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Die Malerin und der Kriegsverbrecher

24. Februar 2012

Und wieder mal ein Beitrag zum Thema „Schauspieler versucht sich als Regisseur“. Schon interessant, wie oft das so passiert. Wahrscheinlich denkt sich der ein oder andere: „Japp, das habe ich jetzt oft genug miterlebt. Das kann ich selber auch.“ In einigen Fällen – George Clooney, Sean Penn oder mein Lieblingsbeispiel Ben Affleck – funktioniert das hervorragend. Bei anderen funktioniert das weniger gut.

Neuestes Beispiel ist Angelina Jolie! Die gute Frau ist ja – wenn sie nicht gerade Action-Amazone, Adoptiv-Junkie und Brad-Anhängsel ist – sehr interessiert daran, der Welt Frieden zu bringen. Als Sonderbotschafterin der UNO versucht sie ihren Bekanntheitsgrad dafür einzusetzen, Menschen in Not zu helfen. Das finde ich durchaus lobenswert. Wer wäre besser dafür geeignet als unsere Hochglanz-Promis? Nichts sieht tragischer aus als ausgehungerte Kinder neben Angelina Jolie. Da geht dann ein Raunen durch die Welt. Dieses Raunen möchte Mrs. Jolie nun mit ihrem Regie-Debüt noch verstärken.

„In the Land of Blood and Honey“ heißt ihr Machwerk und erzählt die Geschichte von der bosnischen Muslima Ajla (Zana Marjanovic) und dem serbischen Hauptmann Danijel (Goran Kostic). Es ist eine tragische Geschichte, denn Ajla wird zusammen mit vielen anderen Frauen von Danijels Truppen gefangengenommen. Die Frauen erwartet Folter, Vergewaltigung und Misshandlung. Nur Ajla hat „Glück“, denn Danijel verliebt sich in die junge Malerin und macht sie zu seiner persönlichen Gefangenen. Doch diese Liebe unter den wachsamen und vor allem misstrauischen Augen der anderen Soldaten ist gefährdet.

Es ist sehr, sehr löblich, was Mrs. Jolie hier vorhat. In der Berlinale-Pressekonferenz sprach sie davon, dass der Krieg in Bosnien eine der schlimmsten und blutigsten Auseinandersetzungen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg war. Es gehe ihr vor allem darum, die Massenvergewaltigungen an Frauen zu thematisieren. Schließlich seien das Themen, die nicht mehr so stark im Gedächtnis der Allgemeinheit ist. Jolie will wachrütteln und uns aus der trauten Illusion von Friede, Freude, Eierkuchen befreien. Dem entsprechend geht sie auch nicht gerade zimperlich damit um, die Gewalt des Krieges zu zeigen. Da gibt es Massenerschießungen, willkürliche Hinrichtungen, Kindermorde und Vergewaltigungen. Krieg ist brutal – und Jolie will uns das wissen lassen. Man zuckt auch hier und da schon mal zusammen, der Lärm der Waffen knallt nur so aus den Boxen. Man ist schon auch mal erschrocken, wenn Soldaten Frauen als lebendige Schutzschilde benutzen. Man ist schon mehrmals sehr froh darüber, dass Jolie nicht bei jeder Vergewaltigungsszene mit der Kamera voll drauf hält. Krieg ist grausam.

Damit wir aber nicht kotzend aus „In the Land of Blood and Honey“ laufen, hat sich Drehbuchautorin Jolie gedacht, ein Liebesdrama mit „Romeo und Julia“-Anleihen könnte funktionieren. Leider ist das nicht so wirklich der Fall. Goran Kostic als Danijel und Zana Marjanovic als Ajla versuchen wirklich alles, um aus ihren Figuren alles rauszuholen und spielen wirklich überzeugend. Vor allem Maranovic geht in der Rolle an und für sich gut auf. Das Problem, was beide Darsteller nur haben, ist Jolies Drehbuch. Ist Ajla nun Gefangene oder Geliebte? Könnte es nicht einfach nur so sein, dass sie sich ihrem Peiniger hingibt, um ihre eigene Haut zu retten? Interessante Fragen, die sich Jolie aber nie so wirklich stellt. Krampfhaft kettet sie Episoden aneinander, die uns zeigen sollen, dass die beiden sich wirklich lieben, an den anderen denken und auf ein Leben zu zweit hoffen. Tiefgründiger möchte Jolie aber nicht werden. Darunter leidet die Liebesgeschichte zwischen Ajla und Danijel sehr und wird von Minute zu Minute uninteressanter und langweiliger.

Langweilig wird es auch dadurch, dass Jolie die wirklich spannenden Schicksale einfach vernachlässigt. Anfangs befindet sich Ajla noch in einer großen Gruppe von Frauen. Hier lässt Jolie dann auch die verschiedenen Schicksale aufeinander prallen. Doch sobald Ajla Danijels „Geliebte“ wird, sind alle anderen Schicksale vergessen. Ab der Hälfte des Films müssen wir uns dann endgültig mit einem Liebesdrama begnügen. Das leider Gottes auch noch nicht richtig funktioniert.

Angelina Jolie gibt sich mit „In the Land of Blood and Honey“ sehr ambitioniert. Das ist löblich! Sie erzählt auch von einer Thematik, deren Auswirkungen in der Region sicher noch heute deutlich zu spüren sind. Sie macht also aufmerksam. Auch das ist sehr löblich! Leider haut sie das mehr schlecht als recht in einem Film zusammen – verliert erst ihren Aufruf aus dem Sinn und dann ihre Schauspieler. Das ist nicht löblich!

Ich bin mir sicher, wenn jemand mit etwas mehr Erfahrung im Drehbuch-Schreiben und Regie-Führen „In the Land of Blood and Honey“ gedreht hätte, wäre daraus ein sehr tragisches und vor allem packendes Kriegsdrama geworden. Als Debüt-Film von Angelina Jolie darf man natürlich nicht zu viel erwarten. Wer aber so eifrig ist, mich mit dem Elend dieser Welt zu konfrontieren, der sollte ein wenig mehr zu bieten haben.

Wertung: 5 von 10 Punkten (regt zum Nachdenken, aber auch zum Einschlafen ein, wenn nicht zwischendurch wild geschossen würde)

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3 Kommentare leave one →
  1. 24. Februar 2012 07:47

    Ah, danke! Das Thema hat mich wirklich interessiert und ich habe darüber nachgedacht, dafür das Kinoeintrittsgeld zu berappen. Nun weiß ich, dass ich warten kann, bis der Film dereinst im Fernsehen kommt.

    • donpozuelo permalink*
      24. Februar 2012 08:31

      Gern geschehen. Ich denke, der Fernsehabend reicht für diesen Film vollkommen aus.

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