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Wer sind Sie – und was wollen Sie von mir?

7. September 2011

Japanische Animationsfilme werden des öfteren unterschätzt. Wie oft kriegt man da irgendwelche blöden Floskeln zu hören, dass wäre doch nur was für Kinder. Klar, wer nur die Serien aus dem Fernsehen kennt, der könnte das wohl meinen und zeigt dann doch nur, dass er keine Ahnung hat. Hayao Miyazaki hat sie dann für den internationalen Markt etwas interessanter gemacht und musste sich dann trotzdem anhören, er wäre so etwas wie der asiatische Walt Disney. Und wer das behauptet, hat wohl noch nie einen Miyazaki-Film gesehen. So ist es schon sehr schade, dass einige Animes extra als „Filme für Erwachsene“ bezeichnet werden – nur damit man sie sich vielleicht mal anschaut.

Vorurteile sind also vorprogrammiert und so brauchen gerade Animes eine gute PR-Strategie, um an den Mann gebracht zu werden. Leider wird dabei oft viel zu viel versprochen oder einiges an Erwartungen geschürt, die dann so vielleicht gar nicht erfüllt werden können. So frage ich euch denn nun, was würdet ihr von einem Film erwarten, der wie folgt angepriesen wird: „Wenn Alfred Hitchcock mit Walt Disney kooperiert hätte, dann wäre dieser Film daraus entstanden.“ Wieder dieses blöde Disney-Zitat, nur weil es sich um gezeichnete Figuren handelt, aber gut… da kann man bei der Erwähnung von Alfred Hitchcock drüber hinweg sehen. Wer mit dem Master of Suspense angibt, der muss schon etwas zu bieten haben.

Aber all das hat mich nicht dazu animiert (!), den Film „Perfect Blue“ zu gucken. Vielmehr ist es der Mann, der sich für diesen Film verantwortlich zeichnet: Satoshi Kon. Nachdem ich vor einiger Zeit seinen wirklich grandiosen Anime „Paprika“ gesehen hatte, musste ich bei „Perfect Blue“ nicht lange überlegen. Und wurde gleich zweimal belohnt: Auf der einen Seite steht „Perfect Blue“ der Faszination von „Paprika“ in nichts nach, auf der anderen Seite stimmt sogar mal das Hitchcock-Zitat.

In „Perfect Blue“ lernen wir die die junge Mima kennen. Sie ist Sängerin der japanischen Pop-Band Cham. Auf dem Höhepunkt ihre Karriere steigt Mima aber aus, um Schauspielerin zu werden. Ein Schock für ihre Fans und ihre Managerin Rumi. Mimas erste Rolle in einer Thriller-Serie beschert ihr anfangs nur den Satz „Wer sind Sie?“, aber bald wird die Rolle ausgebaut – mit viel Sex und Gewalt. Doch irgendwann fließt auch echtes Blut und Mima muss sich fragen, ob sie überhaupt noch begreift, was Wahr und was Fiktion ist.

Schon in seiner ersten Regiearbeit greift Satoshi Kon die gleichen Fragen auf, die später auch in „Paprika“ gestellt werden. Wo ist die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Kurz nachdem Mima in ihre TV-Rolle schlüpft, scheinen sie Selbstzweifel und Angst vor dem Neuen zu zerfressen. Dabei springt der Film immer wieder hin und her – von den Dreharbeiten zu Mimas normalem Leben und verwirrt dadurch ordentlich, weil man selbst irgendwann den Überblick verliert, was eigentlich noch was ist. Satoshi Kon führt seinen Zuschauer auf verschiedene Fährten: Mimas normale Welt, die ihrer Film-Rolle, ein zweites Ich, dass wütend auf Mima ist und ein verrückter Fan sorgen dafür, dass der Film zahlreiche Ebenen erlangt und den Zuschauer dazu verführt seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Problem dabei ist nur: Egal, zu welchem Schluss man glaubt zu kommen, es ist immer der Falsche.

Man könnte „Perfect Blue“ wohl am besten als einen labyrinthischen Film bezeichnen, in dem jede neue Szene eine neue Abzweigung ins Unbekannte ist. Der Schock über die wahren Morde am Set und die Verbindung durch einen Fan zu Mima führen die junge Frau buchstäblich in den Wahnsinn – und den Zuschauer gleich mit. Immer wieder platziert Kon seine Schockmomente, jagt uns tiefer in die Paranoia und hinterlässt mehr und mehr Fragezeichen auf unserer Stirn.

Je weiter die Angst in Mima heranwächst, desto sprunghafter und verworrener wird der Film – ohne aber dabei seine Hauptperson aus den Augen zu verlieren. Im Gegenteil, das Chaos des Films spiegelt ja eigentlich genau Mimas inneres Chaos wider. Die Zeile aus ihrer Serie „Wer sind sie – und was wollen sie von mir?“ werden zum Programm des Films.

Wie schon bei „Paprika“ kann ich nun auch bei „Perfect Blue“ sagen: Satoshi Kon ist großartig. Ein Meister seines Faches, der mit tollen Bildern unglaublich komplexe Geschichten erzählt, die noch lange nachwirken. Zwar haben die tollen Bilder nichts mit Disney zu tun (hier gibt’s nichts von der Disney-Niedlichkeit), dafür wäre Hitchcock aber sehr stolz, seinen Namen in Verbindung mit diesem Film zu hören.

Wertung: 9 von 10 Punkten (bis zur Auflösung unvorhersehbar und darum umso spannender)

7 Kommentare leave one →
  1. 7. September 2011 07:39

    Satoshi Kon ist wirklich großartig, aber „Perfect Blue“ habe ich mir immernoch angeschaut. Jetzt wo ich deine Rezension lese, sollte ich das wirklich mal machen. >_< Dafür liebe ich "Paranoia Agent", "Paprika" und "Tokyo Godfathers" von Satoshi.
    Echt ECHT schade, dass er schon verstorben ist. 😦

    • donpozuelo permalink*
      7. September 2011 08:57

      Oh was??? Ich wusste gar nicht, dass er schon verstorben ist. Das ist echt sehr, sehr bedauerlich. „Paranoia Agent“ kenne ich nicht, dafür aber „Paprika“ und „Tokyo Godfathers“… die sind wirklich toll. Satoshi hat wirklich sehr spannende und mitreißende Animes gemacht.

      Da steht er mit diesem Erstling schon ziemlich gut da. „Perfect Blue“ ist echt spannend.

  2. 8. September 2011 07:03

    Ich empfand den Film eher als gezeichneter Giallo in Richtung Argento.

    • donpozuelo permalink*
      8. September 2011 08:43

      Nach dem was ich über Giallo und Argento über das große Wissenslexikon des Internets gelesen habe, kann ich dir da zumindest in der Theorie (von Wiki) zustimmen. Da ich aber selber kein Kenner des Genres bin, vertraue ich einfach mal darauf, dass das auch in der Praxis so ist 😉

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