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Tentakeln im Nebel

12. August 2011

Frank Darabont liebt Stephen King (ich liebte ihn auch mal, aber nach ein paar dicker Romane war’s dann auch gut mit der King-Liebe) und damit gehört zu einer großen Fangemeinde, der er gleichzeitig ein paar sehr gute King-Verfilmungen geschenkt hat. Man nehme nur „The Green Mile“ oder meinen persönlichen Favoriten „Die Verurteilten“. Allerdings sind das nun weniger typische King-Horror-Szenarien, sondern menschliche Dramen. Dass Darabont auch Horror kann, beweist er dann lieber mit seiner neuen Serie „The Walking Dead“.

In seinem letzten Kinofilm versuchte Darabont den Horror wieder zum King zu machen, schnappte sich entschlossen eine King’sche Kurzgeschichte und erschuf einen Film, der Horror mit menschlichem Drama verbinden sollte. Ein Versuch ist es leider geblieben. In „Der Nebel“ zieht ein Nebel über ein kleines Städtchen (ja, endlich mal ein Titel, der hält, was er verspricht). Vater Dave (Thomas „The Punisher“ Jane) verbarrikadiert sich mit einigen Menschen in einem Supermarkt, denn schnell wird klar: Da ist irgendwas im Busch… äh, Nebel. Doch leider Gottes wartet Gefahr nicht nur im Nebel, sondern auch direkt im Supermarkt selbst – in Form einer religiösen Fanatikerin, die glaubt, das Ende der Welt ist gekommen und damit mehr und mehr Leute auf ihre Seite zieht.

Fangen wir – wie in der Schule – bei dem an, was noch halbwegs an diesem Film funktioniert: Der Horror. Wir stecken mittendrin im Nebel. Und das ist kein einfacher Nebel, wo man hier und da vielleicht noch was erkennen kann. Hier ist nichts mehr zu sehen. Alles grau in grau – und von irgendwo kommen Geräusche. Mehr aber auch nicht. Was da draußen rumrennt, rumkriecht oder rumfliegt, wissen wir nicht. Wir wissen anfangs ja nicht einmal, ob da tatsächlich überhaupt irgendwas ist. Wie um uns zu beruhigen, schickt Darabont dann die ersten Tentakeln los und überlässt uns unserer Fantasie: „Boah, an was für einem Ding hängen denn solche Tentakeln rum? Widerlich! Will ich sehen!“ Aber auch hier bekommen wir nicht viel mehr zu sehen. Was das Wesen im Nebel ist… keine Ahnung. Bis zu diesem Zeitpunkt sieht „Der Nebel“ noch nach schönem Old-School-Horror aus: Es verschwindet immer mal wieder einer, alle kommen ins Schwitzen und haben Angst. Leider verlässt Darabont aber ab diesem Punkt seine gewohnten Pfade und setzt mehr auf Masse als auf Klasse: Sehr schnell wird klar – es sind mehrere Viecher, die da im Nebel wandeln. Wir hätten anzubieten: Spinnen, fliegende Skorpione, fliegende Viecher, die aussehen wie Dinosaurier. In den meisten Fällen (außer dem einen wirklich riesigen Ding am Ende des Films) sehen die Kreaturen aus dem Nebel etwas albern aus. Verzeihung, sie sehen sehr albern aus. Vor ein paar Jahren hätte man damit vielleicht noch jemanden erschrecken können, aber beim Stand der heutigen Technik wirken Darabonts Kreaturen sehr lahm. Da helfen dann auch nicht die vielen Ekel- und Blut-Effekte, die sich der Film erlaubt.

Aber gut, Darabont ist ja eher ein Mann fürs Menschliche. Zumindest dachte ich das bis jetzt, was Darabont uns in „Der Nebel“ vorsetzt, ist jedoch zum Weglaufen. Die Grundidee ist nicht schlecht: „Was passiert, wenn mehrere Menschen in lebensbedrohlicher Lage tagelang auf engstem Raum eingesperrt sind?“ Platz genug für zahlreiche Psychospielchen und Darstellung der menschlichen Seele. Und was bekommen wir???

Auf der einen Seite den klassischen Helden, der nur versucht, seinen Sohn zu retten. Auf der anderen Seite haben wir diese verrückte Bibel-Frau, die das Ende der Welt offenbart, Opfer für die angeblich von Gott gesandten Wesen im Nebel fordert und alle dazu bringen will, ihre Sünden zu beichten, damit sie vielleicht doch noch in den Himmel kommen. Und ganz ehrlich, kaum macht diese Frau (sehr überzeugend nervtötend von Marcia Gay Harden gespielt) das Maul auf, möchte man nur reinschlagen. Leider tut das von denen im Supermarkt keiner. Wenn schließlich doch jemand was dagegen tut, ist das wie Balsam für die Seele 😉 Aber bleiben wir Ernst: Dieses Pseudo-Religionsgequatsche geht gar nicht. Die Frau hat in diesem Film einfach zu viel Redezeit bekommen. Irgendwann bekommt sie auch mehr „Jünger“ und stellt die fast schon größere Gefahr dar. Ich weiß nicht, was Darabont damit bezwecken wollte: Religiösen Fanatismus als besondere Gefahr für Menschen darstellen? Oder das Menschen in ihrer größten Not doch wieder zu Gott finden und kein Problem damit haben, Menschen zu opfern??? Irgendwo im Skript ist Darabont da vollkommen der Sinn für seine Figuren verlorengegangen. Stattdessen bekommen wir beschissene Klischees und alberne Vorurteile zu sehen.

„Der Nebel“ überzeugt also so richtig gar nicht!!! Der Anfang ist noch okay, dann gibt’s aber nur noch Viecher und Religion auf nervtötende Weise. Da kann auch das sehr makabere Ende nichts mehr retten.

Dass Stephen King nach eigenen Angaben von dem Film ernsthaft beängstigt war, kann ich mir gut vorstellen. Die Frage ist nur, ob das jetzt positiv oder negativ gemeint war.

Wertung: 3 von 10 Punkten (Darabont legt gut vor, verliert sich dann aber in seiner bescheuerten Gruppenbildern)

10 Kommentare leave one →
  1. 12. August 2011 08:47

    Ich fand den Film richtig gut. Auch die von dir angesprochene Gruppendynamik. Besonders aber Atmosphäre und Monster. Trash und Horror in einem. Ziemlich stark.

    • donpozuelo permalink*
      12. August 2011 12:12

      😀

      Ich weiß echt nicht, woran es lag, aber allein wegen dieser Religionsfanatikerin hätte ich diesen Film schon gerne ausgemacht. aber irgendwie hat mich dann auch alles andere furchtbar genervt.

      Die Idee im ansatz fand ich gut, aber vielleicht hätte man mehr draus machen können.

  2. 12. August 2011 21:58

    Wie kann man denn positiv beängstigt sein?

    Ich fand ihn auch sehr gut, sah ihn mehr als Charakterstudie als Horrorfilm an. Mich hat die religiöse Fanatikerin zwar auch genervt, war aber offensichtlich intendiert, und deswegen positiv von mir aufgenommen worden. Ist zwar schon länger her, als ich den gesehen habe, aber war noch einer der besseren Stephen King Verfilmungen, auf jeden Fall.
    Und bezüglich CGI, da kannst du gar nichts erwarten, schau dir doch mal ‚Clash Of The Titans‘ an, weitaus aufwendiger und da wars auch nicht sonderlich toll. Daher auch eher die Fixierung auf die Menschen als die Monster. Genau so wie bei ‚Monsters‘, da waren die Monster auch ziemlich billig, aber im Endeffekt ist das was dahinter steckt viel wichtiger (man kann sich jetzt streiten, ob die Monster in ‚The Mist‘ auch mehr als Schreckmaterial darstellen sollen oder nicht..).

    • donpozuelo permalink*
      13. August 2011 14:21

      Naja, „Monsters“ ist ein schlechtes Beispiel: Da hat ein Typ allein den ganzen Film gemacht, während Mr. Darabont sicherlich ein paar mehr Mittel zur Verfügung hatte. „Clash of the Titans“ hab ich noch nicht gesehen. Aber gut, es soll ja auch nicht wirkliich um die Monster gehen, das ist mir schon klar. Nur als Charakterstudie fand ich den Film dann auch ein wenig zu eintönig auf dieses ganze Religionsgeschehen abgestempelt.

      positiv beängstigt wäre in Kings Fall wohl: „Yeah, der Horror sitzt“ und negativ beängstigt wäre: „Oh mein Gott, was ist das denn???“ Irgendwie in die Richtung 😉

  3. 15. August 2011 11:59

    Also mir gefiel der auch sehr gut.

    Besonders der Schluss. Der ist schon ziemlich heftig…

    • donpozuelo permalink*
      15. August 2011 12:33

      Der Schluss ist schon heftig, aber dadurch, dass mir der Rest vom Film nicht ganz so zugesagt hatte, fand ich das Ende dann doch etwas übertrieben. Trotzdem recht fies… vor allem für eine Hollywood-Produktion. Ich habe mich ja schon gewundert, dass das nicht gleich in der ersten Testvorführung rausgeflogen ist 😉

  4. 4. September 2011 02:11

    Also ich will erstmal davon absehen, dass du Gewalt gegenüber Frauen (oder einem anderen Lebewesen, for that matter) für ein adäquates Mittel hälst. Aber nun gut.

    Ich muss dir eigentlich in jedem Wort widersprechen. Ich habe den Film mehrmals gesehen und vielleicht daher besser in Erinnerung oder du hast ihn vielleicht in einem falschen Zustand gesehen, aber deine Reduzierung des Supermarktkonflikts auf den Vater und die bibeltreue Familienfrau ist natürlich genauso wahr wie sie totaler Quatsch ist. Natürlich kann man den Film darauf reduzieren – doch ist das dem Film und besonders seinem Drehbuch gegenüber gerecht? Natürlich nicht. Es gibt unglaublich gute Schauspieler in kleinen Rollen (z.B. Toby Jones, um nur einen zu nennen), die wunderbar in kurzesten Szenen Nuancen hinzufügen, die den Supermarkt zu einem adäquaten Spiegelbild der Gesellschaft werden lassen.
    Dass Mrs. Carmody laut ist, nervig ist, ist deine subjektive Wahrnehmung – die ich teile. Doch rufe dir den damals beginnenden, heute verfestigten Riss in der amerikanischen Gesellschaft in den Kopf. Religiöse Fanatiker wie die Tea Party SIND laut und SIND für moderate Menschen wie dich und mich nervig. Der Nebel ist einfach ein Phänomen, ein Event, das lieb und gerne mit dem Klimawandel in einer Auseinandersetzung des Konflikts ersetzt werden könnte. Wie reagieren religiöse Menschen in den USA darauf? Wie reagieren wissenschaftliche Menschen (achte darauf was sie mit dem Soldaten machen – als Stellvertreter für die Wissenschaft, die für den Nebel verantwortlich ist) darauf? Wie reagieren moderate Menschen auf Fanatiker? Ich würde dir empfehlen dem Film noch einmal eine Chance zu geben und genau darauf zu achten und das nicht nur als Figuren oder Nebenfiguren in einem Film zu sehen, sondern ein wenig abstrakter zu denken. Immerhin radikalisieren sich die Menschen erst nachdem sie mit dem Horror konfrontiert wurden, einem – in der Story – unerklärbaren Phänomen. Das ist verständlich. Oder schau auf die Frau, die alleine weggeht, um ihre Kinder zu retten. Wer hilft ihr? Niemand. Das ist doch ein Statement. Der Film ist wie es immer gute Filme machen ein Kommentar auf unsere Gesellschaft, bzw die der USA der letzten Jahre.

    Bitte beachte auch, dass der Film 2007 heraus kam, nicht von einer großen SpecialEffects Firma wie Weta z.B. beholfen wurde, sondern lediglich ein kleines Budget von 18 Millionen US-Dollar hatte. Dafür sind die Effekte doch wirklich in Ordnung, oder nicht?

    Bitte nimm nichts allzu persönlich. Ich lese diene Kritik als Rant kurz nachdem du den Film gesehen hast. Gib ihm eine erneute Chance und achte auf die feinen Nuancen und Charaktere am Rande und wie sich die Allianzen erst gegen ENDE hin formen, wenn die Charaktere mit dem Tod konfrontiert werden und -sind wir ehrlich- da entscheiden sich so manche eben für Religion auf ihrem Todesbett.
    Anyways, netter Blog. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      4. September 2011 21:46

      Willkommen 😉

      Als Rant kurz nach dem Film kann man die Kritik schon sehen und wie man an den anderen Kommentaren lesen kann, scheint meine Meinung nicht so sehr geteilt zu werden. klar, vielleicht sollte ich dem Film wirklich noch ne Chance geben. Aber dann erst etwas später… sollte das aber der Fall sein, dann werde ich dein Kommentar im Hinterkopf behalten. Obwohl ich gerade bei Horror-Filmen weniger nach den versteckten gesellschaftskritischen Botschaften schaue 😉 (sollte ich aber demnächst öfter machen)

      • 5. September 2011 05:53

        Okay 🙂 tut das.
        Was du aber vielleicht nicht unbedingt tun solltest, so generell: Kategorisiere einen Film nicht bevor du ihn schaust. Schau dir einen Film an, von mir aus einen Trailer – es wird ziemlich schnell klar, dass er einem Genre angehört. Das bedeutet aber nicht, dass er in seiner Gesamtheit diesem angehört. So kann man The Mist natürlich auf einen Monsterfilm reduzieren, sollte man aber nicht 🙂
        Also, offener Geist 😉 Liebe Grüße

        • donpozuelo permalink*
          5. September 2011 08:06

          Naja, man kategorisiert doch automatisch. Ob man nun will oder nicht. Wenn man das vorher nicht machen will, sollte man sich erst recht keinen Trailer anschauen. Die lenken einen ja immer nur in eine bestimmte Richtung.

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