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Dendrophylax lindenii

25. Mai 2012

Wer denkt eigentlich wirklich über Drehbuchautoren nach? Diese Frage schwirrt mir hier und da mal öfter durch den Kopf. Wer denkt eigentlich über Drehbuchautoren nach? Ich zumindest eher weniger, wenn ich ehrlich sein soll. Komischerweise denke ich fast ausschließlich in den Kategorien Schauspieler und Regisseur. Wenn ich mich so selbst reflektiere, rede ich immer nur von Schauspielern und Regisseuren. Kameramänner? Kenn ich nicht! Cutter? Nie gehört! Autoren? Keine Ahnung, es sei denn, der Regisseur hat selbst mit Hand angelegt. Durch dieses Denken habe ich mich in letzter Zeit zum Abspannsitzer entwickelt. Ist doch schade, einen Film auf drei, vier Personen zu reduzieren, wenn im Hintergrund eine halbe Stadt am Arbeiten ist, um den Film zu erschaffen.

Aber kommen wir zur Eingangsfrage zurück: Fragt man mich nach Regisseuren oder Schauspielern, kann ich eine ordentliche Menge nennen, bei Drehbuchautoren wird’s da schon eng (wir wollen gar nicht erst von Kameramänner oder Cuttern sprechen 😉 ). Wenn ich ganz ehrlich sein soll, gibt es da nur einen Namen, der mir sofort einfällt: Charlie Kaufman. Auch irgendwie kein Wunder. Wenn es überhaupt einen Drehbuchautoren gibt, der wirklich Aufsehen erregt hat, dann Kaufman. Bereits sein erstes Drehbuch zu „Being John Malkovich“ war ein Knüller. Kaufman überzeugte durch irrwitzige Einfälle. Menschen, die in John Malkovichs Kopf wandern… verrückt. Aber das Drehbuch hatte es in sich. Es war melancholisch, witzig und so ganz anders, als alles, was man vorher kannte. Kaufman war ein gemachter Mann.

Klar, dass der Druck für folgende Projekte da enorm hoch ist. Und diesen Druck verarbeitet Kaufman in dem Drehbuch zu „Adaption“. Daraus wurde ein Film, der a) wieder einmal beweist, dass Kaufman tatsächlich so gut ist wie uns sein „Being John Malkovich“ weiß machen wollte und b) was für eine enorm wichtige Arbeit so ein kleiner Drehbuchautor doch für den Film macht. „Adaption“ hätte im Untertitel „Being Charlie Kaufman“ heißen können: Wir lernen einen nervösen, schüchternen, dicken Drehbuchautor kennen (Nicolas Cage), der eine Buchadaption vornehmen soll. Grundlage ist das Buch „The Orchid Thief“ von Susan Orlean (Meryl Streep). In ihrem Buch beschreibt sie die „Arbeit“ von John Laroche (Chris Cooper), der auf der Suche nach der Geisterorchidee (oder auch „Dendrophylax lindenii“ genannt ) ist. Nur irgendwie schafft es Charlie einfach nicht, die Geschichte passend zu erzählen. Als wenn das nicht schlimm genug wäre, nervt auch noch sein Zwillingsbruder Donald (ebenfalls Nicolas Cage), der selber an einem Drehbuch arbeitet.

Wie schreibt man nun eigentlich ein Drehbuch? Wie fängt man es an? Was ist einem wichtig? Soll es ein Buch über die Blume, die Frau oder den Mann sein oder vielleicht doch eher über den Mann hinter dem Buch? Kaufman steckt voller Zweifel und beginnt an den verschiedensten Stellen mit seinem Drehbuch. „Adaption“ ist somit keineswegs einfach nur ein gradliniger Film über die Entstehung eines Drehbuchs. „Adaption“ hat – und das ist immer irgendwie das Schöne an Kaufmans Geschichten – mehrere Ebenen.

Da wäre der Teil mit Charlie und seinem Bruder Donald. Während der eine geradezu verzweifelt, schreibt der andere scheinbar über Nacht sein Drehbuch zu einem Thriller. Man muss das ja mal einfach ausprobieren. Kaufman steigert sich dadurch natürlich extrem in seiner Verzweiflung. Sein unbeholfener Bruder, der nichts vorzuweisen hat, wird zu einer Bedrohung für sein eigenes Ego. Es entsteht ein kleiner Machtkampf zwischen den Brüder. Ein Machtkampf, der absurd komisch ist… nicht zuletzt deswegen, weil Nic Cage beide Brüder spielt. Und somit beweist Regisseur Spike Jonze mit „Adaption“ auch einmal mehr, dass Nicolas Cage tatsächlich ein großartiger Schauspieler ist. Er spielt jeden Bruder anders, jeder entwickelt seine ganz eigene Persönlichkeit, hat seine Ticks und Macken. Wenn Cage je wieder einen Oscar verdient hätte, dann für diese Darstellung. (Gleichzeitig muss man sich bei diesem Cage auch fragen, ob das wirklich der gleiche ist, der all diese anderen schrecklichen Filmrollen übernommen hat).

Dann gibt es da natürlich noch Susan Orlean und ihr Buch: Meryl Streep recherchiert über diesen Mann, der Orchideen klaut. Wir erfahren etwas über das Buch. Wir lernen Autorin und ihren Protagonisten kennen… und damit auch Kaufmans Dilemma: Dieser John Laroche ist ein krasser Typ, grandios dargestellt von Chris Cooper (zurecht mit einem Oscar prämiert). Keine Vorderzähne, ein richtiger Hillbilly, ein merkwürdiger Typ, der nicht so recht weiß, was er mit seinem Leben machen soll. Doch einen ganzen Film nur mit diesem Typen??? Funktioniert auch nicht so richtig… Gleiches gilt für Orlean. Brillant von Streep gespielt, doch ist die Frau für Kaufman schwer zu greifen. Was also tun? Man schreibt einfach über alles.

„Adaption“ verbindet diese beiden Ebenen gekonnt miteinander, wir kehren immer wieder zu Kaufman zurück und jedes Mal versucht er seine Buchadaption von einer anderen Seite anzugehen. So hat das Drehbuch genug Zeit uns alle Charaktere vorzustellen und uns langsam auf das große Zusammentreffen beider Ebenen vorzubereiten. Aus der Charakterstudie Drehbuchautor wird dann ein kleiner Thriller, der aber auch dann nicht aus den Augen verliert, dass es doch nur um einen geht: Charlie Kaufman.

Mit „Adaption“ beweist Kaufman, dass er wirklich der Mann für etwas gewagtere Stoffe ist. Er ist kein One-Hit-Wonder. Kaufman ist Garant für kreative Absurdität. Kaufman liefert garantiert kein einfaches 08-15-Gelaber. Kaufman ist großartig. Zusammen mit Regisseur Spike Jonze ist aus „Adaption“ ein würdiger „Being John Malkovich“-Nachfolger geworden, der Kaufmans Drehbuch perfekt umsetzt und uns endlich mal wieder einen sehenswerten Nic Cage bietet. Was will man also mehr??? (Wenn alle Drehbuchautoren so toll wären, würde ich mir vielleicht auch endlich mal deren Namen merken!)

Wertung: 9,5 von 10 Punkten (was lernen wir sonst noch aus diesem Film: Stelle niemals eine Blume in den Mittelpunkt der Handlung!)

13 Kommentare leave one →
  1. 25. Mai 2012 13:42

    Hey kenne ich gar nicht, dabei gucke ich auf teufel komm raus praktisch jeden Cage Film. 😀 Lief der im Kino? Muss ich mir besorgen!.

    • donpozuelo permalink*
      25. Mai 2012 14:04

      Ich glaube schon, dass der damals im Kino lief. Die Namen Cage und Streep sind dafür, glaube ich, groß genug 😉 Ist auf jeden Fall sehr zu empfehlen! Vor allem für Cage-Fans.

  2. 25. Mai 2012 15:33

    Ja, ein fantastischer Film, der zeigt, dass Nicolas Cage durchaus ein großartiger Schauspieler sein kann. Vom Drehbuch einmal ganz zu schweigen. Fantastisch!

    • donpozuelo permalink*
      25. Mai 2012 16:24

      Oh ja, und als eigentlich großer Nic Cage-Fan war das mal wieder dringend notwendig 😉

  3. 27. Mai 2012 20:37

    Ein guter Cage-Film? Hmm… muss ich jetzt an dir zweifeln? 😉

    • donpozuelo permalink*
      27. Mai 2012 21:23

      Nein, nein! Ganz im Ernst! Dieser Film beweist wirklich, dass Nic Cage mal wirklich verdienterweise einen Oscar bekommen hat. Und für diesen Film hätte er noch einen verdient! Aber wahrscheinlich wogen seine ganzen schlechten Rollen mehr auf…

  4. 30. Mai 2012 12:04

    Obwohll ich kein Cage-Fan bin, finde ich ihn in diesem Film sehr gut und Meryl Streep ist hinreißend. Aber „Adaption“ ist ohnehin einer meiner Lieblingsfilme.

    • donpozuelo permalink*
      30. Mai 2012 12:38

      Willkomen, Sonja!

      Doch Cage-Fan bin ich vor allem wegen der frühen Action-Phase geworden, was mittlerweile aber extrem schwächelt. Da tut so ein Film wie „Adaption“ echt gut. 😉

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