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In trauter Zweisamkeit

14. November 2011

In dem Moment, als ein neuer Planet am Himmel erscheint, wird eine junge Frau in einen Abgrund gestoßen. Sie zerstört eine Familie und verliert sich in Selbstzweifel und Schuldgefühlen. Warum hat sie es nur getan??? Dieser verfluchte Planet, der Tag und Nacht wie ein falsches Bild am Himmel klebt, ist doch eigentlich an allem Schuld. Aber trotzdem ist sie diejenige, die darunter zu leiden hat. Dieser verfluchte, blaue Planet!!!

Blauer Planet? Schuld? Junge Frau? Keine Sorge, ich schreibe hier keinen zweiten Text zu Lars von Triers „Melancholia“. Obwohl es schon witzig ist, wie sehr das Thema Science Fiction und Drama in letzter Zeit interpretiert werden. Vor allem wenn man bedenkt, dass man „Melancholia“ irgendwie gar nicht als Science Fiction bezeichnen kann. Es erscheint nur ein neuer Planet am Himmel, der langsam auf die Erde zufliegt und irgendwann mit ihr kollidiert. Science Fiction sieht dann doch ein wenig anders aus. Schließlich hat in „Melancholia“ kein Mensch Kontakt zu diesem Planeten, man weiß eigentlich gar nichts über diesen Planeten. Ist er bewohnt? Wenn ja, sind seine Besucher genauso in Panik wie Kirsten Dunst und Charlotte Gainsbourgh oder haben die Bewohner von „Melancholia“ möglicherweise ihren Planeten rechtzeitig verlassen können? Mit diesen Fragen wäre Lars von Triers Film etwas mehr Science Fiction gewesen. Aber der Däne lässt solche Sachen außen vor.

Aber wir reden ja schließlich nicht über „Melancholia“, sondern über einen anderen Film mit ähnlichem Thema. Eigentlich bin ich auf den Film eher durch Zufall gestoßen, aber die Gemeinsamkeiten zu „Melancholia“ machten mich neugierig. Als ich dann erfuhr, dass es zum Glück auch zahlreiche Unterschiede gibt, war der Entschluss, sich Mike Cahills „Another Earth“ anzuschauen fest.

Wie gesagt, auch in „Another Earth“ erscheint auf einmal ein blauer Planet am Himmel. Doch der Titel gibt es schon weg, dieser Himmel ist unsere Erde. Oder ein Spiegelbild. Oder so etwas wie ein Erdenzwilling mit den gleichen Kontinenten, den gleichen Städten und den gleichen Menschen – die Erde 2 quasi. Doch um diesen Erdenzwilling geht es nur im Hintergrund. Er ist nur Auslöser für ein Drama auf unserer Erde: Die junge Rhoda (Brit Marling) wollte eignetlich nur die Tatsache feiern, dass sie an der M.I.T. angenommen wurde. Angetrunken fährt sie abends nach Hause und starrt während der Fahrt auf diesen neuen Planeten am Himmel. Dadurch rast sie mit voller Wucht in den Wagen des Musikprofessors John (William Mapother). Der Unfall kostet Johns Frau und Sohn das Leben, John fällt in ein Koma und Rhoda kommt ins Gefängnis. Nach vier Jahren kommt sie frei und will sich bei John entschuldigen. Doch statt ihm zu sagen, wer sie ist, gibt sie vor, Haushälterin zu sein. So kommt sie jede Woche in Johns Haus, macht dort sauber und wird für den trauernden Witwer zu einzigen Bezugsperson, zur einzigen Freundin. Eine Tatsache, die es für Rhoda nur noch schwieriger macht, John ihr Geheimnis zu verraten.

„Another Earth“ ist Mike Cahills Debüt und ein gelungenes dazu. Ähnlich wie bei „Melancholia“ geht es vordergründig um das menschliche Drama. Wie lange hält eine Beziehung, die auf einer Lüge aufbaut? Wie lange kann Rhoda es schaffen, ihr Geheimnis für sich zu behalten. Der nötige Abstand zwischen ihr und John geht mit jeder Filmminute verloren. Erst sind es die Spiele auf der Wii, dann spielt er ihr seine Musik vor und ehe sie sich versieht, braucht Rhoda John genauso sehr wie er sie. Nur kann er sie jemals lieben??? Cahill erzeugt seine Spannung immer wieder um diesen inneren Konflikt in Rhoda: Wird sie es sagen? Muss sie es sagen? Was wird passieren?

Brit Marling und William Mapother (vielen ein Begriff als Ethan aus „LOST“) gelingt die Darstellung dieses ungleichen Pärchens auf sehr einfühlsame Weise. Natürlich ist das auf der einen Seite Marling und Mapother zu verdanken. Besonders Marlings Darstellung ist wirklich herzzerreißend und großartig. Auf der anderen Seite gelingt es Cahill diese Beziehung sehr behutsam und gefühlvoll darzustellen. „Another Earth“ ist ein unheimlich romantischer, tragisch-schöner Film, der sich viel Zeit für seine Figuren nimmt und sich eben immer wieder die Frage stellt: Kann und darf Rhoda diesen Mann lieben? Wie lange hält dieses wackelige Gerüst?

So romantisch wie „Another Earth“ ging es in „Melancholia“ lange nicht zu, und genauso sieht es auch beim Science Fiction-Teil aus. Natürlich dient auch in „Another Earth“ der neue Planet nur als Story-Auslöser. Aber durch Nachrichtenbeiträge, die irgendwo im Hintergrund laufen, werden wir fortwährend über diesen Erdenzwilling aufgeklärt und die Möglichkeiten, die dahinter stecken. Ich will nicht zu viel verraten, aber alle „Fringe“-Jünger, die diesen Artikel lesen, werden eine Ahnung haben, worum es letztendlich gehen könnte.

Ich mochte „Melancholia“ sehr, aber nachdem ich „Another Earth“ gesehen habe, wähle ich unseren Erdenzwilling. Mike Cahills Debüt hat eine unglaubliche Anziehungskraft und lässt den Zuschauer nicht wieder los. Er führt seine Schauspieler sehr gekonnt durch dieses Kammerspiel der Gefühle, baut behutsam die Spannung auf und lässt „Another Earth“ zu einem wunderschönen Filmerlebnis werden.

Wertung: 9,5 von 10 Punkten (im Kampf „Neuer-Planet-am-Himmel-verursacht-Gefühlschaos-auf-unserer-Erde“ gewinnt „Another Earth“)

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10 Kommentare leave one →
  1. 14. November 2011 06:54

    Ich liebe die Prämisse. Und ich liebe es, wenn so ausserordentliche Tatsachen unspektakulär und fast nebensächlich behandelt werden. Muss ich mir demnach mal anschauen.

    • donpozuelo permalink*
      14. November 2011 07:00

      Mach das. Ist wirklich ein toller Film und dass die außerordentliche Tatsache, wie du es nennst, halt nur im Hintergrund läuft, macht alles andere echt umso spektakulärer. Kann ich nur wärmstens empfehlen!

  2. 15. November 2011 22:39

    Oh, habe ich bislang völlig missachtet. muss ich sehen 😀

    • donpozuelo permalink*
      16. November 2011 10:33

      Ja, für alle die „Melancholia“ gesehen haben, dürfte das eine andere Sichtweise auf das Thema bieten 😉

  3. Sebastian Schuster permalink
    2. Dezember 2011 12:43

    Mit deiner Wertung gehe ich sowas von mit. Dieser Film schafft es, nicht nur schön auszusehen und zu verstören, wie Melancholia, sondern schön auszusehen, zu verstören und zu inspirieren. Und dank einer bezaubernden Brit Marling bekommt die Charakterstudie und -entwicklung eine besondere Tiefe. Hut ab!

    • donpozuelo permalink*
      2. Dezember 2011 12:57

      😀 Ich wusste doch, dass dir der Film zusagen wird!!!

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