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Ohne Worte

15. Juli 2011

Es passiert mir eigentlich nicht allzu oft, dass ich keine Worte finde. Aber es gibt Momente, da wird man mit bestimmten Tatsachen konfrontiert, die einem die Worte rauben und nur Platz für ein stummes und entsetztes Kopfschütteln lassen. Meistens sind es die Momente, in denen das eigene, heile Weltbild demontiert wird. Gut, ich will jetzt nicht sagen, ich gehe blauäugig durch die Welt und ignoriere alle Probleme, mit denen der Mensch zu kämpfen hat. Ich bin manchmal schon ein Schwarzseher, aber wie kann man das nicht werden, bei all den grausigen Nachrichten, die wir tagtäglich lesen, hören oder sehen müssen. Und was wir leider Gottes immer wieder dadurch lernen müssen: Der Mensch mag den Menschen nicht! Was wir uns gegenseitig für Dinge antun, ist wirklich wider jeder Natur – und womöglich ein Merkmal, das uns vom Tier unterscheidet.

Sowas ist für Filmemacher natürlich immer wieder ein „gefundenes Fressen“. Dabei hat der Filmemacher zwei Möglichkeiten: entweder er ergötzt sich an den Qualen, macht so einen richtigen fiesen Folterfilm, bei dem wir vor lauter Gedärmen, abgehackten Gliedmaßen und literweise Blut angewidert den Kopf wegdrehen oder es wird weniger bildlich und erhebt er den Anspruch, wie eine Anklage zu sein. Egal, welche Möglichkeit eintrifft, eine Frage stellt sich immer: Muss das sein??? Müssen wir diese Qualen in filmischer Form miterleben, wenn doch alle Berichte darüber schon bildhaft genug sind??? Ich weiß es nicht.

Tommy O’Haver hat sich ein widerliches Thema ausgesucht, dass nur noch widerlicher wird, weil es tatsächlich so passiert ist. Was O’Havers Film „An American Crime“ so richtig widerlich macht, ist die Tatsache, dass er Aktionen der Täter bewusst weglässt. Für gewöhnlich wird ja was dazu gedichtet, bei diesem Film müssen Dinge einfach weggelassen werden.

Worum geht’s nun eigentlich? Im Frühling 1966 kommt es zu einem Aufsehen erregenden Prozess in den USA. Angeklagt sind Gertrude Baniszewski, Mutter von sechs Kindern, einige ihrer Kinder selbst und auch Freunde ihrer Kinder. Die Anklage: Baniszewski hat die junge Sylvia Likens brutal gefoltert und gequält, bis das Mädchen ihren Verletzungen erlag. Sylvias Eltern sind Schausteller und geben ihre Töchter Sylvia und Jennifer in die Obhut von Frau Baniszewski. Doch Geborgenheit finden die Mädchen nicht. Gertrude bestraft Sylvia wegen den kleinsten Kleinigkeiten und quält das Mädchen. Doch sie ist nicht die einzige: ihre Kinder und deren Freunde machen mit – warum sie das getan haben, wollen sie im Prozess nicht mehr wissen.

Was O’Haver uns mit „An American Crime“ liefert, ist ein grausamer Film, der auf sehr erschreckende Weise vorführt, was für Monster Menschen sein können. Zum Glück verzichtet O’Haver darauf einen billigen Exploitation-Film zu machen. Stattdessen dreht sich die Kamera meist (barmherzig für uns) weg, die Schreie von Sylvia dröhnen trotzdem lange in unseren Ohren. Kopfschütteln, nichts als Kopfschütteln löst dieser Film aus. Diese Frau ist ein irres Monster gewesen, der man in jeder Sekunde des Films den Tod wünscht. Leider bekommen wir diese Genugtuung nicht.

In den Hauptrollen erleben wir zwei sehr außergewöhnliche Schauspielerinnen: Ellen Page spielt Sylvia und Catherine Keener die verrückte Baniszewski. Und beide Frauen spielen mit einer erschreckenden Intensität, wobei vor allem Keener den Film beherrscht. Wie ein verrückter Diktator befehligt sie ihre Familie und deren Freunde, mit wahnwitzigen Vorwürfen rechtfertigt sie die Folter an dem jungen Mädchen und versteckt sich dann auch noch hinter der Bibel und Gott.

Zu sagen, „An American Crime“ wäre ein großartiger Film, wäre irgendwie abartig. Es ist ein beängstigender Film, der sich vorgenommen hat, uns mit aller Gewalt zu zeigen, wie brutal der Mensch sein kann. Es ist ein schockierender Film, der seine Zuschauer schlotternd zurücklässt. Es ist wie ein unerwarteter Schlag ins Gesicht: „Wach auf! Die Welt um dich herum ist schlecht.“

Wertung: 8 von 10 Punkten (ein erschreckender, beängstigender Film, den man sich wahrscheinlich wie „Requiem for a Dream“ nur einmal anschauen kann)

11 Kommentare leave one →
  1. 15. Juli 2011 08:18

    Da hast du recht: Diesen Film möchte ich mir ungern nochmal ansehen. Ich tu mich ja auch oft schwer, so Betroffenheitsfilme an mich ranzulassen, aber der hier hat wirklich nachhaltig gewirkt. Den Gegensatz von Unschuld und Wahnsinn hab ich wirklich bisher in keinem Film so intensiv dargestellt gesehen. Mit dem Resultat übrigens, dass ich Keener auf ewig mit dieser Rolle verbinde, was auch irgendwie in einen meiner Lieblingsfilme, Where the Wild Things Are, hineinspielt. Leider.

    • donpozuelo permalink*
      15. Juli 2011 09:35

      Richtig betroffen hat mich der Film dann noch mehr gemacht, als ich gelesen habe, wie viel und was der Film alles ausgelassen hat. Das ist wirklich zu krass.

      Was Frau Keener angeht, gebe ich dir Recht. Obwohl ich Glück hatte und „Where The Wild Things Are“ noch „unbefleckt“ genießen konnte.

  2. 15. Juli 2011 08:27

    Der Film lag ewig bei mir im DVD-Regal, doch dann habe ich ihn letzte Woche ungesehen wieder verkauft. Ich konnte mich nie zu einer Sichtung durchringen und spätestens seit ich Vater bin habe ich keine Lust darauf mir so etwas anzusehen. Mag ja ein guter Film sein, doch mir zu düster-realistisch. Mag eh keine Downer („The Road“ einmal ausgenommen, wobei mögen natürlich nicht das richtige Wort dafür ist).

    • donpozuelo permalink*
      15. Juli 2011 09:36

      Der lief ja letztens im TV und da war ich auch immer wieder kurz davor, einfach umzuschalten, weil irgendwann dieser Zeitpunkt kommt, an dem es wirklich zu düster und zu grausam wird.

  3. 15. Juli 2011 12:56

    Requiem for a Dream habe ich mittlerweile 4?5? Mal geguckt… Das geht schon 🙂
    An American Crime werde ich mir noch kaufen müssen, um den Film im O-Ton zu sehen. Vielleicht wäre Antichrist ein passenderer Vergleich gewesen – der ist doch Tortur pur.

    • donpozuelo permalink*
      15. Juli 2011 14:07

      Okay, „Requiem“ könnte man sich noch einmal anschauen. „An American Crime“ vielleicht eher nicht (du hattest den doch auch schon rezensiert, oder nicht??? Dadurch war mir das irgendwie noch in Erinnerung).

      Der Vergleich zu „Antichrist“ finde ich weniger passend, weil das einfach nur kranker Scheiß war ohne irgendeinen Bezug. „An American Crime“ ist kranker Scheiß, weil es einfach mal wahr ist und das ist umso widerlicher.

      • 15. Juli 2011 14:11

        Ja, bei American Crime habe ich mal Vorarbeit geleistet 😉
        Ok, der von mir angedeutete Vergleich sollte sich eher auf eine weitere Sichtung eines widerlichen Filmes beziehen, weniger auf den Inhalt der zu vergleichenden Filme…

        • donpozuelo permalink*
          15. Juli 2011 14:21

          Achso… aber bei „Antichrist“ weigere ich mich, diesen Schund noch einmal zu gucken. „An American Crime“ könnte man sich vielleicht irgendwann noch einmal anschauen. Da muss jetzt aber erstmal ein wenig Zeit vergehen.

  4. 3. August 2011 09:56

    Doch doch…man darf ruhig sagen, dass der Film grossartig ist. Man interpretiert das schon nicht falsch.

    Und: Catherine Keener ist in der Tat fantastisch in diesem Film. Sehr beeindruckende Leistung.

    • donpozuelo permalink*
      3. August 2011 11:10

      Keener ist unglaublich gut. Die gehört definitiv zu den gruseligsten Kino-Charakteren mit dieser Rolle.

Trackbacks

  1. Einmal und nie wieder | Going To The Movies

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