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Augen auf!

21. Mai 2012

DVDs, von denen man noch nie etwas gehört hat, gucke ich mir ja eigentlich immer gerne an. Endlich mal was fernab vom Mainstream, um ein wenig den intellektuellen Filmegucker raushängen zu lassen 😉 Doch ist es immer schwierig, DEN Film zu finden. Da muss man dann auf die DVD-Hülle vertrauen. Letztens erstand ich eine DVD, die mit diesem unheilschwangeren Text für den Film warb:

„Sex und Gewalt – noch nie sah man dieses angstbesetzte Duett zu einem solch schmerzhaft-schönen Bilderrausch arrangiert. AMER dringt tief in die Dunkelkammern der Seele und bringt psychische Abgründe, einen Rausch der Symbole und eine traumgleiche Soundlandschaft hervor. Ein radikales Meisterwerk über Angst, Begehren und Fiktion.“

Da war ich dann doch erst einmal gefangen – Sex und Gewalt und dazu noch die Dunkelkammern der Seele. Klang so schwarz auf weiß äußerst hervorragend. Und auch die Geschichte las sich ganz gut: „Amer“ ist die Geschichte einer Frau in drei Abschnitten ihres Lebens. Zuerst lernen wir Ana als junges Mädchen (Cassandra Foret) kennen. Dieser Abschnitt ist vom Tod des Großvaters beeinflusst und von Anas Angst vor einer unheimlichen Präsenz im Haus ihrer Eltern. Sprung in die Zukunft: Ana als junge Heranwachsende (Charlotte Eugène Guibbaud), die ihre Sexualität entdeckt und dafür von ihrer Mutter (aus Neid? aus Fürsorge?) bestraft wird. Und schließlich kehrt Ana als junge Frau (Marie Bos) in das verlassene Haus ihrer Eltern zurück und begegnet dort wieder der dunklen Präsenz von früher, die dieses Mal eine größere Bedrohung für Ana darstellt als damals.

In Verbindung mit dem oben genannten Zitat klang „Amer“ für mich eigentlich sehr reizvoll. Und der Teil mit der ganz jungen Ana schien das auch zu bestätigen. Das Regie-Duo Hélène Cattet und Bruno Forzani vermischt surreale Horrormomente gekonnt mit wirren Kamerawinkeln und Einstellungen. Die Angst der kleinen Ana spürt man förmlich durch den Monitor vibrieren. Fast möchte man schon meinen, wirklich in diese Dunkelkammer der Seele einzudringen. Der Tod in den Augen eines kleinen Kindes – Faszination und Schrecken zugleich. Der Film schwankt immer wieder zwischen Tag- und Alptraum hin und her. Fast erinnert „Amer“ hier noch an einen wirren Trip aus einer Mischung von „Enter the Void“ und „Pans Labyrinth“. Cattet und Forzani gelingt es mit simplen Mitteln großartig zu schocken. Die Nackenhaare stehen aufrecht und insgeheim freut man sich auf so viel mehr…

Doch was anfangs so aussieht, als könnte es wirklich guter Arthouse-Horror (!!!) werden, wird zu einem Stirnrunzel-Film. Teil Zwei ist der sexgeladene Teil, was allerdings nur heißt, dass wir Charlotte Eugène Guibbaud in Slow Motion an lüsternen Bikern vorbei laufen sehen. Ab und zu mal ein Close-Up von einem Auge oder von ihrem Schritt. Dabei wiederholen sich die Bilder in genau dieser Reihenfolge: Auge, Schritt, Zeitlupe. Hier und da mal ein wilder Farbwechsel, dann wieder: Auge, Schritt, Zeitlupe. Man kann jetzt natürlich darüber streiten, ob ich der Symbolhaftigkeit von „Amer“ einfach nicht gewachsen bin, aber von einem schmerzhaft schönen Bilderrausch ist man in diesem Teil noch weit entfernt. „Amer“ hat zwar ein paar schöne Bilder, das war’s aber auch schon. Im Gegensatz zum Anfang ereilt einen sehr schnell die Ernüchterung: Jetzt wird aus Arthouse-Horror Arthouse für den Metaphern-Liebhaber.

Bleibt nur noch die Hoffnung, dass die erwachsene Ana in der Ruine ihres Elternhauses mit dem unheimlichen Besucher vom Anfang wieder etwas mehr Würze in den Film bringt.

Auf Teil Drei – die erwachsenere Ana – ist man irgendwie durch die heranwachsende Ana vorbereitet. Anfangs gibt’s nämlich die gleichen „erotischen“ Bilderfolgen – dieses Mal nur mit einem geilen Taxifahrer. Also wieder: Schritt, Auge, Schritt, Auge. Angekommen im Haus wird es dann etwas merkwürdig. Hier, so lassen mich einige Rezensenten wissen, ist „Amer“ so was wie eine Hommage an das italienische Krimi-Genre Giallo: Ein dunkler Alptraum-Mann jagt die arme Ana durch das Anwesen. In detaillierten Einstellungen müssen wir dann mit erleben, wie Ana ihren Angreifer mit einem Rasiermesser bearbeitet.

„Amer“ hat mich sprachlos zurückgelassen – aber leider eher negativ sprachlos. Vielleicht hat sich mir auch der große Zauber des Films entzogen, aber dieses recht wortkarge Meisterwerk konnte mich einfach nicht fesseln. Dieses angeblich „radikale Meisterwerk über Angst, Begehren und Fiktion“ habe ich wohl verpasst. Der Film arbeitet mit einer sehr starken Bildsprache, die aber nach den ersten Auge-Schritt-Einstellungen auch durchschaut ist. „Amer“ verspielt sich die Erwartungen seiner Zuschauer durch einen äußerst langatmigen Mittelteil und einen undurchsichtigen Schluss. Mit mehr Fragezeichen als zu Beginn sitzt man vor dem Abspann, in der Hoffnung, es würde irgendwo noch eine Erklärung kommen. Aber „Amer“ verlangt von seinem Zuschauer, dass er selbst über das Gesehene reflektiert: Also reflektieren wir über das Auge und den weiblichen Schritt und merkwürdiger Schattenmänner… war das Ganze jetzt etwa doch so ein verkappter SM-Film???

Wertung: 4 von 10 Punkten (beginnt alptraumhaft gut, wird undurchsichtig und langatmig)

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4 Kommentare leave one →
  1. 21. Mai 2012 18:26

    Nun, die Filmstills, die du rausgesucht hast, sehen ziemlich vielversprechend aus. Schöner Kontrast also zu deiner Rezension.
    Vielleicht hast du ja beim nächsten Griff zu einer unbekannten DVD mehr Glück und dann wirst du bei mir auch wieder auf mehr Interesse stoßen.

    • donpozuelo permalink*
      22. Mai 2012 14:23

      Ja, ähnliche Bilder waren auch auf der DVD, mit dem Text dazu war ich sofort an der Kasse. Aber leider musste ich dann halt so eine Rezension schreiben. Man sollte ein „Buch“ halt nicht nach seinem Cover beurteilen 😉

  2. 23. Mai 2012 21:54

    :-)) ich lach mich schlapp. So ungefähr kamen nicht wenige beim FFF aus dem Film raus, aber es gab auch begeisterte „Kunstkenner“. Bei mir liegt er rum wie ein runzliger Apfel und wird wahrscheinlich Dörrobst. Konnte mich noch nicht überwinden ihn zu sehen.

    • donpozuelo permalink*
      23. Mai 2012 23:36

      Ja, ein paar Kritiken von den „Kunstkennern“ habe ich auch gelesen und mich dann gefragt, ob wir den gleichen Film geschaut haben. Man kann ja überall alles rein interpretieren, aber ein klein wenig möchte ich auch unterhalten werden. Und „Amer“ lässt das nicht zu. Technisch zwar sehr schön, aber der Rest ist furchtbar. Den kannste ruhig noch weiter verrotten lassen 😉

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