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Allein im Wald

18. November 2011

Es kommt mir ein wenig so vor, als wenn wir in letzter Zeit mehr und mehr Regisseure antreffen, die sich trauen, ihre Filme äußerst minimal auszustatten. Will sagen: Ich habe schon lange nicht mehr so viele One-Man-Shows gesehen. Wir hatten da zum Beispiel „Buried“, in dem Ryan Reynolds sich in einem dunklen Sarg wiederfindet. Als Experiement in Sachen Kameraperspektiven ein herausragender Film, der es trotz seiner „Eingeschränktheit“ geschafft hatte, spannend zu sein. Danach kam dann Danny Boyles „127 Hours“. Statt einem Sarg befand sich James Franco mit einem Arm unter einem Felsbrocken in einer Erdspalte wieder. Damit sich „127 Hours“ nicht nur James Franco in Bedrängnis zeigte, durften wir teilhaben an den Durst- und Einsamkeitshalluzinationen des verunglückten Wanderers. Beide Filme sind großartige Beispiele dafür, dass sich ein Film lohnen kann, auch wenn es eigentlich nur einen einzigen Schauspieler darin gibt. Und es ist sicherlich sowohl für Regisseur als auch für den Schauspieler eine schwierige Aufgabe.

Einer, der sich nun an ein ähnliches Projekt gewagt hat, ist Michael Greenspan. In seinem Film „Wrecked“ lässt er Adrian Brody ohne Erinnerung in einem verunglückten Auto mitten im Wald aufwachen. Die Beifahrer sind tot, und unser Gedächtnisloser unterm Armaturenbrett eingeklemmt. Was los ist, erfahren wir gar nicht. Als sich der Mann nach einer Weile und aus Angst vor den wilden Tieren des Waldes aus dem Auto befreien kann, lernen wir etwas über seine Vergangenheit. Doch was hat die Tasche voller Geld und die Frau, die dem Namenlosen immer wieder begegnet, wirklich zu bedeuten?

Wie schon gesagt, „Wrecked“ ist eine Adrian-Brody-One-Man-Show. Wir sind nur die stummen Beobachter von Brodys Leiden. Erst im Auto, dann im Wald – immer nur Brody. Im Gegensatz zu den beiden oben genannten Filmen erlaubt sich Michael Greenspan etwas mehr Bewegungsfreiraum und lässt den armen Brody mit gebrochenem Bein meilenweit durch den Wald robben. Und so wie Brody dabei aussieht, hat er sein ganzes Herzblut in diese Rolle gesteckt. Es ist wie es bei solchen Filmen eben ist: Funktioniert der Schauspieler nicht, funktioniert der Film nicht. Nun, Oscar hin oder her, aber Adrian Brody funktioniert. Von den Geistern seiner ihm unbekannten Vergangenheit gequält, von Pumas verfolgt robbt er sich mutig durch den Wald. Der einzige Freund – irgend so ein Hund (auch nur eine Einbildung?). Viel zu erzählen hat Brody in „Wrecked“ nicht. Aber viel zu tun. Was mich ja schon interessieren würde, ist, wie wohl seine Arme und Beine nach diesem Dreh ausgesehen haben müssen. 😉

Auf jeden Fall macht Brody seine Sache gut. Dem Film hilft es auch enorm, dass die Hauptfigur nicht die ganze Zeit an einem Fleck bleibt. So hat Greenspan die Möglichkeit seinen Protagonisten durch steile Hänge oder einen Fluss noch ein wenig mehr zu quälen. Dank Brodys Darstellung kann man als Voyeur, der man in diesem Film nun mal wird, mit leiden, mit bangen und mit hoffen.

Wo sich „Wrecked“ ein wenig schwer tut, ist die Story etwas schneller voranzutreiben. Im gleichen Tempo wie Brody robben wir uns nur sehr langsam an des Rätsels Lösung. Immer wieder tauchen kurze Flashbacks auf, Greenspan vertraut auf uns, durch kleine Hinweise falsche Schlüsse zu ziehen, um diese dann wieder zu korrigieren. In diesem Fall ist das für die Spannung des Films ganz gut, nur leider verpasst Greenspan den richtigen Augenblick, um es alles enden zu lassen. Stattdessen robben wir uns noch ein wenig weiter durch den Wald, den Dreck und Morast.

Aber gut, sagen wir einfach mal, dass sich Greenspan selbst ein wenig in der Natur und in seinem Hauptdarsteller verloren hat, dann können wir es ihm auch verzeihen, dass sein Film ein wenig zu lang geraten ist. Alles andere ist nämlich top: Kameratechnisch hat er sich viel bei den genannten (und wohl auch nicht genannten) Vorgängern abgeschaut und so zeigt uns Greenspan einen leiden Adrian Brody aus den unterschiedlichsten Kameraperspektiven, untersetzt das Ganze minimal mit Musik und lässt seinen Schauspieler die Hauptarbeit machen.

„Wrecked“ ist ein Film, dem man sich vielleicht einmal anschaut, ihn für gut befindet, aber trotzdem nicht so gut, als dass man ihn noch einmal sehen würde. Schwer zu sagen, was es mit „Wrecked“ wirklich auf sich hat. Brody ist toll, die filmische Umsetzung der Geschichte ist es auch, aber das große Ganze hätte ein wenig besser sein können. Ein wenig mehr Dramatik hätte „Wrecked“ schon gut getan. Trotzdem kann man sich den Film mal anschauen.

Wertung: 6 von 10 Punkten (nach diesem Film war Brody sicher bereit für die Army – Survival-Training bestanden)

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4 Kommentare leave one →
  1. 19. November 2011 01:58

    Schon der Trailer hat mich aufhorchen lassen. Aber nur kurz. Jetzt bin ich wieder am Film interessiert. Irgendwie mag ich Brody in solchen Rollen (z.B. in „The Jacket“).

    • donpozuelo permalink*
      20. November 2011 14:08

      Stimmt, „The Jacket“ war eigentlich auch ziemlich gut – trotz Keira Knightley 😉

  2. 21. November 2011 22:23

    hm, ich weiß nicht. vielleicht gebe ich der zweiten hälfte, in der ich immer wieder eingenickt bin noch mal ne chance :))
    the jacket fand ich auch nicht so doll.

    • donpozuelo permalink*
      21. November 2011 23:47

      😀 Gib der zweiten Hälfte nicht die Schuld am Einnicken und versuch’s einfach noch mal. An und für sich ist „Wrecked“ ganz okay!

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