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Information ist Macht

23. Januar 2012

Schauspieler, die nach einer Weile anfangen, selbst Regie zu führen, sind ja mittlerweile nichts Neues. Einige von ihnen – ich sage nur Ben Affleck – haben erst durch ihre Arbeit hinter der Kamera wirklich bewiesen, dass sie noch zu was taugen. Komisch finde ich dann nur, dass Beispiele wie Kevin Costner oder Mel Gibson immer zeigen, dass Schauspieler hinter der Kamera sogar richtig gut sein können. Naja, oder sie landen wie im Fall von Costner und Gibson einen Zufallsgriff, sammeln ein paar Oscars und verschwinden dann unter Flops und rassistischen Aussprüchen. Aber dann gibt es da auch richtig gute Beispiele. Das sind diejenigen, die sich als Schauspieler einen guten Namen gemacht haben, dann ins Regiefach wechselten und da plötzlich anfingen, gefeierte Filme zu drehen. Klar, Mr. George Clooney ist so ein Beispiel. Besser als Clooney hat sich da bis jetzt nur Clint Eastwood entwickelt.

In mehr als 60 Filmen hat er mitgemischt, in allein 33 davon hat er auch Regie geführt, hat ein paar renommierte Preise in sein Haus geholt… und all das, obwohl er doch „Dirty Harry“ war. Ein Action- und Western-Held. Aber Eastwood ist viel mehr geworden als das. Mittlerweile zähle ich Eastwood zu den Regisseuren, bei denen ich ohne großes Zögern ins Kino gehe. Eastwoods Filme haben dieses gewisse Etwas, dass man nicht so richtig in Worte greifen kann.

So hat es mich dann auch wenig Überlegungszeit gekostet, mir seinen neuesten Film anzuschauen. Dieses Mal versucht sich Eastwood an einem Biopic über den wohl mächtigsten Mann der USA: den Gründer und Direktor des Federal Bureau of Investigation, J. Edgar Hoover. Wir begegnen im Film „J. Edgar“ einem alten Hoover, der seine Memoiren niederschreiben lässt und so sein Leben, seine Karriere und seinen Aufstieg noch einmal Revue passieren lässt. Und was Hoover zu erzählen hat, ist schon sehr erzählenswert. Immerhin hat der Mann acht Präsidenten überdauert und war stets ein gefürchteter Mann… eben weil seine Prämisse immer lautete „Information ist Macht!“. Nur war es auch diese Besessenheit, über alles Informationen zu sammeln, die ihm Kritik einbrachte, die ihm aber auch immer wieder den Hals rettete. Schließlich hatte Hoover genügend Informationen über die schmutzige Wäsche seiner Präsidenten und Vorgesetzten.


Biopics sind ja immer eine etwas komplizierte Sache. Zeigt man das ganze Leben oder nur einen bedeutenden Ausschnitt? Bleibt man bei den Fakten oder dichtet man etwas hinzu? Bis jetzt hat man uns ja hauptsächlich Musiker wie Johnny Cash oder Ray Charles gezeigt. Das funktionierte wegen der guten Musik und Drogenexzessen eigentlich auch ganz gut, aber wie stellt man einen Mann dar, der sehr simpel betrachtet einfach nur ein Sesselpupser gewesen ist?

Na gut, Sesselpupser stimmt vielleicht nicht ganz. Schließlich verdanken die USA Hoover wichtige Entwicklungen in der Beweissammlung und der Tatortsicherung. So war es Hoover, der sich um einen zentralen Fingerabdruck-Katalog kümmert, der die Forensik ausbaute und Wissenschaftler einstellte, um Spuren zu sichern. Wenn da nicht noch Hoovers Vorliebe für Geheimakten gewesen wäre, müsste man diesem Mann schon ein Denkmal setzen.

Gut, das macht Eastwood jetzt filmisch. In manchmal recht unübersichtlichen Zeitsprüngen rennen wir durch die Vergangenheit von „J. Edgar“. Anfangs ist das auch noch recht spannend. Eastwood schildert Hoovers Anfänge, als dieser „radikale“ Gruppierungen jagte und daraufhin zum Chef seiner eigenen Behörde wurde. Diese Behörde soll dann auch gleich die Entführung von Charles Lindberghs Baby aufklären. Nur mit Hilfe seiner neu eingerichteten forensischen Abteilung und nach etwa zwei Jahren gelingt Hoover die Auflösung des Falls. Aber nach diesen Krimigeschichten kümmert sich Clint Eastwood dann doch lieber um den Mensch „J. Edgar“.

Hier schwächelt dann das Drehbuch ein wenig, hauptsächlich sehen wir einen verbitterten alten Mann, der sich in jeder Legislaturperiode dank seiner Akten vor der Kündigung rettet. Wir lernen Hoover als kleines Muttersöhnchen kennen, der mit seinem Ödipuskomplex alles für seine liebe Mama tun würde. Selbst seine eigene Sexualität unterdrücken. Hier versucht Eastwoods „J. Edgar“, die Theorie, der FBI-Direktor sei schwul gewesen, neu aufzuwerten. Denn auch wenn es ein paar „pikante“ Momente gibt, ist Hoover am Ende des Tages doch nur mit seiner Arbeit verheiratet. Und für andere Menschen ist da kein Platz.

Ein bisschen mehr Polizei-Arbeit hätte der Spannung des Films schon gut getan, aber wo das Drehbuch schwächelt, trumpft Eastwood mit seinen Schauspielern auf: Allen voran natürlich Leonardo DiCaprio. Ob als junger Spund oder als alter Mann – DiCaprio überzeugt. Und ja, all diese Robert DeNiro-Vergleiche, die hier und da zu lesen sind, sind gerechtfertigt. DiCaprio spielt – nach Howard Hughes – seine nächste große amerikanische Rolle und schafft es, diesem gefürchteten Mann „J. Edgar“ eine menschliche Seite zu geben. Ein Mann, der seine eigene Gefühlswelt nicht einzuschätzen weiß. Seine Mutter – die großartige Judy Dench – setzt ihn unter Druck. Von allen Menschen lässt Hoover nur seine rechte Hand Clyde Tolson (Armie Hammer) und seine Sekretärin Helen Gandy (Naomi Watts) an seinem Leben teil haben. Aber halt auch nur oberflächlich… die Arbeit ist für Hoover alles.

So wird also aus einem Muttersöhnchen einer der mächtigsten Männer der USA. Clint Eastwood und Leonardo DiCaprio erzählen diese Geschichte von beiden Seiten: der gute und der böse Hoover. Zum Glück zeigt Eastwood auch ein paar spannende Ermittlungsfälle… ein paar mehr hätten es aber durchaus sein dürfen. Trotzdem bleibt „J. Edgar“ durchaus sehenswert.

Wertung: 8 von 10 Punkten (auch bei seinem 33. Film bleibt Clint Eastwood sich treu und liefert wieder gutes Kino ab)

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6 Kommentare leave one →
  1. Owley permalink
    23. Januar 2012 07:07

    Uh. Und wieder einmal sind es die Leute, die mich interessieren (Blogs, gute Kritiker), die J. Edgar mögen, während die Bünzlis und Altherrenheftli den Film zerreissen. My hope is restored. Ich freue mich jedenfalls schon seit langem darauf.

    Und worüber alle sprechen: Die Maske. Ist sie gut? Der Trailer sagt da ja viel zu wenig.

    • donpozuelo permalink*
      23. Januar 2012 08:59

      Ja, der Film ist gut. Wie gesagt, ein wenig mehr von der Polizeiarbeit wäre mir persönlich zwar lieber gewesen. Aber es ist auszuhalten 😉

      Und ja, die Maske ist wirklich sehr, sehr gut. Im Trailer sah das nicht so danach aus, weil man es auch irgendwie nur ganz kurz sieht. Wenn man dann den Film aber sieht, ist das wirklich alles sehr gut gemacht worden. Leo als alter Mann haut hin.

  2. 24. Januar 2012 16:41

    Und keine Oscar-Nominierung für den Leo. Zurecht? Wie ist die Meinung? Ich hätte ja schon damit gerechnet, dass er sich für diese Rolle eine Nominierung abholen könnte.

    • donpozuelo permalink*
      24. Januar 2012 18:06

      Oh definitiv. Dafür hätte es wenigstens eine Nominierung geben müssen. Leo ist alles, was diesen Film so richtig gut macht. Der spielt echt sehr, sehr gut. Schon komisch…

  3. 24. Januar 2012 21:26

    Schon wieder so ein Film, der sich hinten anstellen muss, weil das Kino derzeit nur so von interessanten und guten Filmen überquillt. Definitiv weiterhin vorgemerkt, aber dass es keine Oscar-Nominierung gibt, überrascht mich nun doch sehr. Immerhin hat Eastwood bei der Academy ja einen guten Stand…

    • donpozuelo permalink*
      25. Januar 2012 08:51

      Wer weiß. Vielleicht störte man sich daran, dass er sich mit J.Edgar Hoover eine recht zweideutige Figur herausgeholt hat. Andererseits ist „J.Edgar“ zwar gut, aber nicht unbedingt ein wirklicher Oscar-Kandidat. Warum allerdings Leonardo DiCaprio keine Nominierung bekommen hat, ist mir schleierhaft.

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