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Geist über Tokio

22. Juli 2011

Sterben bedeutet genau was??? Wenn Filme sich mit dem Sterben beschäftigen, dann ist das immer so eine schwierige Sache. Machen wir jetzt eine Art Geister-Geschichte draus oder lassen wir die gestorbene Person aus dem Jenseits nur zu gucken oder machen wir irgendwas anderes??? Die Möglichkeiten sind schier endlos, weil jeder sich seine eigene Vorstellung davon machen, was passiert, wenn wir sterben.

Eine mögliche Variante ist eigentlich schon fast ein Klassiker: Man stirbt und sieht sein gesamtes Leben wie in einer Art Kurzfilm. Und dann… tja, laut dem tibetanischen Buch des Todes ist das nur der Anfang. Nachdem das frühere Leben an einem vorbeigezogen ist, schwebt man als eine Art Geist durch die Leere und kann beobachten, wie das Leben weitergeht. Das macht man dann so lange, bis man sich entscheidet, wiedergeboren zu werden. Um die Reinkarnation durchzuführen, sucht man sich einfach ein Pärchen beim Sex, schaut mal kurz „rein“, was die Zukunft da so bringen kann und schwupps… es geht alles wieder von vorne los.

So oder so ähnlich lässt sich das Ganze zusammenfassen. Ob das nun alles richtig ist, müsst ihr allerdings Gaspar Noe fragen, denn im Prinzip habe ich euch gerade die Handlung seines Films „Enter the Void“ verraten. Da geht es nämlich genau um das: Der junge Drogendealer Oscar (Nathaniel Brown) lebt mit seiner Schwester Linda (Paz de la Huerta) in Tokio. Beide verbindet das schreckliche Schicksal, den Tod ihrer Eltern bei einem Unfall live miterlebt zu haben. Während Oscar sich als Drogenkurier durchs Leben schlägt, strippt Linda. Und dann eines Tages gerät Oscar in einen Hinterhalt und wird auf einer dreckigen Toilette in einer dreckigen Bar von der Polizei erschossen. Seine Seele verlässt den Körper, er sieht sein Leben an sich vorbei ziehen und betrachtet das Leben seiner Freunde und Bekannten nach seinem Tod.

Gaspar Noe ist ein Ausnahme-Regisseur. Seine Filme bleiben einem lange im Kopf. Und wenn ein Film allein durch seinen Vorspann bereits epileptische Anfälle verursachen könnte, dann darf man sich bei „Enter the Void“ auf etwas gefasst machen.

„Enter the Void“ verlangt seinem Zuschauer einiges ab – vor allem aber Geduld. Mit fast zweieinhalb Stunden hat der Film einige Längen. Aber auch wenn man sich der Zeit wegen etwas anstrengen muss, ist „Enter the Void“ ein (für mich zumindest) visuell einzigartiges Erlebnis und einer der abgefahrensten Filme, den ich seit langem gesehen habe.

Zuerst erinnert „Enter the Void“ an diese Sternenfahrt aus Kubricks „2001“. Oscar im Drogenrausch bedeutet Zuschauer im Farbenrausch. Wie diese Visualisierungseffekte bei den alten Musik-Player rauschen wirre Muster über den Bildschirm, ständig wechseln Farben, Linien, Kreise – egal, was. Wenn man nur lange genug intensiv drauf schaut, bekommt man selbst ein leicht schummeriges Gefühl im Kopf. Diese Bildgewalt behält der Film die ganze Zeit bei. Was Noe hier zu bieten hat, ist wirklich ein Film-Trip!!!

Viel beeindruckender ist da nur noch Noes kontinuierlicher Einsatz einer perspektivischen Kameraführung: Anfangs sehen wir nur durch Oscars Augen (Ego-Shooter-Style) mit dazugehörendem Blinzeln, später wechselt das zwar, aber auch da bleibt die Kamera hinter Oscar. Richtig zu sehen bekommen wir den Hauptdarsteller nur zweimal: wenn er sich im Spiegel betrachtet und wenn er tot auf dem Klo liegt und seine Seele langsam entweicht.

Und mit dem Entweichen der Seele beginnt dann auch das, was mich am meisten an „Enter the Void“ beeindruckt hat. Technisch gesehen absolut grandios schwebt die Kamera die ganze Zeit nur in der Luft und ist ständig in Bewegung. Die Kamera wird Oscars körperlose Seele, die in Sekundenbruchteilen durch Tokio fliegt, Wände durchdringt oder Lichtquellen als Türen zu anderen Orten benutzt. Es ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, ist aber ein total abgefahrenes Seh-Gefühl. Man wird schwerelos, physikalische Gesetze greifen nicht mehr. Als Zuschauer wird man der Geist und schaut sich die Leben der anderen an.

Und diese Leben sind leer. Stumpf und leer. Oscars Schwester ist eine Person ohne Perspektive, ohne wahre Träume. Sie lebt einfach nur so vor sich hin. Der Titel „Enter the Void“ wird also zum inhaltlichen Programm: Erst als Geist erkennt Oscar, wie sinnlos sein Leben und das seiner Mitmenschen war. Aber Oscar ist kein Hollywood-Geist: Er kann nicht in die Leben der anderen einwirken – er kann nur beobachten. Mehr nicht.

„Enter the Void“ verlangt volle Konzentration – aber die bekommt der Film auch. Es hat eine hypnotische Wirkung, die Bilder an einem vorbeiziehen zu sehen. Am besten ist es, diesen Film in einem abgedunkeltem Zimmer zu schauen. Keine Ablenkung, kein gar nichts – nur der Film. Dann ist das Ganze echt ein wenig wie Drogen nehmen. Es hätte zwar alles etwas kürzer sein können, aber das schmälert die krasse Wirkung des Films nicht im geringsten.

Wertung: 8 von 10 Punkten (das ist wirklich ein geiler Trip – kann ich nur wärmstens empfehlen)

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9 Kommentare leave one →
  1. 22. Juli 2011 07:57

    Ich glaube, zu dieser Filmwahl darf ich mir einmal auf die Schulter klopfen 😀
    Stimme dir vollends zu, ein wahnsinnig (in Ermangelung eines besseren Wortes) geiles visuelles Erlebnis.

    • donpozuelo permalink*
      22. Juli 2011 09:37

      *Klopf, klopf* 😉

      Recht haste… 😀

  2. 3. August 2011 10:01

    Klopf klopf as well…

    Sehr interessanter Film. Im Grunde genommen allein der handwerklichen Ausführung wegen empfehlenswert.

    Aber die Längen spürt man in der Tat. Müde sollte man sich den Film keinesfalls anschauen. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      3. August 2011 11:12

      Auf jeden Fall. Müde sollte man nicht sein. „Enter the Void“ ist aber auch so ein Film, den man sich schön im abgedunkeltem Zimmer angucken sollte, damit all diese bunten Farben auch wirklich zur Geltung kommen.

  3. 10. August 2011 16:44

    Zweimal im Kino gesehen und zweimal baff gewese. Das Intro….gehört ins Kino, das entfaltet auf dem Bildschirm nicht seine volle Wirkung glaube ich 😉

    • donpozuelo permalink*
      10. August 2011 17:42

      Oh, wie wahr. Den Film hätte ich auch zu gerne im Kino gesehen. Fernseher kann da nicht mithalten.

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