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Ein Teil von uns

27. April 2012

Filmtitel sind immer so eine Sache. Da gibt es die einen, die man nicht ohne Grinsen aussprechen kann. Ich erinnere mich nur daran, als ich damals „Voll auf die Nüße“ (dieser komische Film über die Ami-Version von Völkerball mit Ben Stiller) im Kino geguckt habe und mir die Karten mit dem Spruch: „Ich hätte bitte gern zweimal voll auf die Nüße, bitte.“ Die Kassiererin fand das weniger lustig als ich. Aber gut… Und dann gibt es da die Titel, die einfach keinen Sinn machen und über die man sich immer gut aufregen könnte. Man nehme nur die teilweise absurden „Übertragungen“ ins Deutsche. Mein Lieblingsbeispiel bleibt da ja nach wie vor „Taken“ und seine neudeutsche Bezeichnung als „96 Hours“. Filmtitel… man könnte wohl einen ganzen Beitrag über die merkwürdigsten Filmtitel schreiben. Und ein Titel würde da jetzt sofort von mir Erwähnung finden: „Martha Marcy May Marlene“.

Aber man darf sich von diesem Titel nicht abschrecken lassen, denn dahinter versteckt sich ein sehr sehenswerter Film, in dem es um drei Frauen geht: Da hätten wir die junge Martha (Elizabeth Olsen), die nach zwei Jahren plötzlich wieder bei ihrer Schwester Lucy (Sarah Paulson) und deren Mann Ted (Hugh Dancy) auftaucht. Das junge Paar nimmt das junge Mädchen bei sich auf. Doch das Zusammenleben ist schwer, denn Martha ist ein verschlossener Mensch, die ein dunkles Geheimnis in sich trägt. Dieses Geheimnis heißt Marcy May. Als Marcy May lebte Martha zwei Jahre bei einer kleinen Sekte, die von dem charismatischen Patrick (John Hawkes) geführt wurde. Die Erlebnisse aus ihrer Zeit als Marcy May verfolgen Martha, die in ständiger Furcht lebt, von ihrer Vergangenheit eingeholt zu werden. Und dann klingelt eines Tages das Telefon und Marlene ist dran…

Sean Durkins Debüt „Marthy Marcy May Marlene“ ist ein beeindruckender Film. Ganz, ganz langsam dreht Durkin die Spannungsschraube zu, um den Zuschauer zusammen mit Martha, Marcy May und Marlene leiden zu lassen.

Alles beginnt mit Martha, die das Leben ihrer Schwester durcheinander bringt. Und ihr abnormes Verhalten wirft Fragen auf. Was ist los mit dieser Frau? Elizabeth Olsen spielt die Martha mit einer unglaublichen Intensität: Mal vollkommen gleichgültig (wenn es beispielsweise um die Privatsphäre geht), mal vollkommen verängstigt. Olsen gelingt es, die innere Zerrissenheit der Martha glaubwürdig rüber zu bringen. Und damit stellt sich dann immer mehr diese bohrende Frage: „Was ist denn los mit dieser Frau?“. Eine Frage, die sich nach und nach auch ihre Schwester stellt, nur leider nie eine Antwort enthält.

Nur wir als Zuschauer haben das Privileg, in Marthas Vergangenheit blicken zu dürfen. In zahlreichen Rückblenden erfahren wir, wie Martha in Patricks Sekte aufgenommen wird. Dort heißt sie von nun an Marcy May, teilt alles mit den anderen und wird bald zur „Favoritin“ des merkwürdigen Anführers. Doch je mehr Marcy May in die Geschehnisse der kleinen „Kommune“ eingeweiht wird, desto verängstigter wird sie. Denn Patrick und seine Leute schrecken vor Einbrüchen, Vandalismus und auch Mord nicht zurück – schließlich sei der Tod das Schönste am Leben. Patricks Kommune ist eine gruselige „Familie“ mit einem Oberhaupt, das John Hawkes auf einer Seite absolut charismatisch und liebenswert spielt. Auf der anderen Seite offenbart er sich auch immer wieder als kaltblütig und hart.

„Martha Marcy May Marlene“ verbindet also diese zwei Geschichten von Martha und Marcy May sehr gekonnt und stark ineinander verwoben. Teilweise muss man schon sehr aufpassen, denn hinter jedem Schnitt könnte sich die nächste Rückblende verstecken. Immer mehr und mehr verschwimmen die Grenzen zwischen der Gegenwart (Martha) und der Vergangenheit (Marcy May). Und Schuld daran ist Marlene… und mit Marlene beginnt der endgültige Absturz in die Paranoia. (Oder ist es doch mehr? Der Film lässt das herrlich offen 😉 ) Sean Durkin lässt zwei disfunktionale Familien auf ein unschuldiges Mädchen treffen und lässt uns dabei zusehen, wie es daran zugrunde geht.

Sean Durkins Debüt ist aber nicht nur wegen seiner Erzählweise oder wegen seiner guten Schauspieler sehenswert. Es ist auch der ganze Look des Films, der sich ganz der Thematik dieser beiden verschiedenen Familien unterwirft. Die Bilder haben was von alten Familienvideos, leicht übersättigte Farben, alles etwas verschwommen: Der Film fühlt sich gerade auch dadurch nicht so bedrohlich an. Es ist halt fast so, als würde man alte Familienerinnerungen anschauen. Doch hinter den schönen Bildern steckt dieses düstere Geheimnis.

„Martha Marcy May Marlene“ ist ein fast schon unscheinbarer, ruhiger Film, der es gewaltig in sich hat. Für ihre allererste Rolle überhaupt legt Elizabeth Olsen die Latte verdammt hoch und sorgt dafür, dass der Film die Glaubwürdigkeit bekommt, die er braucht.

Wertung: 9 von 10 Punkten (ein erschreckendes Psycho-Spiel mit einer großartigen Elizabeth Olsen)

12 Kommentare leave one →
  1. 27. April 2012 07:38

    Der steht schon auf der Liste, will den unbedingt sehen. Aber neun Punkte, hmmm… ich weiss nicht ob das für einen Kinobesuch reicht 😛

    • donpozuelo permalink*
      27. April 2012 09:08

      Sollte man sich auch trotz nur 9 Punkten anschauen 😉 Man kann ja nicht ständig Zehner verteilen.

  2. 27. April 2012 08:10

    Das klingt nach ganz hervorragendem Kino

    • donpozuelo permalink*
      27. April 2012 09:09

      Das klingt zum Glück nicht nur so, das ist es auch!!! Sehr zu empfehlen!!!

  3. 27. April 2012 09:24

    Klingt sehr interessant. Und… ich hab vorher noch nie davon gehört. O_O

    • donpozuelo permalink*
      27. April 2012 09:38

      Jetzt hast du davon gehört! Und nun ab ins Kino! 😉

  4. 27. April 2012 12:59

    Höre auch zum ersten Mal von dem Film – und auch die Schauspieler sind mir völlig unbekannt. Dann kommt da so eine Wertung nach einem durch und durch positiven Text. Mindestens die DVD sollte ich mir vormerken.

    • donpozuelo permalink*
      27. April 2012 14:51

      Eigentlich echt schade, dass der Film nicht stärker promotet worden ist. Aber gut, Sean Durkin ist neu, Elizabeth Olsen ist neu (auf ihre beiden Zwillingsschwestern pfeifen wir jetzt mal) – kaum ein bekannter Name im Film. Aber das muss man einfach ignorieren: Super-Film, der auch einen Kinobesuch rechtfertigt. Spätestens bei der DVD werdet ihr dann aber alle an meine Worte denken 😉

  5. 28. April 2012 12:01

    BUUHHH…ich will ein Avengers Review von dir! 😛

    • donpozuelo permalink*
      29. April 2012 09:37

      Kommt am Montag! Keine Sorge! Bis dahin muss du mit „Martha Marcy May Marlene“ vorlieb nehmen, denn ich dir trotz Avengers-Euphorie wärmstens ans Herz lege!

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