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Männer, die Frauen hassen

13. Januar 2012

Unsere Freunde im Norden scheinen wahre Krimikönige zu sein. Ich glaube, so in letzter Zeit kommen die lesenswertesten Krimis aus Skandinavien. Das kommt mir zumindest immer so vor, wenn ich mal durch die Buchhandlung meines Vertrauens gehe. Viele Namen mit durchgestrichenem O oder was sonst halt so typisch ist für Namen der Nordmänner (und Frauen). Ich muss ja allein nur bei meiner Mutter ins Regal schauen: Mankell, Nesbø und Co. Da ich kein sonderlich großer Krimi-Fan bin, ging dieser Boom spurlos an mir vorbei. Auch als ein gewisser Stieg Larsson für Furore sorgte, war mir das nicht sonderlich bewusst. Als die ersten Trailer zu den Filmen der Millennium-Trilogie in die Kinos kamen, dachte ich mir nur: „Was soll’s???“ Ist schon irgendwie traurig, dass tatsächlich erst ein Hollywood-Remake mich dazu bringt, mir diesen Stieg Larsson mal etwas genauer anzuschauen.

Und anschauen ist das richtige Stichwort. Die Bücher zur „Millennium“-Trilogie habe ich mal ganz böse übersprungen. Da waren mir die Meinungen trotz Besteller-Status dann doch irgendwie ein wenig zu verschieden. Wo die einen schwärmen, werfen die anderen Larsson eine etwas schwerfällige Gangart vor. Ich kann nichts davon beurteilen, weswegen ich die Bücher jetzt einfach mal auslasse. Wer braucht schon 700-Seiten-Wälzer, wenn die Filme im Director’s Cut auch je drei Stunden meiner Zeit in Anspruch nehmen.

Die „Millennium“-Trilogie also… erst dachte ich an diese alte Serie, die damals so ein wenig im Fahrwasser von „Akte X“ herumschwamm, in der es dann ja aber hauptsächlich um mysteriöse Vorkommnisse der eher übernatürlichen Art ging. Bei Stieg Larsson geht es eigentlich um eins: Männer, die Frauen hassen. So lautet zumindest der schwedische Originaltitel zu „Verblendung“. Darin flüchtet sich der berühmte Redakteur der Zeitschrift „Millennium“ (aha!!!) in eine ziemlich spannende Geschichte: Der Unternehmer Hendrik Vanger bittet Blomkvist das Verschwinden (oder den Mord) seiner Nichte Harriet zu untersuchen. Klingt alles nicht weiter schlimm, bis Blomkvist auf eine ganze Mordserie stößt, in der junge Frauen misshandelt und dann getötet wurden. Zusammen mit der Hackerin Lisbeth gräbt Blomkvist tief in der schmutzigen Familiengeschichte der Vangers.


Ich will’s noch einmal sagen: Die Bücher habe ich nicht gelesen. Vielleicht war das ein Fehler, vielleicht auch nicht. Was ich nur sagen kann: Niels Arden Oplevs „Verblendung“ hat mir blendend ( 🙂 ) gefallen. Dabei kann man nicht einmal behaupten, dass die Story jetzt so groß was besonderes ist. Fiese Serienkiller wurden auch schon in anderen Filmen gejagt. Auch dass eine riesige Familie involviert zu sein scheint, ist nicht neu. Dadurch wird der Zuschauer nur gezwungen, noch besser aufzupassen. Schließlich muss man am Ende immer noch wissen, wer der Onkel der Kusine der Nichte war… oder war das jetzt doch die Schwester des Bruders des Onkels. Familiengeschichten sind immer etwas wirr, von daher nehme ich das „Verblendung“ nicht krumm, dass ich mich auch noch durch den Stammbaum der Familie Vanger kämpfen muss.

Versteht mich jetzt bloss nicht falsch: Auch wenn die Story nicht neu ist (welche Story ist das heutzutage noch, wenn doch schon eh alles in der einen oder anderen Art und Weise erzählt wurde), ist sie spannend. Spannender noch ist der Verlauf der Geschichte und vor allem ihre beiden Protagonisten.

Fangen wir bei den Hauptfiguren an: Mit Michael Nyqvist (der neue „Mission Impossible“-Bösewicht) haben wir endlich mal so einen richtigen Normalo-Typ. Kleines Bäuchlein, sieht zwar nett aus, aber nicht übermäßig attraktiv. Nyqvists Blomkvist ist ein 08-15-Typ mit dem gewissen Etwas. Man kann es nicht näher definieren, aber er passt perfekt rein in diese Rolle. Er ist kein Held, er will es auch nicht sein. Aber dennoch hat er sowas von einem Spürhund: Einmal Witterung aufgenommen, lässt er nicht mehr locker. Tja, und wenn die Witterung doch einmal nach lässt, dann gibt es da ja immer noch dieses mysteriöse Wesen namens Lisbeth Salander. Auch wenn das jetzt komisch klingen mag, aber so etwas wie Lisbeth hat das Kino schon lange mal wieder gebraucht. Noomi Rapace („Sherlocks“ neue Freundin) spielt ein gebrochenes Wesen mit einer dunklen Vergangenheit. Eine Frau, die alles recht der Welt dazu hat, Männer zu hassen. Ein Mensch voller Geheimnisse. Es gibt Stellen im Film, da weiß man wirklich nicht, was mit ihr los ist. Und dann gibt es auch Stellen, an denen man nicht weiß, ob man sie jetzt doch irgendwie attraktiv finden soll oder nicht. Lisbeth Salander ist  eine herrlich zweiseitige Rolle, die durch Rapace auch noch mit wirklich viel Herzblut verkörpert wird.


Regisseur Oplev lässt sich dann auch (gemäß Larsson???) viel Zeit, bevor er diese beiden unterschiedlichen Charaktere aufeinander loslässt. Die Handlung von „Verblendung“ verläuft erst einmal auf zwei parallelen Bahnen und irgendwie ganz anders als ich es erwartet hätte: Blomkvists Recherche innerhalb der Vanger-Familie verläuft relativ ruhig: Ein Abendessen hier, Gespräche mit der Polizei dort. Nichts deutet darauf hin, dass die Suche nach Harriet einen Film wirklich wert wäre. Während die Blomkvist-Geschichte eher ruhig verläuft, führt uns Oplev in die dunkle Welt der Lisbeth: Hackerin, Rebell und Opfer zugleich. Als Unmündige wird sie von ihrem staatlichen Vormund misshandelt, wehrt sich dann aber auf brutale (und vollkommen gerechte) Art und Weise. Und erst nach diesem Lisbeth-Drama dürfen beide Figuren zusammen kommen.

„Verblendung“ geht nicht sofort aufs Ganze, sondern nimmt sich – erstaunlich viel – Zeit, um beide Figuren zu genüge zu etablieren. Lange bevor Schwung in den Harriet-Fall kommt, kennen wir diese zwei Menschen… naja, was Lisbeth angeht, nicht wirklich. Aber immerhin nutzt Oplev seine Zeit gekonnt. Das macht den Film dann so aus: Durch Lisbeht erfahren wir hautnah, was für Schweine Männer sein können, während uns die Blomkvist-Schiene zeigt, dass Männer schon immer Schweine waren. Natürlich nicht alle Männer…

Was man natürlich nicht falsch verstehen darf: Oplev lässt sich zwar Zeit, seine Figuren zu entwickeln, vergisst aber nie, dass er auch einen spannenden Thriller zu inszenieren hat. Spätestens, wenn beide Figuren endlich zusammenarbeiten, gerät auch der Fall Harriet mächtig ins Rollen. Dann wird „Verblendung“ zu einer Achterbahnfahrt… es gibt keine Stopps auf dem Weg!!!

Schweden-Krimis können also doch sehr spannend sein, und „Verblendung“ gehört schon jetzt zu meinen persönlichen Lieblingsfilmen. Sehr stimmungsvoll, sehr düster, sehr gewaltig – dank zweier grandioser Hauptfiguren lässt einen dieser Film so schnell nicht wieder los.

Wertung: 9 von 10 Punkten (harter Stoff aus dem kalten Norden)

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19 Kommentare leave one →
  1. 13. Januar 2012 07:44

    Vielleicht sieht man den Film tatsächlich besser, wenn man das Buch nicht kennt. Hab ihn jetzt auch erst kürzlich gesehen, nur halt vorher das Buch gelesen, demzufolge kommt der Film nicht ganz so gut bei mir weg. Was ihn aber trotz allem sehenswert macht.

    • donpozuelo permalink*
      13. Januar 2012 13:11

      😀 Ich glaube, das ist ja meistens der Fall. Vor allem, wenn man das Buch noch stark in Erinnerung hat. Dann fallen einem sofort fehlende Handlungsstränge oder Figuren auf, dann wundert man sich über bestimmte Entscheidungen. Aber in diesem Fall hatte ich tatsächlich das erste Mal in meinem Leben kein großes Interesse daran, die Bücher zu lesen. Keine Ahnung warum…

      • Owley permalink
        13. Januar 2012 13:32

        Also du meinst das Buch, das du nicht gelesen hast? :mrgreen:

        I HAD TO! :3

        • donpozuelo permalink*
          13. Januar 2012 15:10

          Das lass ich jetzt mal unkommentiert 😛

  2. 13. Januar 2012 08:02

    Mir hat der Film auch sehr gut gefallen, wenn auch nicht so gut. Ist eindeutig der beste Teil der Reihe. Wirst du dir das Fincher-Remake anschauen? Bin mir noch unschlüssig.

    • donpozuelo permalink*
      13. Januar 2012 08:59

      Ich werde mir das Fincher-Remake schon angucken, denke ich. Auch wenn ich es für eins der überflüssigsten Remakes überhaupt halte. Aber irgendwie reizt es mich schon.

      • Owley permalink
        13. Januar 2012 10:36

        Ich musste jetzt grad auch überlegen, welchen Film du reviewt hast. Aber die Bilder habens dann klar gemacht 😉 Und warum findest du das Fincher-Remake überflüssig?

        Und danke, dass ich jetzt weiss, wer der Bösewicht in MI:GP ist. -.- Mennoooooo! 😦

        • donpozuelo permalink*
          13. Januar 2012 10:53

          Naja, das Warum ist doch eigentlich klar, oder??? Wozu brauche ich ein Remake eines Films, der an sich schon genau ausreicht? Viel Neues kann uns Fincher sicherlich auch nicht bieten.

          Und das mit dem Verraten des Mission-Bösewichts tut mir Leid.

  3. Owley permalink
    13. Januar 2012 11:40

    Nicht jedes Remake muss zwangsläufig schlecht sein – und ich denke, Fincher kann da durchaus was reissen. Obs nötig ist, das bezweifle ich auch, aber warum soll es uns nicht Spass machen. Wenn ein Sequel kommt, meckert ja auch keiner. Oder nicht immer.

    • donpozuelo permalink*
      13. Januar 2012 13:03

      Ich sag ja auch nicht, dass es schlecht ist, nur halt ein wenig überflüssig. Was mich aber trotzdem nicht davon abhalten wird, mir den Film anzugucken 😉

  4. 13. Januar 2012 21:30

    Ich muss gestehen, dass ich ihn damals richtig scheiße fand. Im Nachhinein habe ich meinen Eindruck aber geschönt. Auf jeden Fall finde ich die Drei viel zu lang und langatmig.

    • donpozuelo permalink*
      14. Januar 2012 00:05

      Hab bis jetzt nur teil 1 gesehen. Den fand ich von der Länge her in Ordnung. Mal gucken, wie es bei den anderen Teilen so aussieht.

  5. 18. Januar 2012 11:21

    Ich würde da einen Punkt abziehen – vermutlich, weil ich um den Vergleich mit dem Buch nicht herumkomme. 😉 Was das angeht: Ich schwärme da TROTZ Larssons schwerfälliger Gangart, oder sogar WEGEN dieser, die zur Story nämlich ganz wunderbar passt. Im Film sehe ich das dagegen etwas kritischer, der komt ja auch nur schwer in die Gänge. Trotzdem super.

    • donpozuelo permalink*
      18. Januar 2012 11:35

      Ich fand diese schwere Gangart des Films zwar etwas gewöhnungsbedürftigt, aber es passte eigentlich ganz gut.

      Jaja, der Vergleich mit dem Buch. Bei meiner Rezension zur Neuauflage von „Verblendung“ durch Fincher wurde ich ja schon belehrt, dass Mr. Fincher näher am Buch dran ist. Mir gefällt trotzdem diese Variante besser.

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