Zum Inhalt springen

Arschlochkinder

28. Oktober 2011

Lieber Mr. James Watkins,

ich darf Ihnen dazu gratulieren, dass Sie mir eine schlaflose Nacht beschert haben. Nicht etwa, weil ich unsterblich in Sie verliebt bin. Das ganz, ganz bestimmt nicht, sondern weil Sie es geschafft haben, einen Film zu drehen, der mich noch nachhaltig beschäftigt hat. Und mir Angstschweiß auf die Stirn getrieben hat. Das ist wahrlich etwas Neues bei mir, denn für gewöhnlich gucke ich mir alles an und vertrage auch alles. Solange ich dieses Hintertürchen habe – dieses Hintertürchen der Fiktion. „Ist eh alles nicht real!“ Schwupps, und schon kann ich selbst die krassesten Horrorgeschichten ertragen. Geister, Monster, Aliens… alles kein Ding. Aber was Sie da machen, verschließt meine Safety-Tür. Felsenfest. Schließlich geht’s bei Ihnen um ganz normale Menschen.

Ein Mann namens Steve (Michael Fassbender) und seine Freundin Jenny (Kelly Reilly) fahren zum Urlaub an einen See. Dort gibt es aber diese blöden Arschlochkinder, die erst den Autoreifen durchstechen, dann sogar das Auto klauen und sich schließlich mit Messern an Steve vergehen. Ich gebe zu, anfangs dachte ich, „Eden Lake“ würde einer von diesen „rape-and-revenge“-Geschichten werden, aber das kommt Ihnen gar nicht in den Sinn. Sexuelle Anspielungen gibt es kein einziges Mal. Ihnen ist es viel wichtiger, diese Arschlochkinder zu zeigen, die scheinbar aus purer Langeweile anfangen, Menschen zu quälen.

Dass Erschreckende an „Eden Lake“ und vor allem das, was meinen Puls so hoch gebracht hat, ist, dass Ihr Film in keinster Weise dem Klischee eines typischen Rachefilms verfällt. Hier bleibt Opfer fast immer Opfer. Nur zwei Mal schafft es die arme Jenny, sich gegen ihre Peiniger durchzusetzen. Sonst wird sie immer weiter und weiter durch den Wald am See getrieben. Das wird rasant, spannend und vor allen Dingen nahe an der Ekelgrenze inszeniert.

Es gibt nur eine Sache, die mir bei „Eden Lake“ schon ein wenig Kopfzerbrechen bereitet hat: Und Sie, Mr. Watkins, haben doch auch das Drehbuch geschrieben und Sie wollen ja offensichtlich einen gewissen Grad an Realismus. Aber wie realistisch ist die Ausgangsposition Ihres Films? Wenn jemand Ihren Reifen zersticht und anschließend sogar noch Ihr Auto klaut, würde es Ihnen dann nicht in den Sinn kommen, die Polizei zu benachrichtigen, den Urlaub abzubrechen und einfach nur das Weite zu suchen? Sind Sie wirklich so ein Möchtegern-Held wie es Michael Fassbender in „Eden Lake“ sein muss? Ich glaube, keiner wäre das. Der normale Menschenverstand gebietet es doch einfach – vor allem in einer Welt, in der immer mehr Arschlochkinder nach ein wenig „Ablenkung“ suchen – einfach beiseite zu gehen. Schon mal was gehört von „Der Klügere gibt nach!“? Das ist wirklich mein größter Kritikpunkt an Ihrem Film. Alles andere hat mir – wie schon gesagt – den Atem geraubt.

Der Realismus kommt in „Eden Lake“ vor allem in diesen Kids wieder. Einfach nur Stunk machen. Gleichzeitig taucht so ein wenig diese „Lord of the Flies“-Thematik auf: Kinder im Wald, die auf Befehl eines mal komplett durchdrehen. Man könnte so viel über dieses Thema nachdenken, aber vielleicht sollte man es lieber einfach sein lassen. Die Tatsache, dass so ein Szenario heutzutage gar nicht mehr so abwegig ist, ist gruselig genug.

Dazu gelingt es Ihnen auch noch einen bitterbösen Twist am Ende einzubinden, der einfach nur mal wieder zeigt, dass die eigentlichen Schuldigen im Verhalten der Kinder fast immer die Erwachsenen sind.

Lieber Mr. Watkins, Bravo! Ich habe „Eden Lake“ auf der Kante meines Sessels gesehen, unfähig auch nur mal kurz zu entspannen. Die Panne, die eigentlich alles auslöst, verzeihe ich Ihnen dank einer durchweg spannenden Inszenierung und einer großartigen Kelly Reilly.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Don

Wertung: 8 von 10 Punkten (der Film geht an die Nieren – Urlaub auf dem Land am See ist damit für mich gestorben)

16 Kommentare leave one →
  1. 28. Oktober 2011 08:56

    Jawohl, ich finde Eden Lake auch grossartig. Und beängstigend. Vorallem da das Ganze, wie du schon sagtest, so realistisch ist, dass es sogar in der Tageszeitung stehen könnte.

    • donpozuelo permalink*
      28. Oktober 2011 13:56

      Oh ja, bei all den Schlägereien, die immer wieder in den Zeitungen auftauchen, ist dieser Film wirklich nicht allzu weit von der Realität entfernt. Und das macht diesen Film sehr, sehr beängstigend.

  2. 28. Oktober 2011 13:17

    Ich habe mich bisher auch noch nicht an den Film herangewagt. Allerdings mag ich auch lieber Monster- oder Geisterhorror. Da weiß man wenigstens was man (nicht) hat.

    • donpozuelo permalink*
      28. Oktober 2011 14:12

      Ich habe auch lieber Monster-Horror, aber ich hätte jetzt auch nicht gedacht, dass „Eden Lake“ wirklich so ein krasser Film wird. So kann man sich täuschen.

  3. 28. Oktober 2011 15:15

    Da ich gern allein irgendwo im wald oder so Urlaub mache, gucke ich den Film lieber gar nicht erst…

    • donpozuelo permalink*
      28. Oktober 2011 16:09

      Uff, das ist definitiv auch besser so. Es bleibt trotzdem abzuwägen, dass du möglicherweise spätestens nach dem zerstochenen Autoreifen die Polizei rufen oder den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen würdest und abreist 😉

  4. 28. Oktober 2011 15:57

    Hört sich ein bisschen an wie „Funny Games (U.S.)“. Wenn „Eden Lake“ mir in die Hände fällt, wird er im Laufwerk landen.

    • donpozuelo permalink*
      28. Oktober 2011 16:10

      😀 Ich musste genau an deine Rezension zu „Funny Games U.S.“ denken. Schätze, so haben wir beiden jeweils einen fiesen Film nachzuholen.

  5. 31. Oktober 2011 08:36

    Oh…völlig vergessen, dass das ja Fassbender war. O_o

    • donpozuelo permalink*
      31. Oktober 2011 10:09

      Ja, das war Fassbender!!! 😉 Der Mann ist halt überall.

Trackbacks

  1. Fange niemals was mit deinem Therapeuten an! « Going To The Movies
  2. Life’s a Bitch « Going To The Movies
  3. Fieser Klingelstreich « Going To The Movies
  4. Potter auf Abwegen « Going To The Movies
  5. Einmal und nie wieder | Going To The Movies
  6. Nachts unterwegs | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: