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Der Drang zur Lust

9. März 2012

Habe ich schon erwähnt, dass ich persönlich Michael Fassbender für den DeNiro oder Pacino des 21. Jahrhunderts halte? Bestimmt. Ich werde nie müde, dass zu erwähnen. Und ich finde das auch wichtig. In einer Zeit, in der hauptsächlich Filmreihen und Adaptionen die Kinoleinwände beherrschen, scheint es weniger wichtig, wie gut ein Schauspieler ist. Hauptsache, er oder sie lässt sich gut vermarkten und spricht die entsprechende Zielgruppe (vor allem körperlich) an. Ich spreche da jetzt niemanden speziellen an…

(***husthustpattinsonhusthuststewarthusthustalleanderenteenieshusthust**)

Aber mit Fassbender haben wir jemanden, der wirklich wandlungsfähig ist, den man in keine Schublade stecken kann. Schließlich hat er eigentlich auch schon alles durch: Horror, Thriller, Drama, Comicverfilmungen – der Mann scheint in jedem Genre zu Hause zu sein. Warum dann so jemand nicht für einen Oscar nominiert wird, bleibt mir auf ewig ein Rätsel.

Und dabei hätte er einen verdient. Für seine bereits zweite Arbeit mit Ausnahme-Filmemacher Steve McQueen. Der lässt Fassbender in seinem aktuellen Film „Shame“ zu einem Sexsüchtigen mutieren, der sich selbst auf Arbeit noch einen runterholt, der zum Einschlafen dann noch mal den Lesbenporno zu Ende guckt und der sich zur Not auch mal eine Professionelle nach Hause bestellt. Brandon heißt dieser Mann, sieht gut aus und ist erfolgreich. Er lebt sein Leben nach seinen Regeln, die ihm aber meist durch den unbezwingbaren Drang nach der Lust vorgegeben werden. Brandon kann sich nicht kontrollieren – alles, was er braucht, ist Sex. Für Beziehungen oder zwischenmenschliche Gefühle ist da kein Platz. Umso schlimmer wird’s dann für ihn, als plötzlich seine Schwester Sissy (Carey Mulligan) auftaucht und sein Leben noch komplizierter macht.

„Shame“ ist natürlich einzig und allein ein Micheal Fassbender-Film. Carey Mulligan dient nur als ein Auslöser. Das macht sie souverän und mit einer sehr schönen Variante von Sinatras „New York New York“, doch wie schon bei „Drive“ muss sich die hübsche Blonde in einer kleinen, aber tiefsinnigen Nebenrolle wiederfinden.

Zu Michael Fassbender kann man nicht viel sagen. Ganz ehrlich, das muss man selbst gesehen haben. Dieser ganze Film steht und fällt mit seinem Hauptdarsteller. Und Regisseur McQueen traut dem verdammt viel zu. McQueen scheint nichts von vielen Schnitten zu halten. Stattdessen bleibt die Kamera teilweise minutenlang unverändert an einer Stelle. Sie zeigt uns den Spielort, was darin wirklich vor sich geht, müssen uns die Schauspieler vermitteln. Michael Fassbender gelingt das ohne Mühe, der Mann macht sich – im wahrsten Sinne des Wortes – komplett nackt vor der Kamera. Wir erleben einen gebeutelten und kaputten Mann, der sich anfangs gar nicht so wirklich bewusst ist, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Dumm nur, dass ihm seine Schwester mit ihrer Ankunft den Spiegel vorhält.

Eigentlich wissen wir gar nichts über diesen Brandon: Er ist wie Patrick Bateman aus „American Psycho“. Eiskalt und emotionslos. Doch während Bateman anfängt, seine Sexualpartner umzubringen, hat Brandon kein „Ventil“. Er muss mit dem leben, was er ist. Und so streift er weiter durch die Straßen, sucht nach Sex. Und auch wenn es nirgends im Film erwähnt wird, scheint dieser Mann nach Erlösung zu suchen. Irgendwas ist mit ihm passiert – und genau wie seine Schwester – sucht er Geborgenheit. Doch ob allein, zu zweit oder zu dritt – beim Sex findet er rein gar nichts. Und all diese Nuancen dieses kaputten Menschen zeigt Fassbender da vor der Kamera und beweist einmal mehr, dass er wirklich einer der fähigsten Schauspieler unserer Zeit ist.

„Shame“ – dieser Film gehört in die Kategorie: „Noch einmal schauen? Nein danke!“ Aber nicht weil er schlecht ist, sondern weil sich dieser Film einfach so tief in die Seele frisst, weil dieser Film seine Hauptfigur vor den Augen des Zuschauers zerfleischt und ihn mit den Überresten zurücklässt. „Shame“ ist kein Sex-Film. Im Gegenteil, nach diesem Film möchte man lange Zeit nicht einmal mehr an Sex denken. „Shame“ ist eine grandiose und abgrundtief schonungslose Charakterstudie über einen besessenen Mann, dem weder Gott noch sonst irgendwer helfen kann. Brandon durchlebt seine persönliche Hölle. Und wir sind nur stumme Zuschauer, die mit einem flauen Gefühl im Magen aus dem Kino gehen.

Wertung: 9,5 von 10 Punkten (Michael Fassbender ist großartig und erschreckend zugleich)

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17 Kommentare leave one →
  1. 9. März 2012 12:06

    Man gestatte mir die Bemerkung, dass sich auch Moritz Bleibtreu schon während der Arbeit einen runtergeholt hat („Agnes und seine Brüder“, 2004). Nur so als Tipp für Sexsüchtige, damit sie sich bei ihren Aktionen nicht so allein fühlen. 😛

    • donpozuelo permalink*
      9. März 2012 13:19

      Was Moritz Bleibtreu macht, ist doch egal. Wichtiger ist, ob Fassbender das auch getan hat – method actor, der er nun mal ist 😉

      • 9. März 2012 13:36

        Fassbender ist kein Method Actor (z.B. hier zu lesen: http://www.tagesspiegel.de/kultur/frauen-und-maenner-die-methode-fassbender/5800306.html), daher glaube ich kaum, dass er tatsächlich Hand angelegt hat. Zumal das für die Szenen auch nicht nötig war.
        Ich würde ihn übrigens eher mit Marlon Brando und James Dean vergleichen (trotz anderer Methode), DeNiro und Pacino sind viel kälter, ohne diese ungeheuren sehnsüchtigen Abgründe in den Augen.

        • donpozuelo permalink*
          9. März 2012 13:56

          Willkommen!!!

          Na, so ein wenig Method Acting macht der Gute schon: siehe „Hunger“. Aber der Kommentar war jetzt auch eher ironisch gemeint. Ich glaube auch nicht, dass er da selbst Hand angelegt hat. 😉
          Was Fassbender angeht, wollte ich jetzt keineswegs Schauspiel-Methoden vergleichen. Vielleicht war das blöd formuliert. Es geht um meinen persönlichen Geschmack. Filme mit Pacino und Co. habe ich mir angeschaut, ohne auch nur eine Rezension zu lesen. Da habe ich einfach blind vertraut. Das Gleiche trifft für mich bei Fassbender zu. Mittlerweile gehe ich da einfach hin! Fertig, aus!!!

  2. 9. März 2012 14:21

    Entschuldigung: Was ist „Hand an sich legen“? Ich bin mit meinen 54 unschuldigen Jahren nicht so bewandert, aber offen und neugierig. Bis jetzt habe ichs nämlich nur mit meinen Mitbrüdern im Kloster getrieben – und in diesem Punkt bin ich Fassbender voraus. 😛

    P.S.: Dieser Unsinn soll dir nur zu vielen, vielen Klicks abartiger Google-User helfen. 🙂

  3. 9. März 2012 17:52

    Tststs, kaum geht es um Sexsucht, wird es ganz schön schmutzig hier in den Kommentaren. Also wirklich…

    Ich bin aber wirklich sehr gespannt auf den Film und hoffe die Tage ins Kino zu kommen. Besonders dein Vergleich zu Patrick Bateman mach mich neugierig, weil ich nach Sichtung des Trailer irgendwie gehofft hatte, dass Fassbenders Figur ähnlich sein könnte.

    • donpozuelo permalink*
      9. März 2012 18:46

      Ja, da kann man wohl nix gegen machen 😉

      Der Patrick-Bateman-Vergleich kam mir erst im Nachhinein. Aber irgendwie ähneln sich die beiden Charaktere schon ein wenig. Gemeinsam haben sie, dass sie uns den amerikanischen Traum vom reichen, erfolgreichen Geschäftsmann kaputt machen 😉 Aber natürlich ist das nur eine Sichtweise. Fassbenders Brandon hat ähnlich zerstörerische Triebe, nur lebt er sie halt anders aus als der gute Bateman.

      Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie dir der Film gefällt. Er ist was Besonderes, aber auch ein wenig schwer zu verdauen.

  4. 10. März 2012 18:35

    Ich muss immer an Christian Bales Bateman denken, wenn ich etwas zu Shame lese, höre oder sehe. So ein wenig Sexsucht steckt ja auch in Bales Charakter in American Psycho.
    Wie dem auch sei. Da Fassbender ja selbst in kleinen Rollen (Inglourious Basterds, Haywire) die anderen Darsteller mühelos blass werden lässt, macht mich doch gespannt auf so eine One-Man-Show. Kann ja eigentlich nur ein schauspielerischer Höhepunkt werden.

    • donpozuelo permalink*
      11. März 2012 18:49

      Wie gesagt, der Vergleich mit „American Psycho“ kam mir erst so richtig nach dem Film. Aber Fassbender ist wirklich gut! So richtig gut. Auch in „Haywire“ hat er mir echt gut gefallen.

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