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Ein Sturm zieht auf

6. April 2012

Ich hasse es beim Arzt immer wie die Pest, wenn man nach den Krankheitsgeschichten in der Familie gefragt wird: Wer hatte Diabetes? Wer hatte einen Schlaganfall? Wer hatte welche Allergien, etc.? Anhand dieser Fragen erstellt sich ein Bild möglicher Gefahrenherde in unseren Genen, von denen ich am liebsten doch nichts gewusst hätte. Aber wer kann sich schon davor verstecken. Alles, was in der Familie passiert, bleibt auch in der Familie. Vielleicht trifft es nicht uns direkt, sondern überspringt eine Generation – aber es lauert leider Gottes immer irgendwo im Hintergrund und wartet auf seinen großen Auftritt.

Diesen großen Moment erlebt auch Curtis LaForche (Michael Shannon) in Jeff Nichols neuem Film „Take Shelter“. Curtis wird von apokalyptischen Visionen geplagt – ein Sturm kommt, dreckiger Regen wird alles Leben auf der Erde verändern. Immer wieder hat Curtis Alpträume und hin und wieder hört er das nahende Donnern des Sturms. Das Problem ist nur: Curtis ist der einzige, der diese Dinge hört und sieht. Um seine Frau Samantha (Jessica Chastain) und die kleine Tochter zu schützen, beginnt Curtis damit, einen alten Sturmkeller auszubauen.

Man könnte „Take Shelter“ vorwerfen, so etwas wie eine Nachgeburt zu Filmen wie „Melancholia“ oder „Another Earth“ zu sein. Im entferntesten Sinne könnte dieser Vorwurf sogar stimmen – aber nur so lange bis man den Film tatsächlich gesehen hat. Dann wird nämlich klar, dass „Take Shelter“ sich gar nicht so sehr um das Ende der Welt („Melancholia“) oder die Veränderung der Welt („Another Earth“) kümmert. Hier geht es nur um Curtis. Ein Mann mit Visionen… oder vielleicht doch einfach nur ein Verrückter. Schließlich wird im Verlauf des Films deutlich gemacht, dass Curtis‘ Mutter im gleichen Alter wie ihr Sohn an paranoider Schizophrenie erkrankte.

Sind seine Visionen also wahr oder nur Vorboten seiner Krankheit? Sollte er sich vielleicht selber in diesem Schutzbunker, den er baut einschließen? Curtis‘ Fragen werden die des Zuschauers. Und man weiß es nie zu hundert Prozent. Das einzige, was man mit Sicherheit weiß, ist die Tatsache, dass Curtis‘ normales Leben so oder so ein Ende findet. In minutiöser Akribie zerhackt Regisseur Nichols das Leben eines normalen Mannes. Es passiert nicht alles auf einmal, sondern langsam, kriechend, Stück für Stück. „Take Shelter“ ist ein langsamer Film, der nur ein Ziel vor Augen zu haben scheint: Zermürbe den Zuschauer wie die Wahnvorstellungen Curtis zermürben! Und das Erschreckende ist, es funktioniert. Auch wenn „Take Shelter“ über einige kleinere Hänger verfügt, bleibt der Film in sich geschlossen und spannend.

Und das liegt vor allem an Michael Shannon und Jessica Chastain. Chastain war mir schon aus „The Tree of Life“ ein Begriff, Shannon – wenn ich ehrlich sein soll – rein gar nicht. Aber besonders Shannon liefert eine grandiose Darstellung ab. Er watet durch die Abgründe seiner Figur und versinkt immer mehr und mehr im Chaos. Das Interessante an Curtis ist, er ist kein Superheld, er ist kein reicher Mann. Er ist ein Normalo wie wir alle: Kredite, Ärger auf der Arbeit, aber eigentlich ein glücklicher Mann. Immerhin hat er Familie und erfährt deren Liebe. Und all das sieht er vor seinen eigenen Augen zusammenbrechen und weiß nicht, ob er selber dafür verantwortlich ist. Michael Shannon gibt dieser Angst ein Gesicht und lässt uns so auf ganz schaurige Art und Weise mitleiden. Besonders hervorzuheben ist aber auch die Rolle seiner Frau: Anders als man es vielleicht erwarten würde, bleibt sie bei ihrem Mann. Es ist eben halt nicht getan, indem man einfach wegläuft. Jessica Chastain spielt diese bewundernswerte Frau mit einer inneren Ruhe, die man ihr neidet. Um die man Curtis beneidet: Denn auch wenn er in den Abgrund fällt, hat er jemanden, der zu ihm hält. Das macht diese Figur noch tragischer. Man wünscht ihm einfach nur Frieden und er bekommt ihn nicht.

„Take Shelter“ entwickelt dank großartiger Schauspieler und einer wirklich spannenden Geschichte wirkliche eine enorme Sogkraft, die man noch lange nach dem Kino spürt. Es ist packendes Drama, dass seinen Zuschauer bis zur letzten Minute im unklaren lässt, was denn nun eigentlich wirklich los ist.

Wertung: 9 von 10 Punkten (Katastrophenfilm auf kleinstem Raum – ein großartiges und spannendes Filmkleinod)

15 Kommentare leave one →
  1. 6. April 2012 08:41

    dachte auf dem Bild zuerst es wäre Rainn Wilson…aber ist dann wohl doch Michael Shannon

    • donpozuelo permalink*
      6. April 2012 11:04

      Musste erst einmal meinen Lord Google befragen, wer denn bitte Rainn Wilson ist, aber nein, auf dem Foto ist das doch Michael Shannon 😉

      • 6. April 2012 11:14

        Wäre vielleicht einfacher gewesen wenn ich gesagt hätte der Typ aus „Super“ 😛

        • donpozuelo permalink*
          6. April 2012 14:19

          „Super“ habe ich noch nicht gesehen. Steht aber schon neben dem Fernseher 😉 Jeden Augenblick… wait for it…

  2. 6. April 2012 10:35

    Klingt stark.

    • donpozuelo permalink*
      6. April 2012 11:05

      Kann ich auch echt nur weiterempfehlen.

  3. 6. April 2012 14:06

    Für mich geht es in dem Film ja „nicht nur“ um Curtis, sondern im engeren Sinne um die USA bzw. im größeren um die ganze Welt. Curtis personifiziert diese lediglich. Leider geht der Film eine Szene zu lang, der Schluss raubt der Ambivalenz der Geschichte einiges. Dennoch womöglich der faszinierendste Film des Jahres.

    • donpozuelo permalink*
      6. April 2012 14:20

      Ja, da hast du wohl Recht, mit der tieferen Bedeutung des Films. Aber so weit wollte ich es hier jetzt nicht treiben. Auch wenn man „oberflächlich“ bleibt, ist es immer noch sehr sehenswert.

  4. 6. April 2012 23:16

    Hatte mir auch gefallen. Shannon ist einfach nur großartig.

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