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Polaroids im Dunkeln

11. Januar 2012

Diesen Film hätte ich gerne unbefangen gesehen, aber wenn groß damit geworben wird, es sei der erste Horror-Film ohne Schnitt, dann achte ich natürlich sehr genau darauf. Ich hatte anfangs schon die Befürchtung, ich würde mir eine mentale Strichliste anfertigen, in der ich jede Möglichkeit für einen Schnitt vermerke. Aber zum Glück zieht einen die Geschichte ziemlich schnell in den Bann, weswegen man das Mitzählen von Schnittmöglichkeiten bei diesem angeblichen Plansequenz-Film schnell vergisst.

Aber ich schweife ab! Worum geht es eigentlich? Es geht um die Tatsache, dass unsere Spanisch sprechenden Horror-Regisseure viel eher dazu neigen, mal was Neues auszuprobieren und es für gewöhnlich auch schaffen, einen mal wieder mit richtig schön Gänsehaut zu schocken. Trotzdem war ich eher skeptisch, als es darum ging, mir Gustavo Hernández‘ Film „The Silent House“ anzuschauen. Klang mir wie so eine „Haunted House“-Sache, auf die ich eigentlich keinen so große Lust hatte. Schließlich verläuft was alles nach Schema F:

Eine junge Frau namens Laura (Florencia Colucci) und ihr Vater Wilson (Gustavo Alonso) sollen ein altes Farmhaus in Stand setzen, damit der Besitzer (Abel Tribaldi) das gute Stück verkaufen kann. Doch kaum sind Laura und ihr Vater im Haus, hört die junge Frau merkwürdige Geräusche aus dem Obergeschoß. Und obwohl der Besitzer es ihnen verboten hat, die Treppe hinauf zu gehen, fleht Laura ihren Vater an, nach der Ursache der Geräusche zu schauen. Dumm nur, dass er Minuten später gefesselt und tot wieder auftaucht. Neben ihm liegt eine kleine Puppe und Kinderlachen erfüllt das Haus. Gemeinsam mit dem Besitzer, der irgendwann wieder auftaucht, versucht Laura nun selbst das Geheimnis des Hauses zu lösen.


Wie gesagt, die Tatsache, dass die Story doch sehr unspektakulär klingt, ließ mich lange überlegen. Auch der Verweis, dass es sich bei der Geschichte um eine wahre Begebenheit handele, zieht bei mir nicht mehr. Zu oft wird ja einfach nur eine winzig kleine Kleinigkeit aus „der wahren Begebenheit“ genommen und der Rest einfach dazu gedichtet. Ja, und da ist ja da immer noch diese Sache, dass „The Silent House“ eine einzige Plansequenz sein soll – kein einziger Schnitt, alles in einem Take.

Wo fange ich also an???

Beginnen wir wohl mit dem größten „Selling point“ des Films – Horror ohne Schnitt. Die Kamera geistert die ganze Zeit wie ein Voyeur um Laura herum. Anfangs dachte ich noch: „Naja, das mit der Wackelkamera wird doch hier wieder nichts!“ Aber im Gegenteil: Hernández hat da ordentlich Vorbereitung hineingesteckt. Klar fehlen die Totalen, in denen wir beispielsweise aus der Sicht des Unbekannten auf Laura schauen. Aber das stört ehrlich gesagt nicht, die gruseligen Effekte – Gestalten im Hintergrund, die auftauchen und dann wieder verschwinden – funktionieren auch ohne Schnitt. Natürlich hatte ich trotzdem meine mentale Strichliste dabei und da ich mich ja zum Glück ein wenig mit Videoschnitt auskenne, habe ich einige Stellen im Film gefunden, an denen man hätte schneiden können. Und ich bin mir sicher, dass Hernández diese Stellen auch genutzt hat. Tragisch ist das auf keinen Fall, der Film bleibt trotzdem immer noch eine langer Take. Zwar ein wenig verwackelt, aber sehr, sehr wirkungsvoll.

Wirkungsvoll ist „The Silent House“ aber auch wegen der packenden Story. Angeblich soll dieser Fall in den 40er Jahren in einem kleinen Kaff in Uruguay tatsächlich passiert sein. Leider konnte die Polizei den Fall nie aufklären, trotz Leichen und merkwürdigen Polaroids im Haus. Hernández will mit „The Silent House“ in Echtzeit die letzten 78 Minuten dieses Falls erzählen. Und das macht er echt verdammt gut. Klar, wir haben wieder die Klassiker: merkwürdige Klopfgeräusche, Kinderlachen, Musik, die plötzlich angeht, Schatten, die hinter Laura vorbei laufen. Aber Hernández verbindet all diese Elemente so gekonnt miteinander, dass man hier und da schon heftig zusammenzuckt. Dazu kommt, dass man genau wie Laura nur im Dunkeln herumtappt… selbst die Auflösung bleibt verworren und hinterlässt mehr Fragen als Antworten. Trotzdem ist es unheimlich spannend, Laura dabei zu beobachten, wie sie das „Silent House“ erforscht und dessen dunkle Geheimnisse aufdeckt.

Von der technischen Seite her ist „The Silent House“ wirklich grandios – ich glaube zwar die One-Take-Geschichte nicht wirklich, aber es ist sehr wirkungsvoll. Von der erzählerischen Seite betrachtet ist Hernández‘ Film zwar nicht äußerst originell, bleibt aber trotzdem extrem spannend. Schade nur, dass zum Ende hin alles ein wenig verwirrend wird.
Aber egal… wer sich mal wieder so richtig schön gruseln will, der sollte dem stillen Haus in Uruguay mal einen Besuch abstatten.

Wertung: 8 von 10 Punkten (zwar ist dieses Haus nie wirklich still, aber egal – es ist scheiße gruselig und das ist verdammt gut so)

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6 Kommentare leave one →
  1. 13. Januar 2012 21:28

    Ich weiß nicht, mir hatte er nicht besonders gefallen, auch wenn er gute Ansätze hatte. Trotz der nur 79 Minuten fand ich ihn unendlich lang :))

    • donpozuelo permalink*
      14. Januar 2012 00:18

      Echt??? Mir hat die Tatsache gut gefallen, dass sie das technisch besser umgesetzt haben, als ich mir das gedacht hatte. Trotz nur einer Kamera schaffen die Macher es trotzdem, gut die Spannung aufzubauen.

      Und wie man so sieht, hat Hollywood ja Gefallen an dem Film gefunden und bringt uns demnächst ein Remake in die Kinos.

      • 14. Januar 2012 15:06

        Ja, vom Remake habe ich gehört und war ziemlich erstaunt.
        Zum Original darf ich natürlich nicht verschweigen, dass er OmeU lief und die Untertitel asynchron waren :-))
        Das mag mein Urteil etwas nach unten verschoben haben.

        • donpozuelo permalink*
          14. Januar 2012 16:44

          Oh ja, das könnte gut möglich sein. Ich habe die deutsche Synchronisation gesehen und das war auch okay. Wird ja eh nicht so viel gesprochen 😉

  2. 22. Januar 2012 12:33

    Das wäre jetzt also das Original, von dem du neulich gesprochen hast…werde ich mir demnach mal ansehen. Und dann das Remake.

    • donpozuelo permalink*
      22. Januar 2012 12:56

      Genau, das ist das Original 😉 Sehr zu empfehlen.

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