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Kellerkinder

1. Juni 2012

Es scheint so ein kleiner Trend beim Thema „Apokalypse“ umzugehen. Dabei wird das Warum einfach weggelassen. Es sieht fast danach aus, dass selbst Filmemacher und Drehbuchschreiber keinen Sinn mehr darin sehen, uns mit dem Warum zu schockieren. Wozu auch? Mittlerweile müssen wir nur die Nachrichten anmachen, damit wir wissen, dass letztendlich alles für eine drohende Apokalypse verantwortlich sein könnte. Und in den meisten Fällen wäre das Warum beim Handeln des Menschen zu finden.

Dass wir also fast immer unser eigener Untergang sind, muss also nicht mehr thematisiert werden. Der Blick nach vorne ist doch eh viel spannender. Wie finden sich die zurecht, die selbst verantwortlich sind für ihr Unglück? Ist der Mensch fähig nach einem schweren Schicksalsschlag wie der menschgemachten Apokalypse aus seinen eigenen Fehlern zu lernen? Sich ein neues, besseres Leben aufzubauen? Oder sind wir am Ende doch nur Tiere, die gar nicht anders können als sich gegenseitig zu zerfleischen?

Es scheint fast so, als wäre letzteres die Quintessenz aus der filmischen Apokalypse-Studie: Ob man nun alte Beispiele nimmt oder jüngere wie „The Road“ – nach der Apokalypse ist vor dem Untergang. Die einen wandern durch verwüstete Landschaften und müssen aufpassen, dass sie nicht von ihres gleichen aufgefressen werden, die anderen kommen nicht einmal so weit. In Xavier Gens neuestem Film „The Divide“ schaffen es die vom Weltuntergang Überrumpelten gerade mal in den Keller und dem dort – Gott sei Dank – vorhandenen labyrinthartigen Bunker.

Hier sitzen sie nun: unterschiedliche Menschen. Das nette Paar von nebenan, der grimmige Hausmeister, der noch den Schicksalstag 9/11 verarbeitet, die jugendlichen Wilden, die sich einen Scheiß darum kümmern, wie es wirklich weiter gehen soll. Dieses bunte Grüppchen muss nun Familie spielen – doch schnell wird klar, dass jugendlicher Hochmut gegen alte Autoritäten aufbegehrt, nur um am Ende an der eigenen Macht zugrunde zugehen.

Vielleicht ist das jetzt schon ein Zeichen dafür, dass sich „The Divide“ nicht sonderlich bemüht, bestehende Klischees wirklich tiefgründig auszuloten, aber wer Xavier Gens kennt, der weiß eines: Subtilität ist nicht unbedingt seine größte Stärke. Aber das ist auch nicht sein Fachgebiet: Gens will uns Angst machen, ob mit einer verrückten Nazifamilie in „Frontier(s)“ oder jetzt mit „The Divide“. Zum Glück aber verzichtet Gens darauf, seinen neuen Film in ähnlich viel Blut zu ertränken wie „Frontier(s). Hier heißt es nun, weniger Blut, mehr Psychoterror.

Wie bereits gesagt, sind die Figuren, die uns vorgestellt werden, zwar recht eindimensional und in ihrem Verhalten durchaus leicht durchschaubar. Aber um uns den Verfall der Menschheit auf kleinstem Raum deutlich näher zu bringen, ist das zu verkraften. Gens orientiert sich in seinem kleinen Kammerspiel ganz nach Brechts Aussage: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Um ganz genau zu sein, kommt in „The Divide“ erst das Fressen, dann der Neid und schließlich der Egoismus des Überlebenskampfes. Jeder ist sich selbst der Nächste und jeder kümmert sich auf seine eigene Art und Weise um sein Überleben. Doch ist diese Art nicht immer selbstgewählt, so verfällt beispielsweise eine Mutter nach dem Verlust ihres Kindes durch merkwürdige Soldaten von außerhalb (die später nicht weiter besprochen werden) in den Wahn und gibt sich den neuen Anführern bedingungslos hin. Hier begehren die jungen Wilden auf, greifen mit übelsten Methoden nach der Macht und regieren fortan den Keller mit Schrecken. Moral hat in diesem Keller keinen Platz, so scheint es. Die letzte Bastion der Menschlichkeit – interessanterweise dann gleich auch eine Frau namens Eva (!!!) – hat es in dieser Umgebung schwer.

Gens schickt uns in den Abgrund, in einen widerwärtigen Überlebenskampf, in dem scheinbar nur der Stärkste eine Chance zum Überleben hat. „The Divide“ lebt dabei sehr von den starken Darstellern, die sich ganz diesem Kellerterror hingeben. Ob nun „Heroes“-Star Milo Ventimiglia als neuer Machthaber im Keller oder Michael Biehn als alter – die Figuren sind klar und deutlich konzipiert. Das wäre dann auch vielleicht mein einziges Problem an „The Divide“ – Gens lässt den Figuren in seinem Film keinen Spielraum. Sie können nur in den vorher abgesteckten Bereichen ihrer Persönlichkeit handeln. Ihnen fehlt die Tiefe, vielleicht irgendwo ein letzter Funke Menschlichkeit. Es ist leider so, dass man bereits nach wenigen Minuten die Rangordnung und die daraus entstehenden Folgen herausgefunden hat. Mit ein wenig mehr „Liebe“ für die eigenen Figuren hätte aus „The Divide“ ein wirklich schrecklicher Film werden können, der wohl auch noch lange beispielgebend geblieben wäre für das Genre.

Und trotzdem muss ich sagen, dass mir „The Divide“ gut gefallen hat. Das Thema „Mensch nach der Apokalypse“ ist in vielfältiger Form umgesetzt wurden und gerade in letzter Zeit wird sehr viel mit dem Thema hantiert, um irgendwelche verborgenen (oder auch nicht verborgenen) Ängste auszunutzen. „The Divide“ bringt uns das als Machtspiel auf engstem Raum und mit einer teilweise sehr erdrückenden Brutalität, die uns einmal mehr auf eins aufmerksam macht: Der Mensch ist und bleibt ein Tier und wird sein schlimmster Feind, wenn erst einmal alle Ketten fallen. Und den Mensch als Tier darstellen, das kann Gens ausgezeichnet.

Wertung: 7 von 10 Punkten (vielleicht sind die Glücklichen tatsächlich die, die bei den Explosionen ums Leben gekommen sind)

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3 Kommentare leave one →
  1. 1. Juni 2012 06:53

    Jetzt bin ich doch etwas zweigespalten. Deine Review nimmt in der Hälfte ja eine unerwartete Wendung. Bis dahin hat mich der Film gar nicht interessiert, aber was du dann schreibst klingt schon verlockend. Wenn der Film mal im TV läuft, könnte ich hängenbleiben.

    • donpozuelo permalink*
      1. Juni 2012 08:11

      😀 Da ist der Film auch nicht so unbedingt leicht einzuschätzen. Aber Gens baut das nach und nach auf, um seinen kleinen Psychokrieg im Keller auf seinen traurigen Höhepunkt zu bringen. Kann man sich auf jeden Fall mal anschauen.

Trackbacks

  1. Review: THE DIVIDE | ChristiansFoyer

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