09:40

        Da ich damals nur verrauschte TV-Ausstrahlungen kannte und noch nicht die Blu-ray im Regal stehen hatte war es auf jeden Fall ein fantastisches Erlebnis! Besonders der letzte Akt.

        • donpozuelo permalink*
          4. Juni 2012 09:47

          Das glaube ich gerne… mit der richtiger Soundtechnik und großer Leinwand… oh, ich sabbere gerade auf meine Tastatur! 😉

  2. 4. Juni 2012 09:11

    Schöne Worte über meinen Lieblingsfilm 🙂

  3. 4. Juni 2012 19:26

    Tja, sollte ich wohl endlich mal gucken. Liegt ja schließlich im Regal rum. Aber irgendwie braucht man dafür auch mal ne Menge Zeit und den Willen, sich durchzubeißen.

    • donpozuelo permalink*
      4. Juni 2012 20:45

      Zeit braucht man, aber ich würde nicht sagen, dass „2001“ ein Film ist, bei dem man sich durchbeißen muss. Vor allem wenn man ihn das allererste Mal sieht, hat man eh nur den Mund offen 😉 Ist wirklich sehr sehenswert!!!

  4. 4. Juni 2012 21:52

    To infinity and beyond!

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