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Schnitzeljagd mit Schlüsselkind

17. Februar 2012

Ich habe noch nie einen Roman, geschweige denn auch nur eine Zeile, von Jonathan Safran Foer gelesen, aber langsam frage ich mich schon, ob mir da nicht absolut was entgangen ist. Denn ich finde es schon interessant, dass von drei veröffentlichten Romanen schon zwei verfilmt worden sind. Jetzt kann man sich natürlich darüber streiten, ob das was Gutes ist oder nicht. In jedem Fall kann ich mir aber einbilden, ich wüsste in etwa, worum es bei Foer so geht.

Besonders gern hat Foer scheinbar leicht skurrile Charaktere, die ein wenig außerhalb dessen stehen, was wir für „normal“ erachten (aber gut, was ist schon „normal“?). Ich erinnere mich da nur zu gerne an den Sammler (Foer selbst) aus „Alles ist erleuchtet“, der einfach alles, was er findet, in kleine Plastiktüten steckt. Zur Erforschung der eigenen Vergangenheit. Ein weiterer wichtiger Punkt in der Welt von Jonathan Safran Foer: Vergangenheitsbewältigung. Um ein solches Thema geht es auch in dem neusten Film nach einem Foer-Buch: „Extremely Loud and Incredibly Close“. Langer Titel für einen langen Film über einen kleinen Jungen, der nach einem Schlüsselloch sucht.

Um vielleicht etwas genauer zu werden: Es geht um den jungen Oskar (Thomas Horn), dessen Vater (Tom Hanks) bei den Anschlägen auf das World Trade Center ums Leben kommt. Oskar und auch seine Mutter (Sandra Bullock) finden bei einander keinen Trost, was vor allem daran liegt, dass der möglicherweise autistische Oskar (wird nie genau geklärt) zu stark an seinem Vater hängt. Als er dann einen Schlüssel seines Vaters findet, macht er sich auf, um das passende Schlüsselloch in New York dafür zu finden.

„Extremely Loud and Incredibly Close“ möchte also die Geschehnisse des 11. Septembers durch die Augen eines Kindes betrachten. In Buchform ist das sicherlich eine interessante Angelegenheit. Da hat man dann genügend Zeit, in die Gedankenwelten aller Beteiligten einzutauchen. Film tut sich da bekanntlich ein wenig schwieriger. Abhilfe verschafft da nur ein Erzähler. In „Extremely Loud and Incredibly Close“ ist das Oskar. Wir hören eigentlich die ganze Zeit seinem inneren Monolog mit sich selbst zu. Wir wissen, warum er machen muss, was er tut. Mit Thomas Horn hat Regisseur Stephen Daldry („Der Vorleser“) zum Glück einen echten Glücksgriff gemacht. Ohne vorherige Schauspielerfahrung überzeugt der kleine Thomas Horn auf ganzer Linie. Wutausbrüche, panische Angst vor so gut wie allem, was New York ausmacht (hohe Häuser und so) und ständig dieses Tamburin am Klimpern, damit die Nerven beruhigt sind. Horn spielt großartig und muss sich vor Tom Hanks und Sandra Bullock nicht verstecken – zumal die beiden in diesem Film wirklich nur auf arg kleine Nebenrollen reduziert werden.

Der junge Oskar macht sich also auf den Weg durch New York und lernt haufenweise Leute kennen, die alle ihre eigenen Geschichten haben, durch die Oskar seiner ein wenig näher kommt. Daldry kommt nach einer langen Einleitung endlich zu dieser Schnitzeljagd, die das interessanteste an „Extremely Loud and Incredibly Close“ hätte werden können. Leider fängt der Film hier ein wenig an zu schwächeln: es werden verschiedene Begegnungen aneinandergereiht, die den armen Oskar aber nicht wirklich weiterbringt. Mit dem Auftauchen des stummen „Mieters“ (Max von Sydow) taucht dann ein passendes Gegenstück für diesen fast schon hyperaktiven Oskar auf. Max von Sydow spielt ohne Worte (da muss man sich bei der Oscar-Nominierung für ihn fast fragen, ob nach „The Artist“ alle nur noch Stummfilme haben wollen 😉 ). Trotzdem bietet er genau zum richtigen Zeitpunkt die Abwechslung, die der Film braucht. Nun reisen sie zu zweit durch New York.

Mit Max von Sydow bekommt der Film ein ganz anderes Feeling (sorry für diesen Ausdruck). Erst jetzt hat man so das Gefühl, der Film läuft richtig an. Alles scheint nur auf den Moment gewartet zu haben, in dem ein merkwürdiger Charakter einen anderen merkwürdigen Charakter trifft und sie sich beide näher kommen. Sie erfahren viel mehr über sich selbst durch den anderen.

„Extremely Loud and Incredibly Close“ ist ein rührseliger Film, der aber fast schon zu viel Hollywood in sich trägt. Erst wird richtig dick aufgetragen – Drama und Trauer pur aus allen möglichen Perspektiven. Wenn Oskar leidet, müssen wir auch leiden! Und dann kommt in den letzten Minuten so ein Happy-End zusammen, dass alles vorherige ein wenig albern aussehen lässt. Mir hätte es schon gereicht, mit der Auflösung über den Schlüssel aus dem Film zu gehen. Aber nein, es musste noch ein wenig mehr Schmalz draufgeschmiert werden.

Insgesamt ist Daldrys Film Herz-Schmerz-Kino pur, dass Dank einem großartigen Team (Horn-Sydow) gut zu unterhalten weiß. Auf jeden Fall darf sich Jonathan Safran Foer freuen, auch sein zweiter Roman hat eine gute filmische Umsetzung bekommen (auch wenn ich persönlich doch lieber „Alles ist erleuchtet“ vorziehe)

Wertung: 7 von 10 Punkten (New York City ist verdammt groß, um dort nach einem Schlüsselloch zu suchen – interessante Story mit ein klein wenig zu viel Hollywood-Schmalz)

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7 Kommentare leave one →
  1. 17. Februar 2012 08:58

    Ich werde mir den Film auf jeden Fall anschauen, da meine Frau sehr begeistert vom Buch war. Der Trailer sah auch schon sehr gut aus – ab und zu darf es eben auch Herzschmerz sein.

    • donpozuelo permalink*
      17. Februar 2012 09:50

      Dafür ist der Film auch in Ordnung. Und danach bin ich gespannt, was die Buchkennerin zum Film sagt.

  2. 22. Februar 2012 22:11

    Tapfer. Reizt mich gar nicht. Schon die Besetzung und dann dieser furchtbare Knabe…

    • donpozuelo permalink*
      22. Februar 2012 22:24

      Der Knabe war eigentlich noch das Beste an dem ganzen Film. Und wenn dich Bullock und Hanks schocken, dann sei dir gesagt, dass die wirklich nur winzig kleine Nebenrollen haben. Und Max von Sydow ist echt gut! Und stumm, falls das hilft! 😉

  3. Peter permalink
    23. Februar 2012 08:16

    Ich fand den FIlm sehr gut. Hatte das Buch eher mit mittelmäßiger Begeisterung gelesen, aber der Film hat mich dann wirklich überrascht. Sehr gut umgesetzt. Mir hat er sehr gefallen.

    • donpozuelo permalink*
      23. Februar 2012 08:28

      Willkommen!!!

      Liegt dann wahrscheinlich daran, dass durch das Buch die Erwartungen eher gering waren, oder??? Wie gesagt, mir war der Film eine Spur zu „Hollywood“. Ein wenig weniger wäre vielleicht mehr gewesen 😉

  4. 25. Oktober 2013 11:07

    „Erst jetzt hat man so das Gefühl, der Film läuft richtig an. Alles scheint nur auf den Moment gewartet zu haben“

    Stimmt! Kam mir auch so vor. Nur beim Verfassen meines Textes in Vergessenheit geraten 😉

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