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Puppenspieler

8. Februar 2012

In der Januarausgabe der „CINEMA“ blickt der Chefreporter der Zeitschrift, Heiko Rosner, ziemlich skeptisch auf das Kinojahr 2011 zurück. Er spricht von „fortschreitender Infantilisierung“. Filme seien zwar optisch herausragend und technisch auf hohem Niveau, aber das war’s dann auch. Im Endeffekt, so Rosner, sind sie kaum mehr als „bombastische Effektgewitter für Acht- bis Zehnjährige“. Ganz unrecht hat der gute Mann natürlich nicht, andererseits vergisst er in seiner kleinen feinen Kolumne, dass Hollywood auch nur ein riesiges Unternehmen ist, dem es hauptsächlich ums Geld geht. Man nehme doch allein nur das Beispiel Christopher Nolan: Der musste erst ein paar gute Batman-Filme drehen, um Vertrauen zu erlangen. Und selbst dann, als er mit seinem „Inception“-Drehbuch ankam, waren die Studio-Bosse wenig überzeugt. Aber solange „Batman“ im Hintergrund war, ließ man Nolan gewähren. Einen möglichen Flop könne man sich schon leisten.

Man kann viel über Hollywood in letzter Zeit schimpfen. Es sind nur noch Comic-Verfilmungen, Remakes, Reboots oder Adaptionen. Aber was hilft schon schimpfen, wenn diese Filme trotzdem einen reißenden Absatzmarkt finden. Vielleicht sollte man diese Diskussion eher über den Zuschauer führen. Schließlich sind wir es doch im Endeffekt, die dafür sorgen, dass wir weiterhin mit Piraten, Superhelden und sprechenden Riesenrobotern versorgt werden. Wenn wir nicht mehr ins Kino gehen, um uns so etwas anzuschauen, dann würde Hollywood sich etwas anderes suchen müssen. Von fehlender Kreativität mag ich da fast gar nicht sprechen… immerhin haben sie es ja auch geschafft, aus einem Spiel wie „Schiffe versenken“ einen Film zu machen 😉

Aber mal im Ernst: Ich bin ja auch nicht so begeistert von all den großen Mainstream-Blockbustern, doch manchmal tun sie einfach gut. Der liebe Herr Rosner von der „CINEMA“ kann sich da noch so aufregen, aber Hollywood bedient nur das, was wir sehen wollen. Und wenn Herr Rosner das nicht mag, ist das nicht Hollywoods Schuld. Schließlich gibt es ja auch hin und wieder was Gutes aus Hollywood, das neben dem Mainstream her läuft, dass noch beweist, dass die Damen und Herren der Traumfabrik ihre Kreativität nicht ganz verloren haben. Zum Glück wird das wohl immer so sein, auch wenn diese Filme dann diesen merkwürdigen „Independent“-Stempel tragen.

Dass auch 2012 ein paar Perlen aus Hollywood für uns übrig hat, dessen bin ich mir sicher. Und wenn nicht, gibt es ja immer noch die Möglichkeit, einfach mal in den DVD-Schrank zu schauen und sich etwas herauszunehmen, dass beweist, dass auch Hollywood noch gute eigene Stoffe entwickeln kann.

Ein Film, der ein wirklich gutes Beispiel dafür abgibt, ist Spike Jonzes Debüt „Being John Malkovich“. Darin findet erfolgose Puppenspieler Craig Schwartz (John Cusack) ein merkwürdiges Türchen im 7 ½ Stock eines Bürogebäudes. Dahinter verbirgt sich ein langer Gang, der Craig in John Malkovich führt. Da kann er dann 15 Minuten in dem Schauspieler verweilen und wird anschließend an einer Autobahn wieder ausgespuckt. Mit seiner Kollegin Maxine (Catherine Keener) und seiner Frau Lotte (Cameron Diaz) versucht Craig daraus Kapital zu schlagen. Doch das geht nach hinten los, denn für Lotte wird das „John-Malkovich-Sein“ zur Sucht und während sie in ihm drin ist, macht sie dann auch noch mit Maxine rum. Craig muss also einen Weg finden, dem ein Ende zu machen, schließlich würde er viel lieber mit Maxine zusammen sein.

„Being John Malkovich“ ist einer der absurdesten Filme, die ich je gesehen habe. Und das ist das Geniale an diesem Film. Man kann eigentlich nicht voraussagen, welche Richtung er einschlagen wird. Philosophische Fragen über die eigene Identität jagen fantastische Ideen vom ewigen Leben. Liebesgeschichte wird zur verzwickten Dreiecksgeschichte, der Wunsch, mal für einen Tag jemand anderes zu sein, wird zum Alptraum.

Das Drehbuch von Charlie Kaufman sprudelt nur so über vor Ideen und Fantasie. Eigentlich reichen die Ideen aus, um gleich mehrere Filme zu machen, und ein wenig hätte das dem Film auch zum Verhängnis werden können. Aber Regisseur Spike Jonze hat in jeder Sekunde des Films die Kontrolle über das Geschehen. Auch wenn das Level an Absurdität steigt und steigt, verliert man doch nie den Überblick.

Dazu muss man einfach sagen, dass die Schauspieler einfach großartig sind. Den größten Respekt zolle ich aber John Malkovich, der sich auf dieses Experiment eingelassen hat und das arme Opfer spielen muss. Er wird die Marionette für die Träume zahlreicher Menschen, die erst durch die Erfahrung, einmal John Malkovich gewesen zu sein, sich selbst erkennen.

Hach, wie gesagt, der Film ist großartig. Schräg, aber großartig. Und solange Hollywood es schafft, neben all den Blockbustern auch noch solche Filme zu produzieren, sollten wir doch alle zufrieden sein. „Being John Malkovich“ ist nur ein Beispiel dafür, dass Kreativität in Hollywood noch lebt. Über Erfolg und Misserfolg entscheiden dann am Ende wir selber.

Wertung: 10 von 10 Punkten (Körpertausch gefällig? Dann einmal John Malkovich sein und es geht dir besser!!!)

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13 Kommentare leave one →
  1. 8. Februar 2012 08:13

    Oh ja! Ein ziemlich großartiger Film. Keine Frage. Ich mochte auch „Adaptation.“ sehr.

    • donpozuelo permalink*
      8. Februar 2012 09:07

      „Adaption“ muss auch mal wieder gucken. Irgendwie erst einmal gesehen, aber das war so der erste Film, den man sich dann tatsächlich mal nur wegen des Drehbuchautors geguckt hat 😉 (Was sonst ja – zumindest bei mir – eher seltener vorkommt.)

  2. Sebastian Schuster permalink
    8. Februar 2012 18:53

    Also der Herr, du musst dringend mal verraten, was in deinem Leben so beflügelndes passiert ist, dass du schon wieder die Höchstnote verteilst.

    • donpozuelo permalink*
      8. Februar 2012 19:50

      Na komm! Hast du den Film mal gesehen? Großartig! Gleiches gilt auch für „Drive“ – meinen letzten „Zehner“.

      • Sebastian Schuster permalink
        9. Februar 2012 15:43

        Ja! Er hat wirklich einen sehr kreativen Ansatz. Aber für 10 von 10 Punkten würde ich mir immer eine Wirkung auf mich wünschen, die über den Film hinaus reicht. Er ist unterhaltsam und in vielerlei Hinsicht auch besonders. Aber mehr als 7 von 10 würde ich ihm wirklich nicht zugestehen.

        • donpozuelo permalink*
          9. Februar 2012 16:53

          7 ist aber auch ein wenig wenig 😉 Der Film hat schon mehr… und ist einfach auch ein gutes Zeichen dafür, dass nicht alles an Hollywood Effektgefeuer ist. Dazu kommt dann noch, dass ich die Story rührend, komisch und herrlich absurd finde. Einfach nur ein geiler Film! Ich bleibe bei meiner Sichtweise 😛

  3. 10. Februar 2012 15:21

    Ach, der wurde mir in diesem Semester schon unzählige Male ans Herz gelegt und jetzt auch noch die Höchstwertung von dir… Da kommt man wieder ins Grübeln, ob man Geld ausgeben sollte.

    • donpozuelo permalink*
      10. Februar 2012 22:07

      Ich will ja jetzt nichts sagen, aber der ist eigentlich schon sein Geld wert 😉

  4. 11. Februar 2012 22:52

    Oh, das ist schon Ewigkeiten her, dass ich den im Kino gesehen habe, aber ich fand ihn auch großartig.

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