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23. September 2011

Science Fiction hat viele Formen, aber am vertrautesten ist es im Film doch immer noch dann, wenn Roboter oder Aliens irgendwas kaputt machen. Und die meisten Filme halten sich auch in irgendeiner Art und Weise an diese Beschreibungen. Da muss schon ein verrückter Vogel daher kommen, um einen Sci-Fi-Film zu machen, der gar nicht aussieht wie Sci-Fi. Verrückte Vögel hat Hollywood ja zum Glück genug und einer von ihnen hat mit seinem Debüt-Film bewiesen, dass Sci-Fi nicht zwangsläufig Raum und Zeit verlassen muss.

In seinem Erstling „Pi“ stellt uns Darren Aronofsky das Mathematiker-Genie Max (Sean Gullette) vor, der in seinem ganzen Tun drei Maximen hinterherjagt: 1) Mathematik ist die Sprache der Natur! 2) Alles um uns herum lässt sich in Zahlen ausdrücken! 3) Stellt man diese Zahlen graphisch dar, entstehen Muster: Folglich existieren überall in der Natur Muster! Diese Muster will Max mit Hilfe eines selbst konstruierten Computers auch in den Kursdaten des globalen Aktienmarktes finden. Bei einem Computerabsturz geht Max‘ Computer zwar flöten, vorher druckt er ihm aber noch eine 216-stellige Zahl aus. Sein ehemaliger Förderer Sol (Mark Margolis) erwähnt, dass ihm diese Zahl auch während seiner Forschung zur Zahl Pi untergekommen wäre. Eine unheimliche Zahl, die Max ziemlich schnell ernsthafte Kopfschmerzen und eine Schar von Verfolgern gibt. Da wären üble Burschen von der Wall Street, die die Zahl für ihre kapitalistischen Gelüste missbrauchen wollen und eine Gruppe kabbalistischer Juden, die die Zahl für den wahren Namen Gottes halten.

Die Frage, die sich da immer noch stellt, wo ist Aronofskys Film Science Fiction? Irgendwo zwischen mystischen Zahlenrätseln, verwackelten Handkamera-Bildern und bizarren Bohrer-Kopf-Fantasien versteckt sich die Frage, ob Max‘ Computer sich bei seinen Rechnungen womöglich seiner selbst bewusst geworden ist. Nach Max‘ Maximen wäre das durchaus möglich, schließlich definiert er Leben selbst in Mathematik. Und so ein Rechner ist ja auch nur Mathematik. Somit wäre die Prämisse Roboter/ Computer dreht am Rad irgendwie auch mit „Pi“ gegeben. Zugegeben, vom Erzählerischen her ist Aronofskys Debüt wirklich wirres Independent-Kino. Aber in seiner Machart erinnert es schon sehr stark an das, was mit „Requiem“, „Wrestler“ und Co. noch so alles kommen wird: Wackelkamera, diese Bauchkamera, bei der das Bild starr auf der Person steht und sich nur der Hintergrund bewegt und der gekonnte Gebrauch von Musik und Schnitt. „Pi“ ist wirres, schnelles Kopfkino mit schrillem Soundtrack und grobkörnigem Schwarz-Weiß.

Aber das wäre alles nichts ohne Aronofskys Frontmann Sean Gullette. Studienfreund von Aronofsky, der in Harvard sein Literaturstudium mit Magna Cum Laude abgeschlossen hat. Den nerdigen Professor-Typen kann er also ganz frei nach method-acting. Die Paranoia kommt da möglicherweise auch ganz von allein. Auf jeden Fall meistert Gullette die Aufgabe, den Film auf seinen schmächtigen Schultern zu tragen. Gullette entwickelt dabei dieses sympathische Typ-von-nebenan-Bild und zerreißt es anschließend in einem Wirbel aus Paranoia und Selbstzweifel. Ohne Gullette wäre „Pi“ nur rein technisch gesehen ein guter Aronofsky, aber wie später auch bei Mickey Rourke oder Natalie Portman weiß der Regisseur, wie er seine Hauptfigur am wirkungsvollsten in den Wahnsinn stoßen kann. Und den Zuschauer am besten gleich mit.

„Pi“ zieht einen irgendwie in den Bann. Es ist ein bizarrer Film, der Mystik, Paranoia und Weltenverschwörung gekonnt miteinander verbindet. Aronofsky führt seinen sympathischen Hauptdarsteller in eine Welt voller Zahlen, die eigentlich nur eins beweisen, was wir doch schon seit der Schule wissen: Mathe ist doof!!!

Wertung: 8 von 10 Punkten (bleibt nur noch eine Frage zu klären: Müssen alle großen Filmemacher in Schwarz-Weiß anfangen [siehe Christopher Nolan]?)

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8 Kommentare leave one →
  1. 27. September 2011 12:57

    Ganz großer Film, den ich leider noch immer nicht in meiner DVD-Sammlung beherberge. Soweit ich weiß, gibt es sogar im Film eine Erklärung dafür, warum er in schwarz/weiß gedreht wurde, einfach klug gemacht.

    • donpozuelo permalink*
      27. September 2011 14:36

      Mmh… also eine Im-Film-Erklärung ist mir jetzt nicht aufgefallen, aber ist ja auch gar nicht wirklich notwendig. Der Film steht ja so für sich. Man könnte natürlich diese Vergleiche zu David Lynchs „Eraserhead“ ziehen, was einige Kritiker tun. Ich kenn aber Eraserhead nicht, aber ein wenig was von Lynch hat der Film schon.

      Aber du hast natürlich Recht, ein gnadenlos geiler Film. Und Schande über dich, dass du den noch nicht in deiner Sammlung hast 😉 Dann aber schnell amazon anrufen 😀

  2. 27. September 2011 22:48

    „Müssen alle großen Filmemacher in Schwarz-Weiß anfangen [siehe Christopher Nolan]?“
    David Lynch hat seinen ersten Film nicht in… ach verdammt! 😀 Nenne ich halt die Coen-Brüder! :p

    • donpozuelo permalink*
      28. September 2011 09:02

      Okay, gut die Coen-Brüder! Stimmt. 😉

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