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Projekt Resozialisierung

13. April 2012

Ich weiß gar nicht, wie ich diesen Text anfangen soll. Ich könnte über Wolfskinder faseln und Mowgli aus dem Dschungelbuch als Beispiel anbringen. Aber das ist ja die niedliche Variante von diesen wilden Menschen. Und irgendwie wäre das auch nicht so ganz das richtige Beispiel. Ich könnte natürlich auch versuchen, den Film „Nell“ mit Jodie Foster vorzuweisen, in die verwahrloste Nell von einem Doktor wieder in die Gesellschaft integriert werden soll. Doch auch das wäre nicht so ganz das Richtige. Es ist alles viel zu harmlos, viel zu weichgespült für den Film, über den ich eigentlich reden möchte.

Es sind jetzt gerade mal fünf Minuten vergangen, seit der Abspann über den Bildschirm gelaufen ist, aber ich kann immer noch nicht ganz so recht sagen, was ich von diesem Machwerk halten soll. Wie an meinem Gestammel im ersten Absatz zu erkennen ist, geht es auch um dieses Thema „Wolfskinder“. Naja, zumindest irgendwie. Eigentlich geht es darum, dass ein recht erfolgreicher Anwalt und Familienvater (Sean Bridgers) beim Jagen im Wald auf eine Frau stößt – vollkommen verdreckt und vom Verhalten her wie ein Tier. Vater Chris entscheidet sich dazu, die Frau (Pollyanna McIntosh) „mitzunehmen“. Dazu sperrt er sie in seinen Keller. Er möchte sie wieder zu einem Mitglied der Gesellschaft machen. Oh, und habe ich schon erwähnt, dass seine Familie samt den Kinderchen ohne zu murren mitmachen??? Sie tun es. Bis die ganze Sache ganz, ganz fies außer Kontrolle gerät.

Der Film, den ich nicht richtig einordnen kann, trägt den schlichten Titel „The Woman“. Regisseur Lucky McKee hat sich das Buch von Autor Jack Ketchum geschnappt und einen Film gedreht. Einen absolut kranken Film. Es beginnt alles noch recht harmlos auf einer Party, und doch merkt man schon in dieser ersten scheinbar unscheinbaren Szene, dass in dieser Familie etwas nicht in Ordnung ist: Tochter Peggy (Lauren Ashley Carter) redet mit niemanden, hockt nur mit ihrem Dackelblick auf einem Stuhl und hofft auf einen schnellen Heimweg. Sohnemann Brian (Zach Rand) guckt gelangweilt dabei zu, wie ein paar Kinder ein kleines Mädchen mobben und wirft nebenbei ein paar Körbe. Auch die kleinste Tochter knutscht (!) lieber mit einem kleinen Jungen rum, was Mutter Belle (Angela Bettis) vollkommen aus der Fassung bringt. Nur Vater Chris scheint das alles nicht zu interessieren. Irgendwas brodelt in dieser Familie, das merkt man schon in den ersten fünf Minuten, aber wer jetzt wie tickt, kann man einfach nicht einschätzen.

Erst als Vater Chris die Frau aus dem Wald mitschleppt, zeigen einzelne Figuren ihr wahres Gesicht. Allen voran die Männer des Hauses. Im Laufe des Films demontiert Lucky McKee die äußerlich zauberhaft wirkende amerikanische Familie, bis nur noch Schutt und Asche übrig bleibt. Papa Chris wird zu Chauvinisten-Sadisten-Schwein, dass er so dringend sein muss. Und nach dem Motto „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ ergeht es Sohn Brian ähnlich. Das einzige Problem, das man als Zuschauer dabei nur hat, ist, dass man einfach nicht sagen kann, was das Ganze alles soll.

Was will Jack Ketchum mit seinem Roman und Lucky McKee mit seinem Film eigentlich aussagen? Ich kann es nicht sagen und muss trotzdem zugeben, dass „The Woman“ eine nahezu widerliche Faszination ausübt. Denn die Frau im Keller, die anfangs noch wild um sich beißt und auch mal eben den Ringfinger von Chris verspeist, ist eigentlich nur ein Katalysator. Ein Katalysator, der dazu führt, dass nach und nach die Farbe von diesem wunderbaren Familienporträt blättert. Nur am Anfang und am Ende schockiert McKee mit krassen Blut-Fontänen, wildem Menschengebeiße und Gedärmen. Dazwischen konzentriert sich „The Woman“ eher auf den Einfluss der fremden Frau auf alle anderen.

Um diese kaputte Familie zu porträtieren, hat sich McKee geradezu fabelhafte Schauspieler ausgesucht. Man muss an dieser Stelle vor allem Sean Bridgers als Psychodad loben. Dieser Mann wird mit jeder vergehenden Filmminute undurchsichtiger und unheimlicher… ein Vulkan, der nur darauf wartet, in die Luft zu gehen. Aber auch Angela Bettis als schwer gebeutelte Ehefrau ist erschreckend gut. Sie wird nur noch von Pollyanna McIntosh getoppt, die wirklich das Tier im Menschen rauslässt.

„The Woman“ ist abartig und krank und übt dennoch eine Sogkraft aus, wegen der man sich schon fast schämen könnte. Aber Lucky McKee baut die Spannung kontinuierlich auf, konzentriert sich aber nicht nur auf Ekelmomente und haut einem am Ende den Hammer voll in die Fresse. Mit diesem Ende rechnet man wirklich nicht.

Und was schreibe ich jetzt als Fazit??? Wer sich traut, sollte sich „The Woman“ unbedingt anschauen. Aber sagt danach nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Wertung: 8 von 10 Punkten (die Frau im Keller zerstört die Familie im Haus – abartig, aber unglaublich spannend)

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