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Das Leben und ALLES, was dazu gehört

8. Juli 2011

Nach allem, was ich bis jetzt über Terrence Malick gelesen habe, könnte er so was wie ein würdiger Kubrick-Nachfolger sein. Seinen ersten Film veröffentlichte Malick 1969 und hat bis jetzt nur fünf weitere gedreht. Das liegt aber nicht etwa daran, dass der Mann faul ist, sondern eher daran, dass er ebenso perfektionistisch ans Werk geht wie Kubrick. Bestes Beispiel dafür ist sein dritter Film „In der Glut des Südens“. Alle Außenaufnahmen des Films wurden in der Zeitspanne von Sonnenauf- und –untergang gedreht, weil Malick diesen roten Farbton, der dann vorherrscht, im Film haben wollte. Blöd nur, dass man dann immer nur etwa 30 Minuten pro Tag drehen kann. Aber immerhin, laut Filmkritiker-Legende Roger Ebert, ist „In der Glut des Südens“ einer der schönsten Filme, der je gedreht wurde.

Als ich das so alles gelesen habe, war klar, dass ich mir Malicks neuesten Film mal anschauen muss, um mir selbst ein Bild von diesem Regisseur zu machen. Und die Voraussetzungen für „The Tree of Life“ waren gut: sehr viel Kritiker-Lob und die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes. Also, Ticket gekauft und rein ins Kino! Aber auf das, was dann kam, war ich wirklich nicht vorbereitet:

Eigentlich erzählt „The Tree of Life“ die Geschichte der O’Briens. Vater (Brad Pitt) und Mutter (Jessica Chastain) haben drei Söhne. Eigentlich ein idyllisches Familienleben, doch das heile Bild der Welt der O’Briens bröckelt. Der Vater macht sich ewig Vorwürfe, nie etwas aus seinem Leben gemacht zu haben. Wohl aus diesem Grund erzieht er seine Kinder auch etwas strenger als gewöhnlich. Im Gegensatz dazu ist die Mutter naiver, kindlicher und sehr viel herzlicher mit ihren Söhnen. Und trotzdem weiß gerade der älteste Sohn Jack (Hunter McCracken) nicht, welchem Elternteil er sich jetzt mehr hingezogen fühlen soll.

Malick fragt in seinem Film existenzielle Daseinsfragen, will wissen, was uns ausmacht, was uns formt, warum wir werden, wie wir werden. Aber Malick wäre kein Film-Poet, wenn er daraus einfach einen stinknormalen Familienfilm machen würde. Stattdessen fängt er damit an, dass die Familie über den Tod ihres 19-jährigen Sohnes informiert werden. Der Tod stürzt die Eltern in die tiefe Trauer, während Jack selbst im Erwachsenenalter (jetzt gespielt von Sean Penn) nicht über den Tod seines Bruders hinweggekommen ist. Hier setzt Malick an und verzaubert uns optisch mit grandiosen Bildern, die wie die Gedanken Jacks scheinbar ohne logische Verbindung gezeigt werden. Es sind Erinnerungsfetzen an sein früheres Leben und ans Leben überhaupt.

Und das mit dem „Leben überhaupt“ nimmt Malick sehr, sehr genau. Malick beginnt ganz am Anfang: In wirklich atemberaubenden Bildern erblicken wir die Geburtsstunde des Universums, der Erde und des Lebens auf der Erde – von den Dinosauriern bis hin zu den ersten Säugetieren. Es ist wirklich ein Bilderstrom, der verzaubert. Man hört aus dem Off hin und wieder ein leises Flüstern – Fragen nach der Existenz und nach dem Leben. Und mit dieser Filmsequenz scheiden sich wohl die ersten Geister: Was soll das Ganze? Ist es nun ein Dokumentarfilm mit esoterisch-philosophischem Hintergrund oder ein Spielfilm? Es mutet alles etwas verwirrend an, betäubt einen aber durch den enormen Strom an wirklich fantastischen Bildern. Ich möchte nicht wissen, wie lange es gedauert hat, all die Naturbilder zu drehen, aber in den Anfängen zeigt Malick wirklich ein Gedicht an Bildern.

Wenn der erste Strom versiegt ist, landen wir bei der Geburt von Jack und erleben das Leben der O’Brien-Söhne hautnah. Und hautnah heißt auch hautnah. Ohne viele Worte, ohne lange Dialoge werden wir zum Beobachter abgestempelt und müssen/ dürfen uns unser eigenes Bild davon machen, welche Erziehungsmethode die bessere ist. Dabei ist auf jeden Fall klar, dass die Jungs ein Spielball sind, der von zwei Spielern (Vater und Mutter) hin und her „geworfen“ wird. Was in diesen Jungs vorgeht, zeigt sich am besten an Jack selbst, der so etwas wie ein Rebell wird.

Mit diesem Jugend-Drama beschäftigt sich der Film lange Zeit, bevor er sich dann wieder in die Gegenwart begibt – zurück in die Gedankenwelt des älteren Jacks, der am Ende irgendwie doch inneren Frieden findet.

Malick zelebriert mit „The Tree of Life“ das Leben in Bildern. Wortkarg, aber bildgewaltig. Und leider zwischendurch auch recht langatmig. Nach der ersten Verwirrung über Spiralnebel und Galaxien kommt die ruhig und ausschweifend erzählte Geschichte von Jack und seinen Brüder. Das ist hin und wieder etwas langatmig, da Malick auch hier weitgehend auf Dialoge verzichtet. Malick macht Film also des Sehens wegen – er will seinen Zuschauer fordern und füttert ihm seine Geschichte nicht in mundgerechten Portionen. Intelligentes Kino also – Kino als Kunst. Das sieht sehr schön aus, ist aber auf Dauer (und der Film geht fast zweieinhalb Stunden) etwas anstrengend. Einmal kann man sich das anschauen, danach aber auch nicht noch einmal. (Es sei denn, „The Tree of Life“ ist einer dieser Filme, die erst beim zweiten Mal ihre ganze Wirkung entfalten!!!)

Wertung: 6 von 10 Punkten (großartige Bilder in einer Geschichte über das Leben – verwirrend, kompliziert und atemberaubend)

23 Kommentare leave one →
  1. 8. Juli 2011 17:07

    Nur. Hm. Nach allem, was ich über „The Tree of Life“ gelesen habe und was ich von Malick halte, denke ich, für mich persönlich könnte das ein Kandidat Richtung Lieblingsfilm sein. Immerhin gilt das schon für seinen „The Thin Red Line“/“Der schmale Grat“, den ich dringend ein zweites und du scheinbar ebenso dringend ein erstes Mal sehen musst.

    • donpozuelo permalink*
      8. Juli 2011 17:41

      Ich schwankte auch sehr stark. Allerdings ist „The Tree of Life“ wirklich harter Tobak (zumal ich ehrlich gesagt, die Vergleiche zu Kubricks „2001“ nicht wirklich verstehen kann). Wie gesagt, vielleicht muss man den Film auch ein zweites Mal schauen und entscheidet sich dann anders. Aber bei Erstsichtung war ich dann doch etwas „überfordert“.

      „The Thin Red Line“ muss ich tatsächlich erst noch sehen. Habe ich mir aber schon immer vorgenommen und ist weiterhin vermerkt 😉

  2. 9. Juli 2011 01:21

    Wer übezeugte eigentlich mehr? Brad Pitt oder Sean Penn?

    • donpozuelo permalink*
      9. Juli 2011 14:09

      Mmh… also Sean Penn hat eigentlich nicht viel Filmzeit und wenn man ihn sieht, dann läuft er einfach nur irgendwie durch die Gegend. Da hat Brad Pitt mit seiner Rolle schon ein wenig mehr zu tun und ist darin auch richtig gut. Also geht der Kelch wohl an Pitt.

      • 9. Juli 2011 17:45

        Da wird der gute dir sicher dankbar dafür sein ;)…btw hast du den Film in OTon oder Deutsch gesehe`? Würdem ich nur intressieren weil Pitt und Penn den gleichen Synchronsprecher haben

        • donpozuelo permalink*
          9. Juli 2011 18:57

          Ich habe den Film im OTon gesehen. Aber, wie ich schon sagte, so viel redet Sean Penn nicht, da dürfte es nicht weiter auffallen, wenn sie den gleichen Sprecher haben 😉

  3. 11. Juli 2011 07:34

    Der Moldau-unterlegte Trailer allein hat mich eigentlich schon sofort davon überzeugt, diesen Film gucken zu müssen. Ich gebe aber zu, dass mich die große Zahl eher durchschnittlicher Kritiken und die Verheißung von Langeweile durch schöne Bilder schon etwas abschreckt. Wobei ich eigentlich auf genau diesen Mix aus schönen Bildern und quasiphilosophischem Gebrabbel stehe, der da im Trailer vermittelt wird. Das läuft wohl auf Day-1-Kauf/Ausleihe hinaus 🙂

    • donpozuelo permalink*
      11. Juli 2011 07:39

      Ja, bei mir war es auch der Trailer, der mich noch mehr zum Film gezogen hat. Ich mag sowas ja eigentlich auch sehr gerne… Nur es ist tatsächlich etwas zu lang geraten. Aber wie ich ja schon bei Dr. Borstel gesagt habe: Ich könnte mir vorstellen, dass „The Tree of Life“ so ein Film ist, den man beim zweiten Mal gucken vielleicht etwas besser versteht. Vielleicht…. 😉

  4. 11. Juli 2011 18:39

    Ich hatte gelesen, dass es bei Cannes zwar die goldene Palme, aber mindestens so viele Buh-Rufe wie tobenden Applaus gab. Alleine durch diese Fähigkeit, die Masse zu spalten, wird der Film schon interessant. Aber ob ich ihn deswegen im Kino (und somit gezwungenermaßen auf Deutsch) gucke, muss ich mir noch überlegen.

    • donpozuelo permalink*
      11. Juli 2011 19:09

      Das habe ich auch gelesen… aber nicht weiter beachtet. Die Buh-Rufe werden ja irgendwie durch die Goldene Palme wieder zunichte gemacht (oder zumindest eines besseren belehrt). Ich glaube, „The Tree of Life“ ist einer dieser Filme, die es nur einmal in zehn Jahren gibt und den man sich durchaus mal anschauen kann. Ob man ihn dann aber mag, muss jeder selbst entscheiden. Bei diesem Film trifft diese Floskel ganz besonders zu.

  5. 3. August 2011 09:52

    Und ich habe den immer noch nicht gesehen. Mea Culpa.

    Aber ich werde es natürlich nachholen. Schönes Review jedenfalls. Deine Reviews sind die einzigen, die ich ganz ganz selten bereits vor Sichtung des Films lese.

    • donpozuelo permalink*
      3. August 2011 11:08

      Ich fühle mich geehrt, dass du es dieses Mal doch getan hast 😉

      Was den Film angeht, ist der halt schwierig einzuschätzen. Ich denke mal, wenn ich den ein zweites Mal sehen würde, könnte er mir sogar noch ein wenig besser gefallen. Weswegen ich mir den wohl tatsächlich auch auf DVD zulegen werde.

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