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Fange niemals was mit deinem Therapeuten an!

9. November 2011

Ich mag Michael Fassbender. Ich halte den Mann ja für den Robert DeNiro unserer Zeit. Ein vielschichtiger Mann, der ja selbst vor Method Acting Methoden des Abmagerns (für Steve McQueens „Hunger“) nicht zurückschreckt. Fassbender hat sich dabei, wenn man es mal ganz genau betrachtet, heimlich still und leise in die oberen Ränge geschauspielert. Und ich finde es echt unglaublich, wenn man mal so schaut, wo Fassbender schon überall mitgemischt hat. Er war ein Spartaner in „300“, entführter Zenturio in „Centurion“, fieser Cowboy in „Jonah Hex“, entehrter Ehemann in „Eden Lake“, magnetischer Bösewicht in „X-Men: First Class“ und hatte sogar das Vergnügen in Tarantinos „Inglourious Basterds“ mitzuspielen. (Gut, vielleicht keine Rollen, die ein DeNiro genommen hätte, aber auch wenn manche Rollen nur Nebenrollen waren, füllte Fassbender sie immer mit großer Leinwandpräsenz aus.)

In „Inglourious Basterds“ will ihn dann auch David Cronenberg gesehen haben. Als englischer Offizier mit Bärtchen schien er für Cronenberg wie geschaffen für die Rolle als Carl Gustav Jung. In „A Dangerous Method“ (dt.: „Eine dunkle Begierde“) spielt Fassbender den jungen Jung, der an einer psychiatrischen Klinik in Zürich die hysterische Sabine Spielrein (Keira Knightley) behandelt – natürlich mit neuen Methoden, die stark an die Lehre von Sigmund Freud (Viggo Mortensen) angelehnt ist. Somit stehen Jung und Freud auch in engem Kontakt zueinander, eine Freundschaft entsteht, die auf die Probe gestellt wird, als Jung eine Affäre mit Spielrein anfängt.

Dass Cronenberg nicht mehr nur auf Horror macht, ist schon seit seinen letzten zwei Filmen klar. Mit „Eine dunkle Begierde“ geht er noch einen Schritt weiter – statt Thriller nun eigentlich fast so was wie ein Liebesdrama. Und dazu noch ein schwer dialoglastiges. Ursprünglich wurde, so Cronenberg, ein Drehbuch über Spielrein für Julia Roberts geschrieben. Die Roberts stieg dann aber aus und das Filmdrehbuch wurde zu einem Theaterstück. Aus diesem Theaterstück ist nun das Drehbuch geworden. Und man merkt es schon sehr.

Der Film besteht eigentlich nur aus den drei Rollen – Mortensen, Fassbender und Knightley. Irgendwann taucht mal ganz kurz Vincent Cassel auf, verschwindet aber genauso schnell wie er gekommen ist. Dadurch dass auch die Handlungsorte sich auf das Hospiz und Freuds Zimmer beschränken, steht und fällt alles mit den Schauspielern.

Viggo Mortensen (seit „A History of Violence“ und „Eastern Promises“ eh ein Cronenberg Protegé) spielt den Freud, wie ich ihn mir so gar nicht vorgestellt hätte. Er wirkt mit seinen Zigarren und seinem Rauschebart wie die Vaterfigur für Jung. Immer ein wenig von oben herab, immer ein wenig klugscheißerisch, immer irgendeinen Rat für den jungen Psychologen. Michael Fassbenders Jung ist da der dynamischere Part des Duos, muss er ja auch sein. Schließlich ist er ein eifriger Jünger Freuds… zumindest bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Fassbender spielt toll. Punkt. Aus. Ende. Das Motto „Bruder vor Luder“ wird zu einer schweren Zerreißprobe und Fassbender bringt das hervorragend rüber. Die Bürde, das verbindende Glied zwischen den beiden anderen Figuren und gleichzeitig Dreh- und Angelpunkt der Geschichte zu sein, trägt Fassbender mit Leichtigkeit.

Mortensen und Fassbender als Freud und Jung – da wäre man vielleicht nicht sofort drauf gekommen, aber es funktioniert. Die Beziehung zwischen den beiden verläuft anfangs noch gut, wird dann aber durch Spielrein auf eine harte Probe gestellt. Nun wissen ja einige, die diesen Blog regelmäßig besuchen, dass ich für gewöhnlich kein großer Keira Knightley-Fan bin. Eigentlich trifft eher das Gegenteil zu, aber was Knightley hier abliefert, ist schon großes Kino und zeugt doch davon, dass die Frau ihr Handwerk versteht. Ob nun hysterisch oder masochistisch, ob braves Mädchen oder wildes Biest – Keira Knightley schafft noch jede Transformation, die ihr das Drehbuch aufbürdet.

David Cronenberg hat in jedem Fall eine gute (Schauspieler-)Wahl getroffen – etwas, dass für einen Film wie „Eine dunkle Begierde“ unabdingbar ist. Der Film ist Theater, Worte regieren das Geschehen, Spannung kann nur entstehen, wenn die Schauspieler ihre Gefühle auch dementsprechenden darstellen können. Und all das schafft Cronenberg. Sicherlich wird er seine Horror-Fangemeinde mit diesem Film ein wenig vor den Kopf stoßen – zu cineastisch, zu Arthouse, könnte man meinen. Aber so soll es doch auch sein, anders könnte man das Thema wohl auch gar nicht umsetzen. Von daher ist „Eine dunkle Begierde“ ein gelungenes Porträt einer verzweifelten Liebe.

Wertung: 8 von 10 Punkten (fesselndes Psychodrama mit großartigen Schauspielern)

10 Kommentare leave one →
  1. 9. November 2011 11:00

    Wusste gar nicht, dass der jetzt schon draußen ist. 😯

    Jetz kann ich es noch weniger erwarten, mir Cronenbergs neuestes Werk anzusehen. Gerade was das Spiel zwischen Fassbender und Mortensen angeht.

    • donpozuelo permalink*
      9. November 2011 13:20

      Der kommt ab 10. November in die Kinos!!! Ich durfte den ja schon ein wenig sehr viel früher sehen (ich glaube, anfang Oktober oder so). Aber der ist echt gut. Halt mehr was für den Cineasten, aber trotzdem unheimlich gut. 😉

  2. 11. November 2011 10:37

    Es muss ja nicht unbedingt Horror sein…aber nach History of Violence und Eastern Promises hätte ich schon gerne wieder etwas in der Art gehabt.

    • donpozuelo permalink*
      11. November 2011 14:16

      Ja, ich hatte auch Hoffnungen. Aber „A Dangerous Method“ ist gut… und vielleicht braucht Cronenberg einfach mal ein etwas ruhigeres Filmchen, um dann wieder richtig durchzustarten.

  3. 11. November 2011 17:33

    Ich bin sehr gespannt, passt auch zum Studienfach. 😉 Von daher werde ich mir den nächste Woche mal zu Gemüte führen. Fassbender empfiehlt sich wohl jedenfalls für Big Points in der diesjährigen Awards Season – ob nun mit „A Dangerous Method“ oder „Shame“, dürfte dabei ja egal sein.

    • donpozuelo permalink*
      11. November 2011 19:22

      Ich tippe aufs Studienfach „Psychologie“ 😛 Aber egal welches Studienfach, der Film lohnt sich schon. Fassbender ist tatsächlich gut, ich schätze jedoch, dass eine echte Award-Chance eher bei „Shame“ liegt. Was ich von dem Film gehört habe, macht ja richtig Lust darauf.

Trackbacks

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