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French Dressing

11. Mai 2012

Das Salat-Buffet zum Thema Horror-Film ist mittlerweile ja auch schon leicht durchschaubar. Die einzelnen Zutaten sind durch eine lange Filmgeschichte schon in allen Variationen und Kombinationen mit einander gemischt worden und ich glaube, dass es mittlerweile echt schwierig ist, die Leute noch so richtig zum Gruseln zu bringen. Zumindest fällt es mir immer schwerer, mich mal so richtig schocken zu lassen. Salat-Lieferant Hollywood tut sich da wohl am schwersten. Aber wer sagt denn auch schon, dass man Salat nicht doch noch würzen kann? Wie wäre es dann mit French Dressing?

Nach dieser recht eigenartigen Einleitung nun die Tatsachen – ohne Salatblätter oder Dressing-Vorschläge: Die Franzosen sind, was das Horror-Genre angeht, echt führend geworden. Also was die da so alles auf den Markt bringen, davon können andere nur träumen.

Aus diesem Anlass will ich mal zwei „Franzosen“ vorstellen, die unterschiedlicher nicht sein können. Zum einen wäre da ein höchst interessanter Streifen namens „Frontier(s)“, zum anderen wäre da der wohl merkwürdigste Horror-Film, den ich so in der letzten Zeit gesehen habe – „Martyrs“.

Kommen wir aber zuerst zu „leichter“ Kost mit „Frontier(s)“.

Nach heftigen Unruhen in Paris fliehen die Freunde Sami, dessen Schwester Yasmin, ihr Ex Alex, Tom und Farid aufs Land. Zumindest wollen sie das, schließlich haben sie die Tumulte genutzt und Vater Staat um ein klein wenig Geld erleichtert. Doch bei der Flucht aus der Stadt stirbt Sami und nur noch die vier übrigen können fliehen. Auf dem Land (es gibt keine genaue Bezeichnung, wo) kommen die vier in einem kleinen Hotel unter. Nur wie das so mit kleinen netten Familienhotels auf dem Land in Horror-Filmen so ist, hätten sie lieber einfach weiterfahren sollen. Denn die Besitzer des Hotels stellen sich als psychopathische Nazis heraus. Allen voran Papa Carl von Geisler möchte nichts lieber als die Herrenrasse aufleben zu lassen. Blöd nur, dass seine kleine Familie aus degenerierten, inzestuösen Mitgliedern besteht. Gut, dass da die vier aus Paris genau richtig kommen.

Regisseur Xavier Gens vermischt in „Frontier(s)“ alles, was man so aus dem Bereich Horror kennt: ein wenig „Texas Chainsaw Massacre“ inklusive gruseliger Familie, ein wenig „The Descent“, schließlich müssen ja die ganzen missgebildeten Kinderchen in unterirdischer Dunkelheit verkommen, ein wenig „Hostel“ und Co. Und genug Splatter und Gore, dass der Damian für die nächsten zwei Monate genug Stoff für sein „Freitagshorrorgif“ hätte.

„Frontier(s)“ ist zwar kein Film, der durch eine sonderlich originelle Story besticht, aber das vertuscht Gens durch ziemlich harten Gewalt, ordentlich viel Blut und unschönen Folterszenen. Nach und nach wird die arme Yasmin zur Hauptleidensfigur des Films. Schließlich soll sie für Altnazi von Geisler die lang ersehnten Übermenschen produzieren. Und mit dieser Fokussierung auf Yasmin gewinnt „Frontier(s)“ dann auch seine ungemeine Sogkraft. Es ist dieses typische Szenario: Yasmin durchleidet Folter, den Tod ihrer Freunde und die Angst vor diesem Psycho-Pack, aber zum Glück kommt irgendwann dieser Befreiungsmoment, der Moment, in dem man vor dem Fernseher sitzt und einfach nur feiert, wenn Yasmin mit Schrottflinte oder sonstigen Mitteln Rache an ihren Peinigern übt.

Wie gesagt, „Frontier(s)“ hat es in sich. Da bleibt keine Minute zum Atmen, Gens treibt von Anfang an die Spannung nach oben, schockt in den richtigen Momenten auf die härteste Art und Weise und vertuscht so perfekt, dass es sich bei seinem Film eigentlich nur um ein Mischmasch aus bereits Gesehenen handelt.

Was man sicherlich so nicht unbedingt von Pascal Laugiers „Martyrs“ sagen kann.

„Martyrs“ ist ein Film in zwei Teilen: Es beginnt alles mit der jungen Lucie, die 1971 von der Polizei gefunden wird. Lucie war mehrere Jahre in einem alten Industriegebiet gefangen. Von wem und warum, vermag sie nicht zu sagen. 15 Jahre später treffen wir auf die erwachsene Lucie, die eine Familie brutal ermordet. Als Begründung erklärt sie ihrer Freundin Anna, dass das die Leute gewesen wären, die sie damals gefangen hielten. Erst mit der Ermordung der Familie besiegt Lucie auch die Wahnvorstellung, dass eine abgemagerte Frau sie umbringen will. Soviel in etwa zu Teil Eins von „Martyrs“. Fast schon ein klassisches Rachethriller-Szenario, dass ohne Rücksicht auf Verluste knallhart das Leben einer Familie zerstört.

Doch in Teil Zwei des Films erfahren wir, wie gerechtfertigt Lucies Handeln war. Lucie stirbt, aber ihre Freundin Anna entdeckt in dem Haus der Familie einen geheimen Gang. Ein geheimer Gang zu einem geheimen Gefängnis, in dem eine stark unterernährte Frau an Ketten gebunden ist. Anna will sie befreien, wird aber von einer Gruppe Männer daran gehindert. Eine alte Dame spricht mit ihr, faselt irgendwas von Märtyrern und eine Szene später wird Anna gefangengenommen, geschlagen, gefoltert und angekettet.

Mit der zweiten Hälfte des Films vermischt sich Folterfilm mit pseudowissenschaftlichem Forscherdrang dieser alten Dame. Und diese zweite Hälfte macht „Martyrs“ auch fast unmöglich zum Zuschauen. Eigentlich sehen wir nur Annas Zelle. In abwechselnden Szenen kommt dann entweder ein Typ und schlägt sie immer halb zu Brei oder es kommt eine Frau und füttert sie mit Brei. Laugier degradiert uns zum billigen Voyeur, und das einzige, was einem irgendwie noch halbwegs dranbleiben lässt, ist die Hoffnung auf eine Auflösung. Nach einer gefühlten Ewigkeit und noch einer fiesen Grausamkeit mehr kommt dann diese alte Frau wieder und dann endet der Film auch endlich.

So merkwürdig „Martyrs“ auch ist, er wirkt noch lange nach. Vor allem wegen dem Ende, wegen der Frage, was das alles zu bedeuten hat und was uns der Verweis sagen will, dass das Wort Märtyrer eigentlich vom griechischen Wort für „Zeuge“ kommt. „Martyrs“ hinterlässt eine angespannte Stimmung und bietet viel Freiraum für Diskussionen. Und das will ich dem Film irgendwie zu gute halten: Es ist mal ein Horror-Streifen, der einen nachdenklich zurücklässt. Doch noch mal was Neues… irgendwie…

Wertung:

„Frontier(s)“: 8 von 10 Punkten (Texas Chainsaw auf Französisch mit sehr viel mehr Blut und Gewalt)

„Martyrs“: 7 von 10 Punkten (ein sehr eigenwilliger Film, der definitiv für Gesprächsbedarf danach sorgt)

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12 Kommentare leave one →
  1. 11. Mai 2012 07:36

    Mit derartigen Brutalofilmen hab ich schon vor einiger Zeit abgeschlossen. Mein Gore-Bedarf ist vermutlich für die nächsten 100 Jahre gedeckt.

    Wenn dann muss es für mich etwas mit Witz sein. Vll. Freddy Krüger oder der Wishmaster. Wenn schon brutal, dann überzogen dämlich.

    • donpozuelo permalink*
      11. Mai 2012 15:02

      Och, hin und wieder habe ich solche Brutalo-Streifen schon mal ganz gerne. Aber halt immer nur in gewissen Dosen, um nicht vollkommen durchzudrehen. Dafür eignet sich „Frontier(s)“ von den beiden hier noch am besten. „Martyrs“ ging mir dann doch zu sehr an die Nieren.

  2. 11. Mai 2012 08:46

    Hach…ich liebe sie beide. Wobei ich Martyrs fast lieber habe, weil er mir noch eine Stufe mehr eingefahren ist.

    Und zufälligerweise habe ich mir gestern Gams aktuellstes Werk The Divide angeschaut. Zwar weitaus weniger heftig aber durchaus sehenswert. Besonders ob den streckenweise sehr stilvollen Bildern.

    • donpozuelo permalink*
      11. Mai 2012 15:05

      „Martyrs“ fand ich echt schwer verdaulich. Dann doch lieber das etwas abgedrehte „Frontier(s)“. Auf „The Divide“ freue ich mich auch schon sehr, obwohl der ja tatsächlich nicht unbedingt mit „Frontier(s)“ zu vergleichen ist 😉

  3. 11. Mai 2012 09:04

    Nach „High Tension“ habe ich mit der französischen Horrorwelle abgeschlossen. Muss ich nicht (mehr) haben.

    • donpozuelo permalink*
      11. Mai 2012 15:06

      „High Tension“ fand ich furchtbar… hatte mir überhaupt nicht gefallen. Trotzdem finde ich die Franzosen, was den Horrorfilm angeht, schon recht ordentlich. Was diese beiden Filme ja beweisen. 😉

  4. 15. Mai 2012 22:02

    Ich fand beide nicht so dolle. „Frontier(s)“ hatte mich ziemlich enttäuscht (einfach zu viel Hype im Vorfeld) und „Martyrs“ ist für mich schon fast eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes 😉 Da gab es einfach zu viele Sachen im Film, die mich geärgert haben, habe ihn aber mittlerweile weitgehend wieder vergessen.
    Lustig, „High Tension“ fand ich hingegen hervorragend.

    • donpozuelo permalink*
      15. Mai 2012 22:13

      Den Hype um „Frontier(s)“ habe ich nicht mitbekommen, vielleicht fand ich den Film deswegen ganz okay. Ja, „Martyrs“ – ein Film, der spaltet. So einige viele Sachen habe ich auch nicht verstanden und frage mich auch, was der Film mir eigentlich sagen wollte.

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