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Aniki

14. Oktober 2011

Dass Takeshi Kitano es tatsächlich zum Schauspieler geschafft hat, grenzt manchmal schon an ein Wunder. Weniger verwunderlich wird es dann aber, wenn man bedenkt, dass er hauptsächlich in Filmen spielt, in denen er auch für die Regie verantwortlich ist. Dieser Mann hat ein Gesicht aus Stein – der verzieht nie auch nur eine Miene. Dazu dieser leicht gekrümmte Haltung, die O-Beine und die Tatsache, dass er eigentlich nie mehr als zwei oder drei Sätze pro Film hat – all das macht Kitano zu einem Schauspieler ohne viel Mimik und Gestik. Aber genau das macht ihn auch zum perfekten Yakuza-Darsteller. Die perfekte Tötungsmaschine ohne Gefühlsregungen. Wenn der Mann tötet, dann gibt er dem Begriff „kaltblütig“ eine ganz neue Definition.

Mit dieser Kaltblütigkeit baut sich der Yakuza Yamamoto (Kitano) im Film „Brother“ eine eigene Organisation auf. Weil seine Yakuza-Brüder in Japan in einen anderen Clan aufgenommen wurden, muss Yamamoto das Exil suchen. Schließlich will der neue Clan nichts mit ihm zu tun haben. Yamamoto geht daraufhin zu seinem kleinen Bruder nach L.A.. Yamamotos kleiner Bruder dealt auf niedrigstem Level mit Drogen – doch mit seinem großen Bruder (japanisch: Aniki) wird daraus schnell mehr. Yamamoto sammelt Leute um sich, geht gegen die Mafia vor und baut sich seinen eigenen kleinen Clan auf. Einen Clan, der den Zorn der Mafia auf den Plan ruft. Ein Krieg unter den Organisationen bricht aus.

Ich mag Yakuza-Filme. Es ist wie das Eintauchen in eine fremde Welt. Mit all den Mafia-Filmen sind wir ja mittlerweile richtige Experten in Sachen Mafia. Genügend Filme dazu haben wir ja gesehen – die großen Familien, die sich dem organisierten Verbrechen verschreiben. Bei den Yakuza sieht das ja alles ganz anders aus: Absolut strenge Hierarchie und absolute Loyalität. Hier definiert man sich nicht durch die Verwandtschaft, sondern durch seine Taten für den Anführer. Bei den Yakuza ist Loyalität dicker als Blut. Und auch in „Brother“ bekommen wir das zu spüren: Da wird Selbstmord begangen, um Loyalität zu beweisen. Da werden demütig kleine Finger mit Sushi-Messern abgeschnitten, um Patzer zu entschuldigen. Yakuza sind eine ganz andere Klasse als die Macho-Mafiosi. Hier herrscht Disziplin, Tradition und Ordnung.

Aber „Brother“ ist eben kein bloßer Yakuza-Thriller. Alles, was wir über die Yakuza erfahren, erfahren wir durch Rückblenden oder parallel verlaufende Handlungsstränge, die zeigen, wie Yamamotos Brüder in Japan zurechtkommen. Hauptsächlich dreht sich in „Brother“ alles darum, wie ein Japaner den amerikanischen Traum eines Tony „Scarface“ Montana neu definiert und dem US-Verbrechen die Yakuza-Note aufdrückt. In bester Godfather-Manier baut Yamamoto seinen Clan auf, bleibt aber trotz allem dieser zurückhaltende, äußerst schweigsame Typ, der so gut wie niemanden an sich ranlässt.

Damit sich aber auch die nicht so Kitano-affinen Zuschauer an „Brother“ erfreuen können, gibt es amerikanische Unterstützung von Omar Epps (ja, genau der aus „Dr House“). Epps darf den fast schon zu stereotypen schwarzen Bruder im Clan spielen. Dafür hat er auch die beste Nebenrolle als Monolog-Führer im Gespann Kitano-Epps erhalten.

„Brother“ ist ein brutaler Gangster-Film, der es aber trotzdem schafft, die für Kitano typischen stillen Momente aufrecht zu erhalten. Am ungewöhnlichsten ist wohl tatsächlich der schweigsame Yakuza, was aber die Rolle um einiges interessanter macht. Kitano liefert wieder den Beweis, dass weniger manchmal mehr ist.

Wertung: 8 von 10 Punkten (Kitano killt sich durch L.A. und ist der einzige mit Anstand)

3 Kommentare leave one →
  1. Luzifel permalink
    2. November 2011 09:15

    Interessanter Film – hab den gestern auf DVD bekommen und gleich geguckt.. Ich finde die Freundschaft zwischen dem Aniki und dem Schwarzen sehr cool und zwischendurch wie bunt gemischt die Gang da wird und trotzdem nach Yakuza aussieht..

    • donpozuelo permalink*
      2. November 2011 10:02

      Ja, hat der liebe Takeshi wieder mal gut hinbekommen. Die Beziehung zwischen Aniki und dem Schwarzen lockert das Ganze extrem auf. Dadurch das Takeshi ja wirklich eher ein „ruhiger“ Darsteller ist, hat er durch Omar Epps einen gelungenen Gegenpol.

Trackbacks

  1. Durch die Blume gesprochen « Going To The Movies

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