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Echte Handarbeit

9. September 2011

Die meisten werden es ja kennen: Ich vermeide es tunlichst, den Titel des Films in den Titel meiner Rezension zu packen. Stattdessen suche ich mir irgendwas, was mit dem Film zu tun hat und mache das zu meiner Überschrift. Zugegeben, bei manchen Filmen fällt mir das schwerer, bei manchen leichter. Einige Überschriften kann man sofort entziffern, andere nur dann, wenn man tatsächlich den Film kennt. Der heutige Film aber ist einer, der mir eine eine schier unbegrenzte Bandbreite an möglichen Titeln gab. Jede davon wäre herrlich zweideutig oder auch ziemlich eindeutig gewesen, hätte dann aber sicherlich alle möglichen Leute durch die Google-Suchmaschine hierher geführt, die eigentlich nach etwas ganz anderem suchen. Deswegen also der noch harmlos klingende Titel „Echte Handarbeit“. Aber natürlich ist auch dieser Titel – passend zum Film – herrlich zweideutig.

Und dabei ist es ein Film, der sich wenig mit Zweideutigkeiten beschäftigt, sondern frei heraus die Probleme anspricht. Größtes Problem unserer Hauptdarstellerin ist Geld. Sie hat keins, braucht aber dringend welches. Was macht Frau in ihrer Verzweiflung? Sie geht in einen Stripladen, redet mit dem Chef, bekommt eine Chance, wird zum Star des Ladens und verdient sich eine goldene Nase. Klingt so nach einem ziemlich schmutzigen Film, ist es aber gar nicht. Schließlich handelt es sich bei der Frau um keine geile Schnitte, sondern eine Dame Mitte Fünfzig namens Maggie (Marianne Faithfull), die Geld für die Behandlung ihres Enkels braucht. Weil sie nicht weiß, was eine Hostess ist, fragt sie nach dem Job. Strip-Lokal-Besitzer Miki (Miki Manojlovic) klärt sie auf: „Kein Job für ältere Damen“. Dass er dennoch Verwendung für sie hat, erstaunt dann sowohl Maggie als auch den Zuschauer. Künftig arbeitet Maggie dann doch für Maggie als „Irina Palm“. Dabei sitzt sie vor einem Loch und bearbeitet mit der Hand, was auch immer da durch gesteckt wird.

Wenn dieser Film richtig schlecht wäre, dann könnte man herrlich über „Irina Palm“ herziehen. Aber zum Glück macht Regisseur Sam Garbarski alles, aber auch alles richtig. Mit Marianne Faithfull hat er eine starke Hauptdarstellerin, die als liebenswerte und resolute Dame auftritt, die mit Würde Bandagen trägt, weil sie schon zu vielen einen runtergeholt hat und die mit einer gewissen Genugtuung ihrem lästernden Damenkränzchen davon erzählt, womit sie ihr Geld verdient. Faithfull hat die Würde und den Glanz die Rolle der Maggie in all ihren Facetten auszufüllen: vom ersten Schock über die Sache mit dem Loch in der Wand bis hin zu einer Frau, für die Männer Schlange stehen. Mit viel Charme lebt sie ihre Maggie – mit allen Höhen (die Erfolge, eine mögliche Liebe zu Miki) und Tiefen (ihr Sohn erfährt von ihrem Job und verurteilt sie).

Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass Faithfull Trägerin des gesamten Films ist. Regisseur Garbarski hängt an seiner Irina Palm wie die Fliege an der Butter. Mit jeder Minute des Films wird uns die gute Maggie vorgeführt, wir dringen in ihren Kopf, in ihr Leben. Wir kennen ihr schmutziges Geheimnis, werden zu Mitwissern, lange bevor es sonst jemand weiß. Wir fühlen und leiden mit dieser Dame. Sie ist das Bild der kämpfenden, fürsorglichen Mutter/ Oma, die Autos hochhebt, um ihr Kind zu retten oder halt Männer per Hand befriedigt, um für ihren Enkel zu sorgen.

Natürlich reden wir bei „Irina Palm“ von einem Film mit Klasse. Außer ein paar äußerst witzigen Einstellung im Raum hinter und vor dem Loch darf hier keiner Sex-Szenen erwarten. Aber das soll ja auch gar nicht sein. Sonst hätte man den Film mit einer wesentlichen jüngeren Schauspielerin und einer ganz anderen Thematik machen müssen. Und ich glaube, dann nennt man das Ganze einfach nur „Porno“. So bekommen wir einen sehr menschlichen, sehr liebevollen Film über eine Frau, die keine Probleme, sondern nur Lösungen kennt.

Man könnte noch viel über die Ohnmacht der Menschen unter Geldnot in den Film hinein interpretieren, aber braucht man nicht. „Irina Palm“ ist einer dieser Filme, die man vorbehaltlos schauen sollte. Es geht hier nur das Schicksal einer Frau – einer starken Frau. Mehr muss dazu nicht gesagt werden.

Wertung: 9 von 10 Punkten (diese Oma hat’s drauf und nimmt ihr Schicksal in die eigene Hand 😉 )

4 Kommentare leave one →
  1. 13. September 2011 09:44

    Whut? Klingt erstaunlich interessant.

    • donpozuelo permalink*
      13. September 2011 10:08

      Ja, ich war auch sehr erstaunt. Soll auch der Hit auf der Berlinale gewesen sein. Die liebe Frau Faithfull soll da 20 Minuten Standing Ovations bekommen haben. Verdient…

  2. 20. September 2011 15:39

    Was auch ein wrklich guter Film, der immer mal wieder durch die dritten Programme geistert.

    • donpozuelo permalink*
      20. September 2011 15:51

      😀 Genau bei diesem Herumgeistern habe ich diesen Film mal erwischt. War auch eher Zufall, aber in diesem Fall ein glücklicher.

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