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Wenn die Ordnung zerbricht

12. September 2011

Ein Kaiser muss stets über alles Bescheid wissen und sich vor allem auf die verlassen können, die ihm unterstehen: Loyalität, Treue, Gehorsam und Ritual sind seine wichtigsten Gebote, um die Ordnung am Hof aufrecht zu erhalten. Aber was passiert, wenn ein Kaiser sich nicht auf diese Gebote verlassen kann – weil sie in seinem Palast kaum jemand beachtet und weil er selbst sie missachtet. Was dann passiert, zeigt uns Zhang Yimou in „Der Fluch der goldenen Blume“:

China vor mehr als 1000 Jahren: Über Wochen schon lässt der Kaiser seine Frau jeden Tag mit ihrer eigenen Medizin vergiften. Seine Frau hat ein Verhältnis mit ihrem Stiefsohn, der wiederum der Kronprinz aus einer früheren Beziehung des Kaisers ist. Doch die neue Frau Mama ist ihm nicht gut genug, weswegen er auch noch ein Verhältnis mit der Tochter des Hofarztes hat, der seinerseits mit dem Kaiser unter einer Decke steckt und das Gift brav in die Medizin der Kaiserin mischt. Der jüngste Sohn der Kaiserfamilie ist ein schüchterner Junge, der von seiner Familie kaum Beachtung geschenkt bekommt. Und dann wäre da noch der aus den Grenzgebieten des Reiches zurückgekehrte Sohn, der in diesem „Theater“ am Hof gar nicht weiß, auf wessen Seite er sich stellen soll.

Zhang Yimou ist vor allem bei uns durch Filme wie „Hero“ oder „House of Flying Daggers“ bekannt geworden. Schon hier zeigte er, wie viel Arbeit in jedes einzelne Detail des Films gelegt wird, um sowohl die alte Historie aufzufrischen als auch um atemberaubende Bilder zu zeigen. Bei ihm sitzt wirklich jede Einstellung, die Kostüme sind bombastisch und hinter jedem Farbton versteckt sich ein tieferer Sinn, den wohl nur studierte China-Experten genau entschlüsseln können. Aber für all uns Normalos bleibt da immer noch genug Material, um mit offenem Mund vorm Fernseher zu sitzen.

Yimous Kaiserhof versinkt förmlich in Pomp und Dekadenz. Durch die riesige Anlagen, die Labyrinthen gleichen, verfolgen wir gemeinsam mit der Kamera das Leben am Hof und dürfen uns immer wieder wundern, wie diese wuselnden Massen an Dienern immer wieder den richtigen Weg finden, um die Kammer von Person A, B oder C zu finden. In dieses Labyrinth eingeschlossen, stellt uns Yimou im Laufe des Films seine Kaiserfamilie vor, die in ihrem eigenen Ränkespiel auch mal gerne den Überblick verliert, wer denn nun eigentlich für wen ist. Vor allem die Figur des zurückgekehrten Sohnes erinnert an den Lone Gunman aus den Italo-Western: Er kommt in diese Stadt, in der sich verschiedene Parteien bekriegen, er muss eine Seite wählen, kann es aber nicht und schließt sich deshalb quasi irgendwie allen Seiten an. Bis er dann die Wahrheit erfährt und selber nicht mehr weiß, was er tun soll.

Als den großen Kaiser dürfen wir uns an einem grandiosen Cow Yun Fat (der Mann, der mit John Woo Action-Geschichte geschrieben hat und später in „Tiger & Dragon“ mitwirkte) erfreuen: Sein Kaiser ist der einzige, der scheinbar wirklich alle Fäden in der Hand zu haben scheint und auf alles eine „kluge“ Antwort weiß. Ein Kaiser – hart, aber gerecht; berechnend und nie vorschnell. Ein Kaiser – perfekt für diesen Film.

Im Gegensatz zu Filmen wie „Hero“ und Co. wird in „Der Fluch der goldenen Blume“ sehr viel weniger gekämpft. Gerade zu Beginn, wo es dem Film an phsyischen Kämpfen mangelt, da kompensiert er es durch stark gespieltes Psychodrama. Aber keine Sorge, auch in „Der Fluch der goldenen Blume“ wird noch gekämpft:

In riesigen, großartig inszenierten Massenschlachten nimmt Zhang Yimou das Wort „Familienkrieg“ am Ende des Films vielleicht doch ein wenig zu wörtlich und lässt hier buchstäblich Zehntausende für fünf Menschen sterben. Trotz großartiger Szenen wirken diese Schlachten etwas aufgesetzt und zerstören ein wenig das Bild des Films. Zum Glück kann Yimou das aber mit einer tollen Schlussszene wieder ausgleichen.

Somit kann man sagen, dass „Der Fluch der goldenen Blume“ wieder einmal einer dieser optisch dermaßen ansprechenden Filme ist, das man über gewisse Mängel hinwegsehen könnte. Aber Yimous Film liefert neben all der Optik auch noch eine wahnsinnig spannende Geschichte mit, die einen bis zum Schluss mitfiebern lässt, was denn nun am Ende passieren wird.

Wertung: 9 von 10 Punkten (Shakespeare hätte an diesem Kaiser-Drama seine wahre Freude gehabt, Freunde der Kampfkunst dürften hier aber ein wenig zu kurz kommen)

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