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Kinderkram

19. Dezember 2011

Ich war auch mal in einer Gang. Früher im Kindergarten. Da gehörte mir die ganze rechte hintere Ecke des Spielplatzes. Das waren wilde Zeiten. „Krieg“ führen gegen andere Gangs, Mädchen ärgern, rum albern. Aber so ein Leben in einer Gang war nicht immer nur Zuckerschlecken. Mit dem hohen Amt des „Gang-Anführers“ gab es auch gefährliche Situationen zu bestehen. Vor allem gegen andere Gangs. Da ging es dann auch schon mal heftig hin und her. Da wurden Schaufeln, Eimer, Bälle oder Roller geklaut, um die Machtpositionen zu klären. Einmal ging das auch richtig schief. Während ich dem einen einen gekonnt geformten Sandhaufen ins Gesicht warf, revanchierte der sich mit einem gekonnten Schlag auf den Kopf. Mit seiner Schaufel. Zwar hatte er damit gewonnen, der wahre Sieger war aber ich: Die Stelle musste mit drei Stichen genäht werden und ich hatte eine coole Narbe, mit der ich angeben konnte.

Dass diese Geschichte irgendwelche Nachwirkungen (Bestrafung, etc.) hatte, kann ich nicht behaupten. Im Gegenteil, nichts passierte. Was soll man da auch machen? Kinder sind halt so. Man prügelt sich, danach hat man sich wieder gerne. Eine Tatsache, die eigentlich jeder kennen sollte. Aber es gibt halt auch immer wieder die Eltern, die sich für was besseres halten, die solche Dinge ausdiskutieren müssen. So merkwürdige Eltern halt. Eltern wie in Roman Polanskis „Der Gott des Gemetzels“.

Hier fängt alles so an, wie in meiner kleinen Anekdote: Ein Junge schlägt einem anderen mit einem Stock zwei Zähne aus. Und schon treffen sich die Eltern, um die Lage zu diskutieren. Die Eltern des „Opfers“ sind Penelope (Jodie Foster) und Michael Longstreet (John C. Reilly), die des „Täters“ sind Nancy (Kate Winslet) und Alan Cowan (Christoph Waltz). Die Longstreets, sie Möchtegern-Autorin, er besitzt einen Laden, haben die Cowans, sie Investmentbroker, er Anwalt, zu sich eingeladen. Was anfängt als Problemlösungsversuch, wird zu einem erbitterten Krieg… jeder gegen jeden. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Ein nettes kleines Wohnzimmer… mehr braucht Roman Polanski nicht, um einen Krieg vom Zaun zu brechen. Dabei fängt alles so harmlos an, beide Parteien versuchen noch, nett zu bleiben, aber irgendwann ist eine Grenze überschritten und dann geht es los: Ehepaar gegen Ehepaar, Mann gegen Frau, Mann gegen Mann, Frauen gegen Männer. Die Möglichkeiten, die dieses Vierergespann bietet werden voll ausgenutzt. Zum Glück für uns hat Polanski bei dieser Adaption eines Theaterstücks das Wichtigste bedacht: Wenn ein Film sich nur über die Dialoge beweisen kann, dann braucht es a) grandiose Dialoge, sprich: ein gutes Skript und b) grandiose Schauspieler, die ohne viel Drumherum ihre Figuren glaubwürdig spielen können.

Zu Punkt A kann man nur sagen, dass Polanski gemeinsam mit der Autorin von „Le dieu du carnage“, Yasmina Reza, das Drehbuch zu „Gott des Gemetzels“ geschrieben hat. Von daher kann man wohl davon ausgehen, dass das bereits gefeierte Theaterstück eine gutes Filmdrehbuch erhalten hat.

Zu Punkt B braucht man eigentlich gar nichts zu sagen, sondern kniet nur vor der weisen Entscheidung Polanskis nieder. Jodie Foster, Kate Winselt, John C. Reilly und Christoph Waltz!!! Besser hätte man es nicht machen können. Es mag jetzt ja fast schon wie ein Klischee klingen, aber Waltz ist göttlich. Ständig hockt der Mann mit seinem Handy am Ohr irgendwo rum, interessiert sich eigentlich nicht wirklich für den Kinderkram, den Spießerin Jodie Foster hier veranstaltet.

Die Dynamik zwischen den einzelnen Figuren ist grandios… Polanski kocht hier die bitterböse Filmüberraschung des Jahres: erst langsam vorköcheln, dann kochen lassen, bis alles explodiert. Man kann muss es wirklich selbst gesehen haben: „Der Gott des Gemetzels“ ist großartig. Polanski beweist wieder einmal, dass er ein Gefühl für seine Schauspieler hat und sie so anweist, dass sie einfach nur gut sein können. „Der Gott des Gemetzels“ zerreißt die lang erarbeiteten Masken des Spießertums, des Biederen und zeigt uns die wahre Natur des Menschen: In die Ecke gedrängt, schlägt er um sich, reißt alles nieder, was ihm im Weg steht. Keine Rücksicht auf Verluste.

Mit den richtigen Schauspielern (zu Recht haben sowohl Winslet als auch Foster ihre Golden Globe-Nominierung erhalten) ist aus „Der Gott des Gemetzels“ eine herrlich ironische Farce geworden, die man nicht verpassen sollte.

Wertung: 9,5 von 10 Punkten (Polanskis Gott des Gemetzels kennt kein Erbarmen)

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16 Kommentare leave one →
  1. 19. Dezember 2011 08:05

    Das klingt großartig!!! Ist der schon in den Konos? Hab ich gar nicht mitgekriegt

    • donpozuelo permalink*
      19. Dezember 2011 09:41

      Ja, der läuft schon seit bestimmt zwei Wochen. Nur komischerweise ohne die würdige Werbung dazu. Das ist wirklich eine der besten Komödien des Jahres, wenn nicht sogar die beste!!!

  2. 19. Dezember 2011 12:08

    Wird angelugt.

  3. 19. Dezember 2011 14:33

    Mensch! Jetzt geh ich wirklich endlich mal in diesen Film. Ich höre nur großartige Kritiken.

    • donpozuelo permalink*
      19. Dezember 2011 17:23

      😀 Man kann auch nichts anderes tun, außer diesen Film loben!!! Wirklich gute Unterhaltung!!!

  4. 19. Dezember 2011 18:34

    *hust* Carnage *hust*…und wieder mal ist ein Artikel von dir besser als jeder blöde Möchtegernnazizeitungskritiker

    • donpozuelo permalink*
      19. Dezember 2011 20:24

      Oh schaue auf den Titel des Originals „Le dieu du carnage“. So weit mein Französisch reicht, könnte man das wohl so halb mit „Der Gott des Gemetzels“ übersetzen 😉 Aber ich verstehe schon, was du meinst. Die Abneigung gegen die Verleiher-Willkür, sich dem Original-Titel anzunähern, geht mir auch sehr häufig auf den Sack.

      Ach ja und danke bezüglich der Möchtegernnazizeitungskritikerbevorzugung 😉 I like…

  5. 20. Dezember 2011 13:19

    Wäre wohl einen Blick wert, man hört ja nur gutes. Und zumindest bei dir kann ich mich ja darauf verlassen, dass das auch was zu sagen hat. 😉

    • donpozuelo permalink*
      20. Dezember 2011 18:45

      😀 Danke, danke!!! In diesem Fall darfst du aber auch ruhig den anderen glauben.

  6. 21. Dezember 2011 17:27

    ich kann mich deiner rezension nur anschließen, war von den dialogen begeistert, wie sie in so kurzer zeit dazu geführt haben, dass sich die „zivilisierten“ Menschen so gehen lassen 🙂

    obwohl mich noch interessieren würde, wie der film im direkten vergleich zum theaterstück abschneidet.

    jedenfalls super rezension, genau meinen geschmack getroffen!

    • donpozuelo permalink*
      21. Dezember 2011 19:07

      Willkommen!!!

      Der direkte Vergleich zum Theaterstück würde mich auch noch interessieren. Aber da die Autorin des Stücks mit Polanski das Drehbuch geschrieben hat, gehe ich ganz stark davon aus, dass das Theaterstück sehr gut umgesetzt wird.

  7. 13. Januar 2012 21:17

    Habe ich mich noch nicht rangetraut, weil ich so hysterische Filme eigentlich überhaupt nicht mag. Die Ausschnitte fand ich ja schrecklich.

    • donpozuelo permalink*
      14. Januar 2012 00:23

      So hysterisch ist der Film nun auch wieder nicht. Gut, vielleicht ein bisschen. Aber es ist gute Hysterie! 😀 Sehr komischer Film, dem musst du einfach eine Chance geben.

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