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Schüler A und Schüler B

29. Juli 2011

Jede gute Geschichte braucht eine sehr gute Einleitung. Es hängt viel von dieser Einleitung ab – kann ich neugierig machen, kann ich schon erste Spannungen aufbauen oder erste Rätsel vorstellen? Die Einleitung muss ein Feuer entzünden, dass so schnell nicht wieder ausgeht. Für einen Film ist so etwas eigentlich immer relativ kurz – man nimmt die ersten zehn Minuten, stellt die Figurenkonstellation vor und deutet an, wer zu welcher Seite gehören könnte! „Könnte“ ist natürlich relativ – schließlich soll es nur eine Einleitung sein, der Zuschauer soll erste Schlüsse ziehen, mit denen der Film dann nach Belieben spielen kann.

Wie gesagt, normalerweise dauert so etwas im Film ungefähr zehn Minuten – hier und da vielleicht ein paar Minuten länger. Mehr aber auch nicht. Was soll uns daher ein Film sagen, der sich für seine Einleitung eine gute halbe Stunde nimmt? Und diese Einleitung dazu noch komplett in einem Klassenzimmer spielen lässt, in dem eine Lehrerin einen langen Monolog hält.

In diesem Monolog beschuldigt die Lehrerin Schüler A und Schüler B des Mordes an ihrer kleinen Tochter. Schnell wird in der Klasse deutlich, dass Schüler A der technisch begabte und äußerst intelligente Shuya (Yukito Nishii) ist, während Schüler B der Einzelgänger Naoki (Kaoru Fujiwara) ist. Da beide durch ihr junges Alter einer gerechten Strafe entkommen, will Frau Yuko Moriguchi (Takako Matsu) den beiden Schülern eine wertvolle Lektion erteilen. Eine Lektion über das Leben, die damit beginnt, dass sie den beiden erzählt, sie habe HIV-positives Blut in ihre Milch getan. Während die Kids daran schmoren sollen, quittiert die Lehrerin ihren Job und geht.

So beginnt der Film „Confessions“ von Tetsuya Nakashima und hat damit schon seine erste halbe Stunde aufgebracht – indem der Zuschauer zusammen mit der Klasse die ganze Zeit über in dem kahlen Klassenzimmer ist. Nur eine Rückblende hier und da lockert das Ganze etwas auf. Doch dieser Beginn, diese Einleitung ist grandios: Anfangs dachte ich noch: „Was soll das alles?“, aber je mehr die Lehrerin erzählt, desto mehr eröffnet sich die krasse Geschichte. Und dann denkt man sich: „Oh, wieder einmal eine Rachegeschichte!“ Ja, es ist ein Rachefilm, aber mit ganz neuem Konzept, sind die, an denen es Rache zu verüben gilt, nicht strafmündig.

Nach der langen Einleitung folgen dann die weiteren Geständnisse. Und jetzt entfaltet „Confessions“ seine gesamte Anziehungskraft. Was in der Einleitung noch langsam und ruhig von statten ging, wird in den anderthalb Stunden „Restfilm“ der Rachefilm zum Psychothriller. Es ist wie ein Schneeball-Prinzip: Was die Lehrerin auslöst, entfaltet sich erst nach und nach. Wie Shuya und Naoki mit dem Geschehenen umgehen, könnte nicht unterschiedlicher sein – aber selbst das ist noch nicht alles, denn vor allem Shuya verfolgt noch ein Ziel.

„Confessions“ hat mich echt vom Hocker gehauen. Mutig war ja schon dieser ruhige Start, der es dann aber faustdick in sich hat. Und dann geht der Film erst richtig ab: In verschiedenen Episoden springt der Film zwischen Naoki, Shuya und dessen Freundin hin und her. In teils sehr kalten Bildern in Grau und Weiß schildert Tetsuya Nakashima, wie sich Schuld wie ein Virus im Kopf verbreitet – allerdings nur bei Naoki. Shuya ist da ein anderes Kaliber. Man darf sich bei diesem Film nie auf das verlassen, was man aus dem Gesehenen schließt. Am Ende kommt es doch ganz anders, als erwartet.

Wer aber glaubt, dass es sich jetzt bei „Confessions“ nur um „Kindertheater“ handelt, den darf ich eines besseren belehren. Ist es nicht! Denn diese Kinder sind alles andere als normal und sie werden auch mal ordentlich gewalttätig. Irgendwann wird aus dem Psychoterror nämlich richtiger Terror – alles muss schließlich mal raus. Und so gibt es, wie es sich für einen Rachefilm gehört, auch ordentlich Gewalt – zumeist zelebriert in stilisierten Bildern und in Zeitlupe.

Tetsuya verbindet ästhetische Bilder mit einer hochgradig spannenden Story und liefert ein erstklassiges Psycho-Drama, dass seines gleichen erst noch finden muss.

Wertung: 10 von 10 Punkten (fies und hinterhältig – man sollte halt doch nie Kindern trauen)

12 Kommentare leave one →
  1. luzifel permalink
    31. Juli 2011 07:21

    Klingt super – wo kann man den Streifen sehen?

    • donpozuelo permalink*
      31. Juli 2011 09:15

      Schwer zu sagen. Selbst hier in Berlin wird der Film nur in zwei kleineren Kinos gezeigt… vollkommen zu Unrecht. Von daher glaube ich kaum, dass du den in der „Provinz“ 😉 irgendwo finden wirst.

  2. 1. August 2011 14:33

    Oh, ich fürchte, ich muss hier auf den DVD-Release warten. Klingt auf jeden Fall nach einem grandiosen Film.

    • donpozuelo permalink*
      1. August 2011 19:52

      Klingt nicht nur so, ist auch so. Wird nur leider vom deutschen Filmverleih nicht gewürdig… wieder einmal.

  3. luzifel permalink
    2. August 2011 08:58

    Hm.. Amazon sagt, dass der Film auf Deutsch im November erscheint. Als UK-Fassung inklusive Import kann man den aber bestellen..

    Hm.. Verwendet UK nicht einen anderen DVD-Codec als wir?

    Grüße

    • donpozuelo permalink*
      2. August 2011 12:48

      Japp, UK-DVDs kannst du dir ohne Bedenken zukommen lassen.

  4. 3. August 2011 10:04

    Yeah, klingt super. Danke für den Tipp.

    • donpozuelo permalink*
      3. August 2011 11:12

      Gern geschehen. Echt sehr empfehlenswert dieser Film.

  5. 10. August 2011 16:42

    Na jetzt muss ich auch mal kommentieren: Ich empfand den Anfang als ziemlich anstrengend, aber interessant, macht natürlich kein Mensch mehr heutzutage. Einfach mal direkt einen überlangen Monolog am Anfang, das sieht man echt gar nicht in anderen Filmen. Die Ästhetik empfand ich als etwas zu Musikvideoclip-asthätisch, hätte auch ein sehr dunkler, böser Clip sein können. Die Geschichte ist ziemlich gut und für mich als Juristen zu Anfang recht witzig gewesen, weil es quasi den Jauchegrube-Fall beschrieben hat und die Lehrerin hat von A und B geredet, was Alltag im Jurastudium ist 😀
    Aber mit der Zeit wirds immer besser und heftiger. Ich dachte dann: Ahja, das ist die japanische Antwort auf ‚I Saw The Devil‘ 😉

    • donpozuelo permalink*
      10. August 2011 17:40

      Ja, am Anfang habe ich mich auch gefragt, was das Ganze soll. Aber es kommt ja dann ordentlich in Fahrt. Die Musikclip-Ästhetik ist unbestritten da, fand ich aber in Ordnung (angesichts der Tatsache, dass wir es hier vor allem mit Teenies zu tun haben, könnte man das sogar irgendwie rechtfertigen 😉 )

      Als Antwort auf „I Saw The Devil“ auf jeden Fall äußerst gelungen.

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