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Toter Mann auf Reisen

8. August 2011

Was macht einen Western zu einem Western? Ist es der „Lone Gunman“, der in eine Wüstenstadt kommt und dort einen Kleinkrieg anzettelt, nebenbei noch die Salonbraut abschleppt und am Ende in einem heroischen Duell den entscheidenden (Kopf-)Treffer landet? Oder sind es Cowboys gegen Indianer, die sich in einem wahnsinnigen Krieg gegenseitig niedermetzeln, sich als „Bleichgesicht“ und „Rothaut“ beschimpfen? Ist es jede Art von Film, in dem Männer Hüte und Revolver-Gürtel tragen, auf Pferden dem Sonnenuntergang entgegenreiten? Möglicherweise schon: Hauptsache wir bekommen die klassische Western-Stadt mit Totengräber, Sheriffsbüro und Salon, ein paar Pferde, ein paar Cowboys und Indianer und fertig ist der Western.

Aber eben weil wir genau diese Erwartungen an einen Western haben, lässt sich damit so wunderbar spielen. Und ein Film, bei dem ich bis heute nicht weiß, ob ich ihn als Western bezeichnen soll oder nicht, ist Jim Jarmusch‘ „Dead Man“.

Lange bevor er mit „Rango“ den wahren Westernhelden gegeben hatte, war Johnny Depp William Blake. Der junge Mann reist in das „beschauliche“ Örtchen Machine, wo er eine Stelle als Buchhalter annehmen will. Dort angekommen, muss er leider feststellen, dass die Stelle schon lange vergeben ist. Blake muss also wieder kehrt machen, findet sich aber vor seinem Abschied aus Machine in den Armen der Prostituierten Thel wieder. Statt gemütlicher Nacht wird es für Blake zum Albtraum: Thels Lover erscheint und erschießt sie und verwundet damit auch Blake, der daraufhin den Lover erschießt und flüchtet. Dadurch wird er aber zum gesuchten Verbrecher, war doch der Liebhaber von Thel der Sohne des Fabrikbesitzers. Zum Glück für Blake wird er auf seiner Flucht von dem Indianer Nobody (Gary Farmer) unterstützt, der ihn für die Reinkarnation des englischen Dichters Sir William Blake hält.

Wen man sich „Dead Man“ nach Western-Kriterien anschaut, dann könnte man sich dazu hinreißen lassen, den Film als Western zu bezeichnen: Western-Stadt mit Salon, Indianer, Cowboys, Wanted-Poster, Pferde… alles da und doch ist „Dead Man“ sehr viel mehr als nur ein einfacher Western. Das liegt aber auch daran, dass wir mit Jim Jarmusch keinen einfachen Regisseur hinter der Kamera hatten. Aber Jarmusch ist schon immer jemand gewesen, der seine Geschichten ohne viele Worte erzählt und sie trotzdem voller Deutungen packt, die den Film für jeden, der ihn sieht, einzigartig werden lässt. Einzigartig deswegen, weil jeder es anders auslegen kann.

Auf der einen Seite könnte man „Dead Man“ als eine Art Abgesang auf den Western, auf den Cowboy an sich ansehen. Nach einer langen Reise mit der Eisenbahn, Prophet der Modernisierung, gelangt unser Held in eine Stadt mit dem Namen Maschine. Alles, was den Western ausmacht, wird durch Maschinen und Industrialisierung zerstört. Dazu kommt eine Hauptfigur, die nun einmal gar nichts mit den Western-Helden gemein hat, die wir sonst gewöhnt sind. Johnny Depps Blake ist kein Clint Eastwood oder John Wayne. Es ist ein kleiner Niemand, der durch puren Zufall zu einem gejagten Verbrecher wird. Und auch der Indianer an seiner Seite hat nichts mit den Indianern zu tun, die wir sonst so kennen. Nobody war in England und kann englische Literatur zitieren. Statt Skalps hinterher zu jagen, hilft er einem weißen Mann. All das deutet nicht wirklich darauf hin, dass Jarmusch uns hier einen Western vorsetzt.

Denn von einer anderen Seite betrachtet ist „Dead Man“ ein sehr metaphysischer Film. Schon der Titel „Dead Man“ lässt die Vermutung offen, dass es sich bei William Blake um einen toten Mann handelt. Das einzige, was man nicht genau definieren kann, ist der Zeitpunkt im Film, an dem William Blake tatsächlich stirbt. Unter diesem Gesichtspunkt wird die gesamte Reise mit Nobody zu einer spirituellen Reise einer verlorenen Seele, die von einem etwas schwergewichtigen indianischen Schutzengel auf das Jenseits vorbereitet wird.

Aber wie gesagt, genau das ist das Großartige an Jim Jarmusch‘ Film. Jeder kann (und muss) für sich selbst eine plausible Erklärung des Films finden. Das einzige, was Jarmusch uns bietet, ist ein traumhaft fotografierter Schwarz-Weiß-Film ohne viele Worte, dafür mit einem recht ungewöhnlichen Duo. Klar, von Johnny Depp sind wir ja mittlerweile nichts anderes außer skurrile Rollen gewöhnt, aber im Duett mit Gary Farmer ist er in „Dead Man“ einfach nur toll.

Ob nun Western oder nicht Western, „Dead Man“ bietet viel zum Nachdenken und verlangt dabei nur eins: einen aufmerksamen Zuschauer, der sich von der Macht der Jarmusch’schen Bilder einfängen lässt.

Wertung: 8 von 10 Punkten (Western is dead… and maybe Johnny Depp, too)

7 Kommentare leave one →
  1. 8. August 2011 07:27

    Ein Film, den ich nach mehrmaligem Sehen immer noch nicht recht begriffen habe, den ich mir aber trotzdem oder gerade deshalb immer mal wieder ansehe

    • donpozuelo permalink*
      8. August 2011 13:18

      Ich glaube auch, dass es genau das ist, was Jarmusch damit erreichen möchte: Seine Filme sind nie einfach nur zum Gucken. Sie sind zum Gucken und Nachdenken. Und so ist es auch bei „Dead Man“: Irgendwas neues findet man immer wieder. 😉

  2. 8. August 2011 08:24

    Sollte ich mir demnach auch mal ansehen…

    • donpozuelo permalink*
      8. August 2011 13:18

      Japp, für den intellektuellen Arthouse-DVD-Abend 😉

  3. 8. August 2011 14:05

    Toller Film, besonders wie der Wandel von Johnnys Charakter umgesetzt wurde.

    • donpozuelo permalink*
      8. August 2011 14:09

      Alles an der Art, wie Depps Charakter durch diesen Film geistert, ist großartig umgesetzt.

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