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Der Blaue Tod

10. Oktober 2011

Wenn Regisseure ein Problem haben, machen sie einen Film darüber. Überhaupt scheint es für Filmemacher ein einfaches zu sein, ihre Sorgen und Ängste durch Filme auszudrücken. Aber hey, dafür sind sie ja Filmemacher geworden. Ich glaube, die Beispiele für solche Filme sind zahlreich und so werde ich mich nicht lange damit aufhalten, sie alle aufzulisten (kann ja jeder für sich selbst machen, wenn er gerade nicht weiß, was er sonst machen soll 😉 ).

Neuestes Beispiel für die Art der filmischen Problembewältigung ist zweifelsohne Lars von Triers heiß debattierter Film „Melancholia“. Nach positiven Äußerungen zu Hitler hat der Mann ja eher unliebsam auf sich und seinen Film aufmerksam gemacht. Davon sollte man aber Abstand nehmen, denn nur weil der Mann hinter der Kamera ein paar Schrauben locker hat, kann der Film an sich immer noch gut sein. Und er ist es auch… auch wenn ich nicht genau beschreiben kann, wie sehr.

Nach seinem wirklich abstoßendem „Antichrist“ versucht von Trier also erneut mit seinen eigenen Depressionen umzugehen. Aber währen die Verstümmelungsorgie um Natur und Hexen wohl die extrem harte Variante war, damit umzugehen, zeigt uns von Trier mit „Melancholia“ die mit Wagner untermalte sanftmütige Weise. Dabei ist beim ihm der Anfang gleich das Ende: Die Erde wird von dem auf sie zufliegenden Planeten Melancholia zerstört. In einer Aneinanderreihung von extremen Zeitlupen, die ein paar umwerfend schöne und tiefsinnige Bilder zeigen, nimmt von Trier dem Weltuntergang seinen Schrecken. Mit Wagners „Tristan und Isolde“ gibt es dazu die passende musikalische Unterstützung, die der endgültigen Vernichtung allen Lebens nur noch mehr Dramatik verleiht. Doch dann wird alles schwarz. Und wir dürfen die letzten Tage vor der Apokalypse aus den Perspektiven zweier Schwestern noch einmal miterleben. Teil Eins erzählt von der depressiven Justine (Kirsten Dunst), die eigentlich ihre Hochzeit feiern sollte. Doch der feierliche Abend, den ihre Schwestern Claire (Charlotte Gainsbourg) und ihr Mann John (Kiefer Sutherland) geplant haben, wird zu einer Katastrophe – einer stillen Katastrophe. Eine Familie demontiert sich selbst: ein Vater, der nicht zuhört, eine Mutter, der alles vollkommen egal ist und eine Braut, die nicht weiß, was sie wirklich machen soll. Diese verzweifelte Frau findet am Ende nur ihre eigene Melancholie wieder. Teil Zwei erzählt dann von Claire. Eine Frau, die alles zu haben scheint. Doch ihre depressive Schwester und ihre dunkle Vorahnung, dass der schöne blaue Planet „Melancholia“ der Erde gefährlich werden könnte, machen auch Justine nach und nach fertig.

Lars von Trier dekonstruiert die Gesellschaft in „Melancholia“ auf fast schon anmutige Art und Weise. Man wird hier vergeblich nach den großen Tabubrüchen suchen, die uns noch mit „Antichrist“ geboten wurden. Durch die zwei Teil wird „Melancholia“ thematisch auch ein wenig geteilt. Der Justine-Hochzeit-Teil wirkt fast schon ein wenig wie eine Hommage von Triers an seinen Dogma-Kollegen Thomas Vinterberg und dessen „Das Fest“, in dem eine Familienfeier böse ausgeht. Teil Zwei beschäftigt sich dann vielmehr mit der Planeten „Melancholia“ und welche Auswirkungen der unmittelbare Weltuntergang auf die sonst so resolute Claire hat. Verbindendes Element beider Teile ist aber immer die Depression der Justine.

Mit Kirsten Dunst hat Lars von Trier die perfekte Justine gefunden. Mit viel Körpereinsatz und einer unvergleichlichen Leinwandpräsenz kann die gute Kirsten ihr Image als Freundin von „Spider-Man“ ablegen. Anfangs wirkt sie sehr undurchschaubar, aber schnell wird klar, dass diese Frau kein Interesse an dem hat, was um sie herum geschieht. Und so ist sie auch die einzige, die sich nicht vor dem fürchtet, was da auf sie zu kommt. Für Justine gibt es scheinbar nichts auf der Welt, was sie wirklich glücklich macht. Wie sollte so ein Mensch Angst vor dem Weltuntergang haben? Es ist doch die perfekte Lösung für all ihre Probleme. Neben Kirsten Dunst überzeugt auch die schon von Trier geschulte Charlotte Gainsbourg, die den Gegenpol zu Dunsts Justine ist. Sie ist diejenige, die versucht, Justine deutlich zu machen, dass sie sich für die Menschen um sie herum anstrengen soll, aber im Laufe des Films muss auch Claire erkennen, dass da nichts mehr ist, was sie retten kann. Auch wenn Lars von Trier hier zwei schwer gezeichnete Frauen als Hauptfiguren hat, sind sie die stärksten Figuren im Film. Alle anderen, vor allem die Männer in diesem Film, müssen sich – egal, wie stark sie zu sein scheinen – diesen Frauen ergeben.

Lars von Trier erzählt einen melancholischen Film, der einen vor allem wegen seiner beiden Hauptdarstellerinnen fesselt. Man möchte bei „Melancholia“ meinen, es wäre einer dieser langatmigen Arthouse-Filme, in denen viel geredet und wenig getan wird. Klar wird viel gerettet, aber durch die Mischung aus Gesellschaftsdrama, Katastrophenfilm und persönliche Geschichte kann man seinen Blick keinen Augenblick von der Leinwand entfernen. Vermisst habe ich nur die optische Bildgewalt, die Lars von Trier in den ersten Minuten des Films offenbart. Mit Wackelkamera und Videokamera-Optik (unscharfe Bilder, schnelle Zooms) leben auch in „Melancholia“ noch einige alte Dogma-Elemente weiter.

Der Blaue Planet „Melancholia“ ist genauso schön wie tödlich. Lars von Trier führt uns den Tod vor und wir haben keine Angst davor. Stattdessen starren wir mit offenen Augen und offenen Mündern hin und verlieren und darin. Ein wenig erschreckend, aber unheimlich schön.

Wertung: 9,5 von 10 Punkten („Melancholia“ zieht dich in seinen Bann und lässt dich nicht mehr los)

12 Kommentare leave one →
  1. 10. Oktober 2011 14:26

    Den muss man sicher lieben oder hassen, und du bewertest ihn so, wie ich erwartet habe, was mir schon ziemlich Lust macht, ihn mir auch noch anzuschauen. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      10. Oktober 2011 17:23

      😀 Freut mich. Aber du hast Recht, das ist ähnlich wie mit „The Tree of Life„. Entweder man mag es oder nicht. Aber während „Tree of Life“ wirklich sehr lang war, vergisst man bei „Melancholia“ die Zeit fast komplett.

  2. 10. Oktober 2011 22:19

    Du hast bei Teil zwei zweimal Justine statt Claire geschrieben.
    Eigentlich war ich ganz froh, dass von Trier den Stil vom Beginn nur punktuell eingesetzt hat, das wäre mir ansonsten zu schwer geworden. Ich fand die Handkamera so nah an den Menschen recht erfrischend und auflockernd. Wagner hatte mir wie gesagt hier gar nicht gefallen und die Dunst fand ich tausend mal besser als die Gainsbourg 🙂

    • donpozuelo permalink*
      11. Oktober 2011 09:15

      Oh Danke!!!
      Wenn der Stil vom Anfang die ganze Zeit im Film aufgetaucht wäre, wäre der Film ziemlich langatmig zu werden. Die Handkameras fand ich anfangs sehr gewöhnungsbedürftig, danach aber echt super. Wagner fand ich persönlich super… hat mich so ein wenig an die „Also sprach Zarathustra“-Nummer aus Kubricks „2001“ erinnert 😉

      Und ja, die Dunst war tausendmal besser!!!

  3. 19. Oktober 2011 14:53

    Ich fand beide Darstellerinnen richtig gut und habe so das Gefühl, dass Frau Dunst zu den Oscarnominierten zählen wird – warten wir diese Vermutung mal ab 😉
    Ich muss ihn noch sacken lassen, da ich im Moment wirklich nicht sicher bin, wie ich diesen Film einschätzen sollte. Eine Tortur wie Antichrist seinerzeit ist er ja gottseidank nicht geworden.

    • donpozuelo permalink*
      19. Oktober 2011 15:41

      Dunst schätze ich ähnlich ein wie du. Da steckt sicherlich noch der ein oder andere Preis drin. In Venedig hat sie ja schon abgesahnt.

      Den Film muss man wirklich ein wenig sacken lassen, aber bei mir hat das Sacken-Lassen nur noch zu mehr Freude geführt 😉

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